Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Im Exil

Türkischer Mafia-Boss erhebt schwere Vorwürfe – und bringt Erdoğan in Bedrängnis

  • VonDavid Suárez Caspar
    schließen

Der ehemalige Anführer einer kriminellen Vereinigung unterstellt hochrangigen türkischen Politikern Verbindungen zu organisierter Kriminalität. Erdoğan ist im Zugzwang.

Dubai – Drogendeals, Vergewaltigungen und Auftragsmorde: Diese und weitere schwere Vorwürfe bringen die Regierung der Türkei um Präsident Recep Tayyip Erdoğan in Erklärungsnot. Der im Exil lebende Sedat Peker, ehemals Anführer einer kriminellen Vereinigung, veröffentlicht seit Anfang Mai auf Youtube Videos, in denen er über die Verwicklungen von Politikern mit kriminellen Machenschaften erzählt. Die Videos werden millionenfach aufgerufen.

Sedat Pekers prominentestes Ziel ist der amtierende Innenminister Süleyman Soylu, dem er Verbindungen zu kriminellen Machenschaften unterstellt. Soylu habe Peker vor geplanten Razzien gegen das kriminelle Netzwerk gewarnt und ihn so vor einer Verhaftung geschützt. Dies ermöglichte Pekers Flucht nach Dubai Anfang 2020.

Auch sei Soylus Rücktrittsangebot im Frühjahr 2020 nach der übereilten Ankündigung der ersten Ausgangssperre  geplant gewesen. Auf Social Media wurden innerhalb kürzester Zeit über eine Million Nachrichten versendet, die das Bleiben des Innenministers forderten. Präsident Erdoğan lehnte daraufhin Soylus Angebot ab, wodurch die Machtposition des Innenministers gestärkt wurde. Peker erzählt, er habe mit seinem Netzwerk die Kampagne unterstützt.

In seinen Videos erhebt Sedat Peker schwere Vorwürfe gegen Erdoğan und seine Regierung.

Sohn von Erdoğan-Vertrauten wird Kokainschmuggel vorgeworfen

Noch schwerere Anschuldigungen treffen den Ex-Innenminister Mehmet Ağar. Peker wirft ihm vor, in die Morde an dem türkischen Journalisten Uğur Mumcu und dem türkisch-zypriotischen Journalisten Kutlu Adalı verwickelt gewesen zu sein. Für das Attentat an Adalı habe Peker seinen Bruder Attila angeheuert, doch dieses scheiterte. Monate später wurde Adalı von einem anderen Attentäter ermordet, erzählt Peker. Ein Prozess gegen Agar wegen ungeklärter Morde aus den 1990er-Jahren wird demnächst neu verhandelt, nachdem ein Gericht kürzlich frühere Freisprüche aufgehoben hat, wie das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtet.

In seinem neuen Video behauptete Peker auch, dass Agar und ein Sohn des ehemaligen Ministerpräsidenten und Erdoğan-Vertrauten Binali Yıldırım in den internationalen Drogenschmuggel verwickelt seien. Yıldırım beschuldigte er, Kokain zwischen der Dominikanischen Republik und der Türkei zu schmuggeln. Auch hier fehlen Beweise für die Anschuldigungen. Yıldırım stritt diese Vorwürfe noch am Sonntag (23.05.2021) nach Veröffentlichung des Videos ab.

Erdoğan: Journalist konfrontiert Regierung mit Vorwürfen und wird gefeuert

Noch treffen keine Vorwürfe Präsident Erdoğan direkt. Jedoch bringen die Anschuldigungen an Soylu, Yıldırım und andere Erdoğan in Erklärungsnot. Dieser steht ohnehin unter zunehmenden Druck, da seine Beliebtheit mit steigender Arbeitslosenzahl und Inflation Einbußen gemacht hat. Auch die Umfragewerte seiner Partei AKP stehen nach dem Meinungsforschungsinstitut Metropoll nur noch bei 27 Prozent – gegenüber 42,6 Prozent bei der Parlamentswahl vom Juni 2018.

Wer die türkische Regierung mit den Anschuldigungen von Sedat Peker konfrontiert, muss mit harten Maßnahmen rechnen. Musab Turan, Reporter der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu, fragte bei einer Pressekonferenz zwei Minister, wie die Regierung auf die Vorwürfe Pekers reagieren werde. Noch am Freitagabend (21.05.2021) feuerte die Agentur ihren Reporter fristlos wegen „Verstoßes gegen journalistische Grundsätze und Verbreitung politischer Propaganda“, berichtet das Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Erdoğan und seine Regierung: Anschuldigungen möglicherweise ein Racheakt

Über Pekers mögliche Intention hinter den Anschuldigungen lässt sich nur mutmaßen. Eine mögliche Erklärung kann Soylus Rat an Peker, sich für ein Jahr ins Ausland zurückzuziehen, gewesen sein. Nachdem Peker seinen Rat gefolgt war, ließ Soylu mehrere Männer auf Pekers Gehaltsliste verhaften und die Villa Pekers in Istanbul durchsuchen.

Wieviel an Pekers Anschuldigungen der Wahrheit entspricht, kann momentan nicht überprüft werden. Der amerikanische Türkeiexperte Ryan Gingeras, der ein Standardwerk über die türkische Mafia geschrieben hat, sagte im Interview mit dem türkischen Medium Medyascope, dass es entscheidend sei, dass man in der türkischen Öffentlichkeit Verbindungen zwischen organisierter Kriminalität und Politik überhaupt für möglich halte. (David Suárez Caspar)

Rubriklistenbild: © Youtube

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare