Türkei und Griechenland

Erdgas-Krise im Mittelmeer: Erdogan bringt historischen Vorschlag

  • Enno Eidens
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Nach Gesprächen mit Angela Merkel und Emmanuel Macron geht der türkische Präsident Erdogan plötzlich auf Griechenland zu. Beide Parteien erklären sich bereit zum Dialog.

  • Die Türkei und Griechenland wollen an den Verhandlungstisch.
  • Die Spannung beim Erdgas-Konflikt im Mittelmeer stieg in der Vergangenheit.
  • Recep Tayyip Erdogan lenkt nach Gesprächen mit Angela Merkel ein.

Ankara/Athen – Die Lage im östlichen Mittelmeer ist angespannt. Die Türkei streitet mit Zypern und Griechenland über Grenzen, seit einiger Zeit geht es auch um viel Erdgas- und Erdöl. In den letzten Jahren spitzte sich der Konflikt zu, die Konfliktparteien verstärkten ihre Militärpräsenz im östlichen Mittelmeer. Nun gibt es Annäherungen im Gasstreit. Die Türkei und Griechenland erklärten sich am Dienstag (22.09.2020) bereit, mit Sondierungsgesprächen zu beginnen. Zuvor gab es Gespräche mit Frankreich, Deutschland und dem EU-Ratspräsidenten.

Land, Naher Osten:Türkei
Regierungssprecher:Mustafa Şentop
Hauptstadt:Ankara
Bevölkerung:82 Millionen (2019)
Präsident:Recep Tayyip Erdoğan

Erdogan will bei Mittelmeer-Konferenz über Gasvorkommen verhandeln

Möglicherweise könnte sich die Lage im Mittelmeer-Konflikt bald entspannen. Die Türkei unter Recep Tayyip Erdogan und die Republik Griechenland unter Staatspräsidentin Katerina Sakellaropoulou erklärten sich zu Sondierungsgesprächen bereit. Seit 2016 gab es keine Gespräche zwischen den beiden Konfliktparteien. Das griechische Außenministerium gibt laut AFP-Berichten an, dass bald ein Treffen in Istanbul stattfinden wird. Erdogan schlägt zudem in einer Erklärung der türkischen Präsidentschaft vor, alle Konfliktparteien in einer regionalen Konferenz an einen Tisch zu bringen – auch die türkischen Zyprer. Der Zypernkonflikt in 1974 löste den Grenzstreit zwischen der Türkei und Griechenland aus. (In diesem Absatz wurde zuvor fälschlicherweise der ehemalige Präsident Prokopis Pavlopoulos statt seiner Nachfolgerin genannt, Anm.d.Red.)

In seiner Rede bei der Generaldebatte der UN-Vollversammlung thematisiert Recep Tayyip Erdogan den Konflikt im östlichen Mittelmeer. In seiner Videobotschaft forderte der türkische Präsident einen „aufrichtigen“ Dialog zur Beilegung des Streits und beschwerte sich über „Schikanen“ des Westens. Noch vor der Ankündigung über die Sondierungsgespräche hatten sich der türkische Präsident, die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und der EU-Ratspräsident Charles Michel per Videokonferenz besprochen. Auch mit dem französischen Staatschef Emmanuel Macron hat Erdogan am Dienstag geredet. Die Stimmung zwischen Frankreich und der Türkei ist weiterhin angespannt.

Recep Tayyip Erdogan verhandelt mit Emmanuel Macron über Erdgas-Konflikt im Mittelmeer

Recep Tayyip Erdogan und Emmanuel Macron diskutierten den Mittelmeer-Konflikt am Dienstag telefonisch. In einer Erklärung der türkischen Präsidentschaft heißt es: „Präsident Erdogan sagte, er erwarte von Frankreich in diesem Prozess gesunden Menschenverstand und eine konstruktive Haltung.“ Der französische Staatschef Macron verlangte nach Angaben des Elysée-Palasts von Erdogan, „die Souveränität der EU-Mitgliedstaaten und das Völkerrecht voll und ganz zu respektieren“.

Zudem rief Macron seinen türkischen Amtskollegen dazu auf, von „weiteren einseitigen Maßnahmen abzusehen, die Spannungen hervorrufen könnten“. Die Türkei müsse sich „eindeutig für den Aufbau eines Raums des Friedens und der Zusammenarbeit im Mittelmeerraum einsetzen“, berichtet die AFP. Frankreich hatte wegen der verstärkten Spannungen zwischen der Türkei und Griechenland seine Marinepräsenz im Mittelmeer verstärkt, um Griechenland zu unterstützen.

Frankreich, Italien, Zypern und Griechenland demonstrieren mit Militärmanövern Stärke. Erdogan schickt selbst auch Kampfschiffe und will verhandeln. (Montage)

Vor rund zwei Wochen rief Emmanuel Macron die Türkei dazu auf, in dem Konflikt „rote Linien“ nicht zu überschreiten. Auch die Türkei schickt regelmäßig Kriegsschiffe ins östliche Mittelmeer. Die EU drohte Erdogan im August 2020 mit Sanktionen, solle die Türkei nicht einlenken. Beim EU-Gipfel im Oktober hofft Erdogan nach Angaben seines Büros auf „neues Leben“ in der Beziehung zwischen der Türkei und der EU.

Internationale Interessen an Ressourcen im östlichen Mittelmeer – Ägypten und Israel planen Pipeline

Nicht nur die Türkei und Griechenland sichern und fördern Rohstoffe im östlichen Mittelmeer. Auch Ägypten und Israel verhandeln über eine Pipeline, die Erdgas aus Ägypten in die EU liefern soll. Bei dem ersten Dialogforum über die Pipeline waren Griechenland, die Republik Zypern, Jordanien, Italien und die Palästinensische Autonomiebehörde am Tisch. Türkische Vertreter kamen nicht. Das größte bisher bekannte Erdgasfeld im östlichen Mittelmeer ist das Leviathan in Israel. Dort sollen 510 Milliarden Kubikmeter Gas liegen. In Zypern gibt es es Erdgasfeld Aphrodite mit geschätzt 200 Milliarden Kubikmeter Gas.

Die Türkei hat das Seerechtsabkommen der Vereinten Nationen nie unterschreiben und erkennt die Hoheitsgewässer der Insel Zypern nicht vollständig an. Der Territorialkonflikt zwischen der Republik Zypern und der Türkei entsteht unter anderem durch das komplexe Seerecht und die von der UN nicht anerkannte Teilung der Insel Zypern.

Rubriklistenbild: © afp/ADEM ALTAN

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