Idlib

Erdogan im syrischen Sumpf

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Die Türkei verstrickt sich immer tiefer in den scheinbar endlosen Bürgerkrieg.

Seit Anfang Februar sind bei der Belagerung der letzten syrischen Rebellenhochburg Idlib mindestens zwölf türkische Soldaten durch Artilleriefeuer der Truppen des syrischen Diktators Baschar al-Assad getötet worden. Die Türkei unterhält seit 2018 in der Provinz Idlib zwölf militärische Beobachtungsposten und unterstützt die Kämpfer in Idlib.

Auf den Beschuss durch die Syrer antwortete die türkische Armee am Montag mit massiven Gegenschlägen, bei denen laut Verteidigungsministerium in Ankara 101 Assad-Soldaten getötet wurden. Drei Panzer, zwei Geschützstellungen und ein Kampfhubschrauber seien zerstört worden, hieß es. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan beriet am Dienstag mit seinem Vize Fuat Oktay, Verteidigungsminister Hulusi Akar, Außenminister Mevlüt Cavusoglu und führenden Militärs über das weitere Vorgehen.

Eroberung von Damaskus?

In den vergangenen Tagen hat die Türkei ihre Truppen in der Region Idlib mit Hunderten Panzern und Artillerie verstärkt. Der Kampf um Idlib wird als die Entscheidungsschlacht im Syrienkonflikt gehandelt. Kann Assads Armee die mit der Türkei verbündeten Rebellen dort besiegen und die ganze Provinz besetzen, wird das auch das Ende der türkischen Präsenz in diesem Teil Syriens sein. In Ankara fürchtet man außerdem eine massive Flüchtlingswelle. In der Provinz leben etwa drei Millionen Menschen. Etwa eine Million davon sind Flüchtlinge aus der Region Aleppo. Nach Angaben der UN sind seit Anfang Dezember bereits etwa 700 000 Menschen vor den heranrückenden Kämpfern Assads aus Idlib geflohen, die meisten in Richtung türkischer Grenze. Gespräche zwischen der Türkei und Russland, neben dem Iran „die“ Schutzmacht Assads, haben bisher den Vormarsch nicht stoppen können.

Ankara konnte sich im September 2018 mit Moskau auf einen Waffenstillstand in Idlib verständigen. Diese Abmachung aber ist nun ihr Papier nicht mehr wert. Und so wächst die Kritik der Türken an den Russen. Während Erdogan seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges vor neun Jahren auf einen Sturz des Assad-Regimes hingearbeitet hat, hielt Putins Machtapparat stets treu zu den alten Machthabern in Damaskus. Gleichzeitig haben Türken und Russen sich aber auch in Syrien bislang immer eng abgestimmt bei ihren jeweiligen Aktionen. Eigentlich liegen sich die Moskaus Großmacht- und Ankaras Regionalmachtinteressen über Kreuz. Diese ohnehin fragile Kooperation wird also jetzt in Idlib auf eine schwere Probe gestellt.

Erdogans Koalitionspartner Devlet Bahceli, Führer der ultra-nationalistischen Partei MHP, beschuldigte Russland, es verbreite „Märchen, Irreführung und Betrug“. Bahceli forderte, nach den Angriffen der Assad-Armee auf die türkischen Stellungen müsse die Regierung ihre Beziehungen zu Moskau überprüfen. Russland sei für den Tod der türkischen Soldaten genauso verantwortlich wie das syrische Regime, sagte Bahceli am Dienstag vor seiner Parlamentsfraktion. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu zitierte Bahceli mit der Forderung: „Wenn nötig, sollte die türkische Nation Pläne zur Eroberung von Damaskus vorbereiten.“

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