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Verfolgung seiner Feinde im Ausland: Recep Tayyip Erdogan nimmt sich ein Beispiel an US-Präsident Donald Trump. 

Türkei und Balkan

Erdogan nutzt Einfluss in Bosnien zum Kampf gegen Gülen

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Bosnien-Herzegowina will wieder einen Gülen-Anhänger nach Ankara abschieben. Kein Wunder: Die Türkei fördert das Land und stellt Forderungen.

Vor kurzem erst verkündete der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, auch die Türkei beanspruche das Recht, politische Feinde und „Terroristen“ im Ausland zu verfolgen – oder gar zu töten, wie die USA es zuvor mit IS-Führer Abu Bakr al-Baghdadi getan hatten. Die „Washington Post“ sieht da Verbindungen zu Übergriffen auf Kurden-Aktivisten im Ausland und zur Festnahme von Vertrauensanwälten der deutschen Botschaft in Ankara. Die Festnahmen gefährden viele Asylbewerber in Deutschland, auch Anhänger der Gülen-Bewegung, die vom Erdogan-Regime für den Putschversuch 2016 verantwortlich gemacht wird.

Eine weniger grobe, aber ebenso wirksame Methode, Gegner im Exil aus dem Verkehr zu ziehen, praktiziert die Türkei offenbar in Bosnien-Herzegowina: die der Einflussnahme durch Diplomatie und Investitionen. Am Mittwoch wurde bekannt, dass Bosnien-Herzegowina einen aus der Türkei stammenden Schulleiter offenbar auf Wunsch Erdogans an Ankara ausliefern will. Die bosnische Ausländerbehörde entzog Fatih Keskin, Direktor des Richmond Park College in Bihac im Nordwesten des Landes, die Aufenthaltserlaubnis und nahm ihn in Abschiebehaft, wie sein Anwalt mitteilte.

Erdogan mit Abschiebeliste

Keskin wird der Bewegung des in den USA im Exil lebenden Predigers Fethullah Gülen zurechnet. Der Schulleiter ist laut dem unabhängigen Balkan-Recherchenetzwerk Birn seit mehr als 15 Jahren in Bosnien und hat dort Familie. Sein Anwalt kündigte an, gegen die Verhaftung zu klagen. Vier anderen mutmaßlichen Gülen-Anhängern, denen die Behörden das Aufenthaltsrecht entzogen hatten, hätten die Gerichte recht gegeben.

Die bosnischen Richmond-Park-Schulen, zu denen auch eine Universität gehört, sind hervorgegangen aus den früheren Bosna-Sema-Einrichtungen. Als Ankara nach dem Putschversuch die Schließung der Schulen unter dem Bosna-Sema-Dach forderte, weil sie zur Gülen-Bewegung gehörten, wechselten die den Eigentümer. Im Sommer erst legte Erdogan bei einem Besuch in Sarajevo Listen mit angeblichen Gülen-Aktivisten vor und verlangte deren Auslieferung, berichtet Birn.

Die Türkei hat seit der Machtübernahme Erdogans ihren Einfluss auf dem Balkan permanent gesteigert. Ankara betont bei jeder Gelegenheit die gemeinsame Vergangenheit im Osmanischen Reich und investiert massiv in den Nachfolgestaaten des früheren Jugoslawien, gerade auch – wie die Gülenbewegung – in Bildungseinrichtungen. Die Internationale Universität von Sarajevo etwa gilt als Erdogan-nah. Aktuell fördert die Türkei auch den Bau einer Autobahn, die Bosnien und Serbien verbinden soll, und kommuniziert das als Friedensprojekt. Sefik Dzaferovic, bosniakischer Vertreter im dreiköpfigen Staatspräsidium Bosnien-Herzegowinas, lobte erst im Oktober, die Türkei sei ein Stabilitätsfaktor in der Region. Gegenleistung dafür könnten Festnahmen wie die Fatih Keskins sein.

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