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Ein türkischer Militärkonvoi nahe Idlib: Ankara verstärkt seit Tagen die eigenen Einheiten in der Region.

Syrienkrieg

Erdogan stößt in Syrien an Grenzen

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Konfrontation mit Assad, Spannungen mit Putin – die Türkei steckt in einer Sackgasse.

Der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan und Kremlchef Wladimir Putin lassen keine Gelegenheit aus, ihre guten Beziehungen zu betonen. Im Syrienkrieg stehen die Türkei und Russland zwar auf gegensätzlichen Seiten, stimmen sich aber dennoch bisher eng ab. Doch jetzt verursacht der von Moskau unterstützte Vormarsch der syrischen Armee auf die Rebellenhochburg Idlib Risse in der türkisch-russischen Allianz. Erdogans Syrien-Invasion könnte in einem Desaster enden.

Am Samstag kam eine ranghohe russische Delegation unter Führung von Putins Syrien-Sonderbotschafter nach Ankara, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Seit vergangene Woche in Idlib acht Angehörige des türkischen Militärs bei einem Angriff syrischer Truppen getötet wurden, sind die Beziehungen gespannt. Ergebnisse des dreistündigen Treffens wurden zunächst nicht bekannt. Weitere Gespräche sind für diese Woche geplant.

Die Türkei war im Dezember 2017 in der Region Idlib einmarschiert, um dort eine „Pufferzone“ zu errichten, wie es offiziell in Ankara hieß. Die türkische Armee unterhält dort zwölf militärische Beobachtungsposten. Jetzt versucht der syrische Machthaber Baschar al-Assad, die letzte verbliebene Rebellenhochburg Idlib zurückzuerobern. Unterstützung erhält er dabei von Russland, das neben dem Iran sein wichtigster Verbündeter ist. Vier türkische Militärposten hat die syrische Armee bereits umzingelt. Am Samstag eroberte sie die strategisch wichtige Stadt Sarakeb südöstlich von Idlib.

Staatschef Erdogan droht mit Gegenschlägen, wenn Syrien seine Truppen nicht bis Ende Februar zurückzieht. Um dem Ultimatum Nachdruck zu verleihen, verstärkt die Türkei nun ihre Einheiten in diesem Teil Syriens. Nach Angaben der oppositionsnahen syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte überquerten am Wochenende türkische Militärkonvois mit 430 Fahrzeugen die Grenze.

Die Konfrontation in Idlib stellt die türkisch-russischen Beziehungen auf eine schwere Probe. Risse werden bereits sichtbar: Vergangene Woche nahm die Türkei in Nordsyrien nicht an einer gemeinsamen Patrouille mit Russland teil. Bei einem Besuch in der Ukraine betonte Erdogan in der Krim-Frage die Solidarität mit Kiew. Auch auf russischer Seite ist eine Abkühlung zu erkennen: Die staatlichen russischen Nachrichtenkanäle Novosti und Tass beschuldigen jetzt die Türkei, sie unterstütze in Idlib dschihadistische Gruppen mit Verbindungen zu al-Kaida.

Von Moskau abhängig

Die Türkei, die bereits 3,6 Millionen geflohene Syrer beherbergt, fürchtet bei einem weiteren Vormarsch der syrischen Truppen eine neuen Andrang von Flüchtlingen. Erdogan soll diese Sorge vergangene Woche in einem Telefonat mit Putin vorgetragen haben. Dass der Kremlchef deshalb Assad die Rückeroberung von Idlib ausreden will oder kann, ist aber unwahrscheinlich.

Für Erdogan droht in Syrien nun ein Showdown: Entweder er verstrickt seine Truppen in langwierige und verlustreiche Kämpfe mit der syrischen Armee und riskiert eine militärische Konfrontation mit russischen Einheiten, oder er zieht sich aus diesem Teil Syriens zurück und riskiert den Andrang hunderttausender Flüchtlinge. Das wäre auch innenpolitisch eine schwere Schlappe.

Kommt es gar zu einem Bruch mit Moskau, wären die Folgen noch dramatischer. Russland ist der wichtigste Energielieferant und der größte Tourismusmarkt für die Türkei, Putin einer der letzten Freunde, die Erdogan im Ausland noch hat. Verliert er ihn, wäre die Türkei international noch isolierter.

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