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Straßenszene in der nordsyrischen Stadt Manbidsch.

Krieg

Erdogan stoppt Invasion

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Die Türkei und die USA verhandeln über eine Schutzzone in Nordsyrien. Seit einem Jahr droht Erdogan bereits mit einem Einmarsch.

Er hat gewarnt, und er hat gedroht: Seine Geduld sei erschöpft, sagte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan in den vergangenen Tagen immer wieder und kündigte einen militärischen Alleingang der Türkei gegen den „Terrorsumpf“ im Norden Syriens an. Nach dreitägigen Verhandlungen US-amerikanischer und türkischer Militärs und Diplomaten in Ankara ist die Invasion zunächst abgewendet. Doch der Konflikt schwelt weiter.

Seit einem Jahr droht Erdogan bereits mit einem Einmarsch in Nordsyrien. Dort kontrollieren die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) das Grenzgebiet zur Türkei vom Ostufer des Euphrat bis zum Irak. Das Rückgrat der SDF sind die kurdischen Volksbefreiungseinheiten YPG. Die Kurden wollen an der Grenze zur Türkei eine Selbstverwaltungszone aufbauen. Erdogan spricht von einem „Terrorkorridor“. Denn die YPG ist der syrische Ableger der verbotenen PKK. Bei deren bewaffnetem Kampf für Autonomie in der Türkei starben seit Mitte der 1980er mehr als 40 000 Menschen.

Erdogan will deshalb die kurdischen Milizen aus der Grenzregion vertreiben und auf syrischer Seite der Grenze eine von ihr überwachte „Sicherheitszone“ einrichten. Er verfolgt damit zwei Ziele: Er will die YPG von der türkischen Grenze fernhalten, zugleich könnte er in der Pufferzone syrische Flüchtlinge ansiedeln, die jetzt noch in der Türkei Schutz suchen.

Aber auch die USA haben eigene Interessen in der Region. Sie sind in dem kurdisch kontrollierten Gebiet mit einigen hundert Soldaten und Militärberatern vertreten. Die von den Kurdenmilizen geführten SDF sind ihr wichtigster Verbündeter im Kampf gegen den „Islamischen Staat“. Die Terrormiliz ist zwar in Syrien weitgehend geschlagen, verfügt aber nach Einschätzung von Experten über Schläferzellen. Außerdem halten die SDF etwa 10 000 „IS“-Kämpfer gefangen. Sie könnten in den Wirren einer türkischen Invasion entkommen und sich neu formieren.

Die USA warnten deshalb seit Monaten die Türkei vor einer Invasion. Man werde eine einseitige Intervention der türkischen Streitkräfte „verhindern“, kündigte US-Verteidigungsminister Mark Esper erst am Dienstag an. Da verhandelten Delegationen beider Länder bereits in Ankara über eine Lösung der Streitfragen. Am Mittwoch verkündeten beide Seiten eine Einigung. Man wolle „so bald wie möglich“ ein gemeinsames Operationszentrum für die Schaffung einer Schutzzone aufbauen.

Aber wichtige Fragen sind weiter ungeklärt. Während die Türkei einen 30 bis 40 Kilometer breiten Schutzstreifen fordert, wollen die USA nur eine 15 Kilometer breite Zone. Auch gegen die Forderung der Türkei, die YPG müsse ihre Waffen abgeben, sträuben sich die US-Amerikaner. Sie wollen die Kurdenmilizen nicht schwächen, falls sich der „IS“ neu formiert. Ebenfalls strittig ist, wie und von wem die Schutzzone überwacht werden soll. Wenn es nicht gelingt, in den nächsten Wochen über diese Fragen Einigkeit zu erzielen, könnte Erdogan seine einstweilen aufgeschobenen Invasionspläne wieder aktivieren.

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