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Szene aus dem systemkritischen Film „Leviathan“.

„Leviathan“

Erbitterte Diskussion um systemkritischen Film

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Der im Westen vielfach preisgekrönte und zum Oscar nominierte russische Spielfilm „Leviathan“ ist in seinem Heimatland heftig umstritten: Seit Wochen tobt in der russischen Öffentlichkeit eine erbitterte Diskussion, die Züge eines regelrechten Kulturkrieges angenommen hat.

Eigentlich ist es kein lauter Film. Der Automechaniker Kolja hat Haus, Werkstatt und Grundstück am Meer, der korrupte Bürgermeister will es ihm abnehmen. Kolja wehrt sich. Vergeblich. Sein alter Armeefreund Dmitri, ein Rechtsanwalt aus Moskau, legt dem Bürgermeister einen Aktenordner mit Belastungsmaterial gegen ihn vor, um ihn zu zwingen, Kolja eine angemessene Entschädigung zu zahlen. Dmitri wird brutal zusammengeschlagen. Koljas Frau Lilija betrügt ihn mit Dmitri und begeht Selbstmord, Kolja versucht, sein Leid im Wodka zu ertränken, landet schließlich als Lilijas angeblicher Mörder für 15 Jahre im Gefängnis.

Der Bürgermeister aber eröffnet gemeinsam mit dem russisch orthodoxen Bischof, der ihn vorher immer wieder zugeredet, sein gottgefälliges Werk entschlossen voranzutreiben, an der Stelle des abgerissenen Hause feierlich eine große Kirche.

Am Mittwoch feierte der Film „Leviathan“ des Regisseurs Andrei Swjaginzew in Moskau offiziell Premiere. In die russischen Kinos soll er am 5. Januar kommen, aber laut der Nachrichtenagentur Tass haben schon mehr als vier Millionen Zuschauer den 142 Minuten langen Streifen mit seinem trostlosen Sujet im Internet angeschaut.

Seit Wochen tobt in der russischen Öffentlichkeit eine erbitterte Diskussion um „Leviathan“, die Züge eines regelrechten Kulturkrieges angenommen hat. Orthodoxe Gläubige und Nationalpatrioten erbosen sich über den Film, die liberale Intelligenzija feiert ihn.

„Ein phantastisches Werk“, schwärmt der Oppositionelle Blogger Ayder Muschdabajew. „Jede Szene stimmt.“ „Leviathan“ ist Kult geworden, das weißgestrichene Metallskelett eines Wales, dass die Filmemacher am Ufer der Barenzsee montiert hatten, hat schon ein Moskauer Geschäftsmann gekauft, um es auf seinem Rasen zu platzieren.

Das Erscheinen des Filmes verzögerte sich schon im Sommer 2014. Das Kulturministerium verweigerte die Lizenz, weil die Helden zu heftig mit Schimpfwörtern um sich warfen, die Mutterflüche mussten herausgeschnitten werden. Aber Minister Wladimir Medinski, der erst kürzlich gedroht hat, man werde keine Filme mehr finanzieren, die Russland als „Scheißhaufen“ darstellten, quittierte die ersten ausländischen Preise für „Leviathan“ mit sehr allgemeinem Lob über die „hohe Meisterschaft unserer Filmemacher.“

Metaphysische Anspielungen

Regisseur Swjaginzew gilt als Spezialist für Festivalfilme. „Bisher haben alle seine Filme Preise gewonnen“, sagt der Petersburger Kinokritiker Michail Trofimenkow. „Er macht Exportkino mit viel dunkler russischer Seele. Sein Kameramann arbeitet phantastisch, er engagiert hervorragende Schauspieler, die die Schwächen des Drehbuchs überspielen.“ „Leviathan“ stecke voller metaphysischer Anspielungen auf den biblischen Job, den Leviathan als Staatsmoloch nach John Hobbes, oder Kafkas absurden Roman Prozess. „Ein Film wie ein leerer Koffer, in den jeder die Interpretation hineinpacken kann, die er will.“

Aber die Auszeichnungen für Swjaginzews leeren Koffer häufen sich. „Leviathan“ wurde in Moskau, Cannes, München, Bromberg, London, Palitsch, Abu Dhabi und Goa preisgekrönt, in Hollywood erhielt er den Golden Globe, jetzt ist er gar zum Oscar nominiert. Zuviel westlicher Ruhm: Russlands Staatspatrioten schlugen Alarm. „Kein russischer, sondern ein antirussischer Film“, verkündete der kremlnahe Politologe Sergei Markow. „Ein professionell gemachtes filmisches Anti-PutinManifest.

Die „Vereinigung Orthodoxer Experten“ forderte, den Film zu verbieten:“,Leviathan‘ ist böse. Und das Böse darf nicht ins Kino kommen.“ In Samarska unterschrieben orthodoxe Geistliche, Kosakenatamane, Regionalparlamentarier und Künstler einen Brief, in dem sie forderten, dem Regisseur des „Akademischen Theaters Samara“, Waleri Grischko, der in dem Film die Rolle des heuchlerischen Bischofs spielt, das Gehalt zu entziehen. Auch Tatjana Trubilina, Ortsvorsteherin des Dorfes Teriberka, wo der Film gedreht worden war, erboste sich: „Unnütz und wirklichkeitsfern. Die Kinoleute haben nicht mit normalen Leuten geredet, sondern sich die Penner ausgesucht, davon gibt es bei uns ein oder zwei.“

Die liberale Moskauer Opposition hält dagegen. „Die Räuber haben sich in den Helden des Film wiedererkannt“, spottet der Satiriker Wiktor Schenderowitsch. „Und wetzen jetzt beleidigt die Zungen.“ Nachdem das russische Kino jahrelang fast nur Kitsch und Langeweile produziert hat, hat es wieder ein Film zum politischen Symbol geschafft. “,Leviathan‘ ist unser ,Charlie Hebdo‘?, verkündet Dmitri Muratow, Chefredakteur der Oppositionszeitung „Nowaja Gaseta“.

Dabei unterstützen auch orthodoxe Geistliche Swjaginzew. „Der Film ist ehrlich“, sagt der Murmansker Metropolit Simon. „Er zeigt die Probleme unseres Landes wie die klaffenden Wunden eines menschlichen Körpers.“ Und selbst die nationalistisch-stalinistische Wochenzeitung „Sawtra“ bestätigt, Koljas Schicksal in „Leviathan“ sei in der russischen Provinz banaler Alltag. „Es ist eine menschliche Tragödie. Tragödien aber entsprechen keinen politischen Moden, sie sind weder prowestlich noch prorussisch.“

Unerwartet erhielt der Film indirekte Unterstützung sogar aus der Präsidial-Verwaltung: Dmitri Peskow, Spreches der Präsidenten Wladimir Putin, hat wissen wollen, warum halb Russland über den Film streitet. Er ließ seine Mitarbeiter den Film ansehen und ihm rapportieren, berichtete Peskow. Er drücke „Leviathan“ die Daumen, bei der anstehenden Oscar-Verleihung. „Filme müssen Debatten auslösen. Und ,Leviathan‘ hat scharfe Polemik ausgeköst. Das ist normal“, sagte Peskow.

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