Republik Nordzypern

Erdogan mischt mit: Kalkulierte Provokation vor der Wahl in Nordzypern

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Präsident Mustafa Akinci muss in die Stichwahl gegen Ersin Tatar, den Favoriten des türkischen Präsidenten Erdogan. Die Wahl strahlt auf die Türkei und den gesamten östlichen Mittelmeerraum aus.

  • Auf Zypern wird gewählt: Die Wähler in der von der Türkei kontrollierten Nordhälfte der Insel entscheiden über einen neuen Präsidenten.
  • Der Amtsinhaber und Präsident der Republik Nordzypern, Mustafa Akinci, wird herausgefordert von Ersin Tatar.
  • Tatars Partei UBP gilt als verlängerter Arm des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Zypern - Bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen in der international nur von der Türkei anerkannten Republik Nordzypern am Sonntag konnte kein Kandidat die nötige absolute Stimmenmehrheit erringen. Deshalb muss über den zukünftigen Chef des Pseudo-Staates in einer Stichwahl am kommenden Sonntag entschieden werden. Dann treten der 72-jährige Amtsinhaber Mustafa Akinci und der von der Schutzmacht Türkei favorisierte Ministerpräsident Ersin Tatar (60) gegeneinander an. Der Wahl kommt diesmal nicht nur entscheidende Bedeutung für eine mögliche Lösung des Konflikts um die geteilte Mittelmeerinsel zu, sondern könnte sich politisch auch auf die Türkei und die Spannungen im östlichen Mittelmeerraum auswirken.

Will eine Zwei-Staaten-Lösung auf Zypern: Ersin Tatar, Präsidentschaftskandidat und Premierminister.

Erdogans Kandidat Tatar liegt nach der ersten Runde vorn - in der Stichwahl gilt sein Gegner Akinci als leichter Favorit

Nach Auszählung fast aller Wahlzettel erreichte der linke Politiker Akinci 29,84 Prozent, sein rechtsgerichteter Herausforderer Tatar 32,35 Prozent. In Nikosia wurde erwartet, dass der mit 21,68 Prozent Drittplatzierte Tufan Erhuman zur Unterstützung Akincis aufrufen werde, denn seine Mitte-Links-Partei TKP steht wie der Präsident in klarer Opposition zu Tatars UBP, die als verlängerter Arm des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gilt.

„Am nächsten Sonntag wird es eng mit leichten Vorteilen für Akinci“, sagte der deutsche Politikwissenschaftler Hubert Faustmann von der Universität Nikosia. „Es ist wahrscheinlich, aber nicht gesichert, dass Akinci gewinnt.“ Die drittgrößte Mittelmeerinsel ist seit einem griechischen Putsch und der folgenden türkischen Invasion 1974 geteilt in das türkische Nordzypern und die international anerkannte Republik Zypern im Süden, seit 2004 EU-Mitglied. Wer den zweiten Wahlgang gewinnt, steht vor der Aufgabe, Nordzypern in den von den Vereinten Nationen angestrebten neuen Wiedervereinigungsverhandlungen zu vertreten. Der Druck wächst, nach 46 Jahren endlich zu einem Ergebnis zu kommen.

Akinci will gleichberechtigte Wiedervereinigung Zyperns, der von Erdogan gestützte Tatar will eine Zweistaatenlösung

Akinci und Tatar vertreten gegensätzliche Lösungsansätze. Akinci plädierte stets für eine gleichberechtigte Wiedervereinigung als föderaler Staat in der EU, während Tatar eine Zweistaatenlösung und enge Kooperation Nordzyperns mit der Türkei anstrebt. Tatar wird dabei von Erdogan unterstützt, der massive Wahlhilfe für ihn leistete. Der türkische Staatschef muss befürchten, dass ein Sieg des säkularen Akinci der Opposition in der Türkei Auftrieb verleiht und den Streit über unterseeische Erdgasreserven mit Südzypern befriedet, den Ankara aus geostrategischen Gründen eskaliert.

Deshalb riefen Minister aus Ankara in nordzyprischen Gemeinden zur Wahl Tatars auf und versprachen neue Zuwendungen. Erdogan ließ Tatar zudem vergangene Woche einen Badestrand in der vom türkischen Militär besetzten „Geisterstadt“ Varoscha im Niemandsland zwischen den Inselhälften öffnen, ein Verstoß gegen UN-Resolutionen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan unterstützt Ersin Tatar.

Erdogan verstößt in Zypern gegen UN-Resolutionen - eine kalkulierte Provokation

Das war eine kalkulierte Provokation des Inselsüdens und der UN, die entsprechend empört reagierten – ebenso wie Präsident Akinci, der zudem erklärte, er sei von Mittelsmännern aus Ankara „klar bedroht“ und aufgefordert worden, seine Kandidatur zurückzuziehen. Nach dem Varoscha-Coup verließ zwar ein Koalitionspartner Tatars Regierung, die daraufhin zusammenbrach. Als aber Ersin Tatar am Donnerstag selbst am Varoscha-Strand erschien, wurde er von türkischen Immobilieninvestoren begleitet – eine mehr als deutliche Geste.

Tatars Botschaft ist: Ich habe die Beziehungen zu Ankara, und ich bin derjenige, der das Geld verteilt“, sagt der Makler Levent Gözmen aus Nord-Nikosia. Viele Zyperntürken, die inzwischen eine Minderheit unter Einwanderern aus der Türkei bildeten und die schleichende Islamisierung durch Ankara ablehnen, betrachteten den Urnengang als Schicksalswahl, sagt er. „Akinci ist die letzte Chance für uns, eine Wiedervereinigung zu erreichen und unsere kulturelle Identität zu bewahren. Wenn er verliert, laufen wir Gefahr, eine Provinz der Türkei zu werden. Viele türkische Zyprioten sitzen schon auf gepackten Koffern.“ (Frank Nordhausen)

Rubriklistenbild: © Mehmet Ali Ozcan/picture alliance/dpa

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