Karikaturen-Streit

Wütende Proteste wegen Erdogan-Karikatur von Satirezeitung „Charlie Hebdo“ in der Türkei

Die Türkei hat nach der Erdogan-Karikatur des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ juristische und diplomatische Schritte angekündigt.

  • Die Stimmung zwischen Frankreich und der Türkei ist seit Tagen aufgeheizt.
  • Auslöser der Spannungen waren Äußerungen Macrons nach dem Anschlag auf einen Lehrer bei Paris, der Mohammed-Karikaturen von „Charlie Hebdo“ in seinem Unterricht gezeigt hatte.
  • Nun hebt „Charlie Hebdo“ eine Karikatur des türkischen Staatschefs Recep Tayyip Erdogan auf die Titelseite ihrer neuen Ausgabe.

Update vom Donnerstag, 29.10.2020, 10.17 Uhr: Der türkische Präsidente Recep Tayyip Erdogan hat am Mittwoch die Karikatur der Satirezeitung „Charlie Hebdo“ einen „widerwärtigen Angriff“ genannt und bezeichnete die Verantwortlichen als „Schurken“. Die Türkei kündigte juristische und diplomatische Schritte an. Paris verbat sich derweil „Einschüchterungsversuche“ aus Ankara. In mehreren muslimischen Ländern kam es erneut zu anti-französischen Protesten.

„Charlie Hebdo“ hatte auf der Titelseite seiner neuen Ausgabe eine Karikatur veröffentlicht, die Erdogan in Hemd und Unterhose mit einer Dose Bier zeigt. Erdogan hebt darauf mit den Worten „Ooh, der Prophet“ den Rock einer verschleierten Frau hoch und enthüllt ihr nacktes Hinterteil. Betitelt ist die Karikatur mit den Worten: „Erdogan: Unter vier Augen ist er sehr lustig“.

Präsident Recep Tayyip Erdogan will „notwendige“ Maßnahmen gegen Karikatur einleiten

Gegen die „niederträchtige Karikatur“ würden die „notwendigen“ Maßnahmen ergriffen, teilte das türkische Präsidialamt mit. Die Zeichnung spiegele eine „Feindseligkeit gegenüber Türken und dem Islam“ wider. Die Staatsanwaltschaft von Ankara leitete Ermittlungen gegen die Leitung von „Charlie Hebdo“ wegen Präsidentenbeleidigung ein.

„Ich habe diesen Schurken, die meinen geliebten Propheten in einem solchen Ausmaß beleidigen, nichts zu sagen“, erklärte der türkische Staatschef. Er sei „traurig und frustriert“, nicht wegen des Angriffs auf ihn, sondern wegen der Beleidigungen des Propheten Mohammed.

Streit zwischen Türkei und Frankreich eskaliert: Erdogan greift „Charlie Hebdo“ scharf an 

Update, 13.20 Uhr: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ wegen einer Karikatur von ihm scharf attackiert. Er habe von der Titelseite mit der Karikatur, die ihn abbilden soll, gehört, sie aber nicht angesehen, sagte Erdogan vor Mitgliedern seiner islamisch-konservativen Regierungspartei AKP in Ankara. Es sei unter seiner Würde, solche „obszönen Publikationen“ auch nur zu beachten.

„Ich habe diesen Schurken, die meinen geliebten Propheten in einem solchen Ausmaß beleidigen, nichts zu sagen“, sagte Erdogan vor Abgeordneten seiner Partei im Parlament. Er sei „traurig und frustriert“, nicht wegen des Angriffs auf ihn, sondern wegen der Beleidigungen des Propheten Mohammed. „Wir wissen, dass das Ziel nicht meine Person ist, sondern die Werte, die wir vertreten“, sagte Erdogan. Es sei „Ehrensache“, sich gegen Angriffe auf den Propheten zu stellen.
Erdogan sagte weiter, unter den Führenden in Europa breite sich Feindlichkeit gegen den Islam und Muslime sowie Respektlosigkeit gegenüber dem Propheten Mohammed „regelrecht wie Krebs“ aus.

Die Türkei hat deswegen bereits juristische und diplomatische Schritte angekündigt. Die Staatsanwaltschaft von Ankara leitete Ermittlungen gegen die Leitung von „Charlie Hebdo“ ein.

„Charlie Hebdo“ veröffentlicht Karikatur von Erdogan

Istanbul/Paris - Die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ hat mit der Veröffentlichung einer Karikatur von Recep Tayyip Erdogan die Wut des türkischen Präsidenten auf sich gezogen. Erdogans Sprecher warf der Zeitung „kulturellen Rassismus“ vor. „Wir verurteilen dieses abscheuliche Bemühen der Publikation, ihren kulturellen Rassismus und Hass zu verbreiten“, schrieb Fahrettin Altun im Onlinedienst Twitter. Die Satirezeitschrift facht damit den seit vergangener Woche schwelenden Streit zwischen Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Erdogan weiter an.

Die „sogenannten Karikaturen“ seien „abstoßend“ und ohne menschliche Moral, hieß es in einer Mitteilung. „Die anti-muslimische Agenda des französischen Präsidenten Emmanuel Macron trägt Früchte!“, schrieb Altun. Die Karikatur auf der Titelseite der Mittwochsausgabe von „Charlie Hebdo“, die am Dienstagabend bereits online veröffentlicht wurde, zeigt Erdogan in weißem Oberteil und Unterhose auf einem Sessel sitzend. Er hält eine Dose in der Hand und hebt das Gewand einer verschleierten Frau hoch, um ihr nacktes Hinterteil zu enthüllen. „Ohh! Der Prophet!“, heißt es dazu in einer Sprechblase. Die Seite ist betitelt mit den Worten: „Erdogan - privat ist er sehr lustig“.

Streit zwischen Frankreich und der Türkei: Macron verteidigt Meinungsfreiheit

Die Stimmung zwischen Frankreich und der Türkei ist seit Tagen aufgeheizt. Auslöser der Spannungen waren Äußerungen Macrons zu Meinungsfreiheit und zum Islam nach dem Tod des Lehrers Samuel Paty, der mutmaßlich von einem Islamisten enthauptet wurde. Macron hatte mehrfach die Meinungsfreiheit und das Veröffentlichen von Karikaturen verteidigt - zuletzt bei der Gedenkfeier für Samuel Paty.

Der Lehrer hatte im Unterricht Mohammed-Karikaturen als Beispiel für Meinungsfreiheit gezeigt. Es handelte sich um dieselben Karikaturen, welche die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ veröffentlicht hatte. Auf die Redaktion des Blattes in Paris war deswegen bereits im Jahr 2015 ein islamistischer Anschlag mit zwölf Toten verübt worden. Vor allem streng gläubige Muslime lehnen eine bildliche Darstellung des Propheten ab und empfinden sie als beleidigend, explizit verboten ist sie im Koran aber nicht. Der französische Präsident betonte, dass Frankreich „Karikaturen und Zeichnungen nicht aufgeben“ werde. Außerdem hatte Macron dem Islam kürzlich bescheinigt, in einer „Krise“ zu stecken.

Der Streit zwischen Frankreich und der Türkei spitzt sich zu. Es kommt vermehrt zu Protesten.

Erdogan ruft zum Boykott französischer Waren auf

Erdogan rief daraufhin zum Boykott französischer Waren auf, nachdem er Macron bereits geraten hatte, seinen „Geisteszustand untersuchen“ zu lassen. Später verglich Tschetscheniens Präsident Ramsan Kadyrow den französischen Staatschef mit einem „Terroristen“. Macron provoziere Muslime und sehe allmählich „selbst wie ein Terrorist aus“, schrieb Kadyrow im Messenger-Dienst Telegram. „Indem er Provokationen unterstützt, fordert er die Muslime heimlich dazu auf, Verbrechen zu begehen“.

Mittlerweile hat sich der Streit zu einer anti-französischen Protestwelle in mehreren muslimischen Ländern ausgeweitet. Unter anderem gingen in der bangladeschischen Hauptstadt Dhaka mehr als 40.000 Menschen auf die Straße. Organisiert wurde der Protest von Islami Andolan, einer der größten islamistischen Parteien in dem mehrheitlich muslimischen Land. „Macron ist einer der wenigen Anführer, die Satan anbeten“, sagte der Parteivertreter Ataur Rahman auf der Kundgebung.

Rat der Muslimischen Weisen kündigt juristische Schritte gegen „Charlie Hebdo“ an

Frankreich reagierte mit verschärften Reisehinweisen für Franzosen. Das Außenministerium rief dazu auf, „alle Menschenansammlungen zu meiden“. „Größte Wachsamkeit“ sei auch an touristischen Orten in der Türkei angesagt - ähnliche Warnungen sprach das Ministerium für Bangladesch und Indonesien aus.

Der Rat der Muslimischen Weisen, in dem muslimische Würdenträger aus mehreren Ländern vertreten sind, kündigte unterdessen juristische Schritte gegen die französische Satirezeitung „Charlie Hebdo“ an und gegen „alle, die den Islam beleidigen“. Die Meinungsfreiheit müsse dort ihre Grenzen finden, wo Religionen zum Spielball politischer Kräfte und von „Wahlkampfpropaganda“ würden, erklärte der Rat. (FR/dpa/afp)

Rubriklistenbild: © Emrah Gurel/dpa

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