Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Whistleblower

Julian Assange: Wikileaks-Gründer machte sich „die größte Macht der Welt zum Feind“

  • Bascha Mika
    vonBascha Mika
    schließen

An Julian Assange soll ein Exempel statuiert werden, sagt Journalist Sontheimer. Ein britisches Gericht befindet heute über die Auslieferung des Wikileaks-Gründers an die USA.

  • Julian Assange ist der Gründer von Wikileaks.
  • Am Montag (4.1.2020) fällt das Urteil, ob Julian Assange an die USA ausgeliefert wird.
  • Journalist Michael Sontheimer erklärt, wieso der Fall Julian Assange so wichtig ist.

Michael Sontheimer, Journalist und „Spiegel“-Reporter, kennt Julian Assange schon lange Zeit und ist ihm auch in den vergangenen Jahren persönlich begegnet.

Herr Sontheimer, Sie haben Julian Assange getroffen, nachdem er sich in die ecuadorianische Botschaft geflüchtet hatte. Was für ein Mann kam Ihnen damals entgegen?

Das erste Mal habe ich ihn Ende 2016 besucht. Ich traf auf einen Mann, der ganz anders war als sein Image in den Medien. Damals ermittelte die schwedische Staatsanwaltschaft gegen Assange wegen sexueller Nötigung, ein Verfahren, das nach sieben Jahren eingestellt wurde. Journalisten und Politiker zeichneten gerne von ihm das Bild eines arroganten Verrückten oder russischen Spions …

Julian Assange, hier bei seiner Festnahme im April 2019, „ist ein politischer Gefangener“, sagt Reporter Michael Sontheimer.

Wikileaks-Gründer Julian Assange: Urteil über Auslieferung in die USA steht bevor

… was nicht sehr realitätsnah klingt …

… war es auch nicht. Mir kam ein sehr höflicher, ungeheuer interessierter Mensch entgegen, mit dem es großen Spaß machte zu diskutieren, über die digitale Welt, über das emanzipative Potenzial des Internets. Dieser Mensch hatte kaum etwas mit dem zu tun, was Journalisten in aller Welt über ihn verbreiteten – die ihn allerdings auch nie getroffen haben, denn es war ziemlich schwer, überhaupt in der Botschaft empfangen zu werden.

Hatten Sie keine Vorurteile, bevor Sie Assange persönlich begegneten?

Ja, doch. Ich dachte, er sei ein dubioser Hacker, der nicht unbedingt verantwortlich handelt, ein Anarchist. Dann lernte ich, dass es nicht viele Journalisten gibt, die derart intensiv darüber nachgedacht haben, wie Öffentlichkeit auf globaler Ebene funktioniert und was investigativer Journalismus leisten muss. Dazu hatte Assange viel Interessantes zu sagen.

Wie hat der Wikileaks-Gründer damals seine Lage beurteilt?

Er hatte den Kampf gegen die Vereinigten Staaten aus freien Stücken aufgenommen oder zumindest angenommen. Er wusste genau: Wenn er Dokumente über Kriegsverbrechen in Afghanistan und im Irak veröffentlicht, wenn er 240 000 E-Mails von US-Diplomaten auf die Wikileaks-Seite stellt, macht er sich die größte Macht der Welt zum Feind. Dazu gehört Mut, vielleicht auch Verrücktheit. Woher er die Kraft nahm, so eine asymmetrische Auseinandersetzung zu führen, die Rolle eines ganz kleinen David gegen einen übermächtigen Goliath zu übernehmen, das kann ich auch nicht sagen.

Julian Assange vor Gericht

Nach jahrelangem Rechtsstreit entscheidet sich am heutigen Montag das weitere Schicksal von Wikileaks-Gründer Julian Assange. Das zuständige Londoner Gericht will verkünden, ob der Australier von Großbritannien an die USA ausgeliefert wird. Diese wollen den 49-Jährigen unter anderem wegen Verstößen gegen das Antispionagegesetz vor Gericht stellen; im Falle einer Verurteilung droht ihm ein Strafmaß von bis zu 175 Jahren. Hintergrund ist die Veröffentlichung von geheimen militärischen und diplomatischen Dokumenten auf der Plattform Wikileaks im Jahr 2010.

Das Auslieferungsverfahren in London hatte im Februar 2020 begonnen und war im September fortgesetzt worden. Es wird erwartet, dass beide Seiten Berufung einlegen, sollte das heutige Urteil nicht zu ihren jeweiligen Gunsten ausfallen. Eine endgültige Entscheidung kann sich Expert:inneneinschätzungen zufolge mindestens bis in die zweite Jahreshälfte 2021 hinziehen, wie es hieß. Assange sitzt seit April 2019 in London in Haft.

Gründer von Wikileaks: Julian Assange sieht sich politisch weder rechts noch links

Hat er sich selbst als David gesehen?

Assange sieht sich nicht als Rechter und nicht als Linker. Er hat etwas Libertär-Anarchistisches. Er glaubt an Transparenz. Daran, dass es notwendig und gut für Demokratien ist, staatliches Handeln offenzulegen. Das ist schwierig in einer Welt, in der es viele Organisationen und Apparate gibt – allen voran Geheimdienste –, die überhaupt nichts von Transparenz halten.

Seine Feinde hat er sich ja überall gesucht, in der Politik, der Industrie, bei den Militärs und Kirchen …

Er hat vor allem eine geniale Lösung für ein Problem gefunden, das alle investigativen Journalisten haben. Wie schütze ich meine Quellen, meine Informanten? Die simple Antwort von Wikileaks: Ich schütze meine Quellen am besten dadurch, dass ich sie nicht kenne. Das ist das Wikileaks-Prinzip. Revolutionär für die Arbeit von Investigativjournalisten.

Sie haben Assange mehrfach in der ecuadorianischen Botschaft besucht. Wie hat er sich im Laufe der Jahre verändert?

Gegen Ende der siebeneinhalb Jahre seiner Luxushaft – im Vergleich zum Hochsicherheitsgefängnis, in dem er seit April 2019 sitzt –, hatte er schon verschiedene gesundheitliche Probleme. Er war völlig bleich, weil er nie die Sonne gesehen hat, wirkte niedergeschlagen. Ihn belastete die Ungewissheit seines Schicksals, wie lange es in der Botschaft noch gutgeht, ob er irgendwann verhaftet und dann an die USA ausgeliefert wird. Das hat schwer an ihm genagt.

Julian Assange in Haft: Wikileaks-Gründer mit gesundheitlichen Problemen

Nils Melzer, UN-Sonderberichterstatter für Folter, sagte, Assange zeige „alle typischen Symptome für Opfer langdauernder psychischer Folter“. Deshalb könne er seinem Prozess auch nicht folgen. Haben Sie Assange bereits so in der Botschaft erlebt?

Nein, ich fand ihn damals noch sehr geistesgegenwärtig. Man darf aber die Bedingungen beim Prozess um seine Auslieferung nicht vergessen. Er wurde morgens um fünf aufgeweckt, Leibesvisitation, in Handschellen anderthalb Stunden zum Gericht gefahren, in einen Glaskasten gesetzt, mit zwei Wachen links und rechts. Ich weiß nicht, wer da vier Wochen lang munter und lustig einer Gerichtsverhandlung folgen könnte.

Michael Sontheimer war Mitbegründer, Redakteur und Chefredakteur der „tageszeitung“ sowie Redakteur und Autor bei der „Zeit“. Heute schreibt er vor allem für den „Spiegel“.

Welche Möglichkeiten hatte er, sich auf den Prozess vorzubereiten?

Sehr schlechte. Bis März dieses Jahres konnte er im High Security Prison in Belmarsh noch seine Anwälte sprechen. Dann gab es im Gefängnis die ersten Corona-Fälle und deshalb keine Besuche mehr. Das heißt, dass Assange bis zum Prozessbeginn im September keine einzige Besprechung mit seinen Anwälten mehr hatte. Er durfte auch im Gericht nicht neben ihnen sitzen. Man hat ihm so eine Art Computer in seiner Zelle zugestanden. Damit kann er zwar PDF-Files von Gerichtsakten lesen, sich aber keine Notizen machen. Dieser Prozess ist meiner Meinung nach eine bösartige Schikane, um potenzielle Whistleblower abzuschrecken.

Prozess soll Wikileaks-Gründer Julian Assange abschrecken

Weil er mit Wikileaks Verbrechen aufgedeckt hat, wird er selbst zum Verbrecher gestempelt?

Er ist australischer Staatsbürger. Die Taten, die ihm von der US-Justiz vorgeworfen werden, hat er nicht in den USA, sondern in Großbritannien begangen. Die Regierung von Donald Trump hat sich das Recht herausgenommen, Journalisten aus anderen Staaten zu verfolgen, weil diese Dokumente veröffentlichen oder aus ihnen zitieren, die die Regierung lieber geheim halten will. Das ist für Journalisten in aller Welt – vor allem wenn sie über Kriege und Geheimdienste recherchieren – eine böse Bedrohung.

Für die USA ist Assange ein Cyberterrorist, den sie für bis zu 175 Jahre einsperren wollen.

Wikileaks hat eine ganze Reihe Kriegsverbrechen von US-Soldaten enthüllt. Zum Beispiel mit dem „Collateral Murder“-Video; es zeigt, wie eine US-Hubschrauberbesatzung auf einer Straße in Bagdad Kinder und zwei Reuters-Journalisten erschießt. Diese Soldaten standen nie vor Gericht. Während Julian Assange für das Enthüllen von Kriegsverbrechen bestraft werden soll, laufen diese und andere Kriegsverbrecher frei herum. Das ist schwer zu ertragen. Ein moralischer Bankrott.

Urteil zu Julian Assange: Wikileaks-Gründer könnte an die USA ausgeliefert werden

Es gibt ein Abkommen zwischen den USA und Großbritannien, das die Auslieferung politischer Gefangener verbietet. Wird das Assange helfen?

Die Verfolgung von Assange hat vielfältige juristische Implikationen. Aber letztendlich ist es ein politisches Verfahren und Assange ein politischer Gefangener. Deshalb ist es auch eine politische Entscheidung, ob er ausgeliefert wird. Aber da den Briten nach dem Brexit das Wasser bis zum Hals steht, werden sie nichts tun, um die US-Regierung zu verärgern. Joe Bidens Regierung könnte allerdings auf seine Auslieferung verzichten. Ich weiß nicht, ob Assange die Isolation in einem US-Hochsicherheitsgefängnis lange überleben würde. Sachverständige haben in dem Prozess ausgesagt, dass er sich dann wohl das Leben nehmen würde.

Gegen ihn haben sich ja mehrere Staaten verschworen. Neben den USA und Großbritannien auch Schweden und Ecuador. Was ist an diesem Mann so wichtig?

Trumps Vizepräsident Mike Pence flog mal kurz nach Ecuador und erklärte der dortigen Regierung, wie sie die Beziehungen zu den USA verbessern könnte – beziehungsweise, dass dafür die Überstellung von Julian Assange sehr hilfreich wäre. Hinter den Kulissen ist unglaublich viel Druck ausgeübt worden, und es geht noch um mehr als um einen politischen Fall. Die US-Geheimdienste haben Assange und Wikileaks den Krieg erklärt.

Julian Assange: Wikileaks-Gründer exemplarisch für investigative Journalist:innen

An Assange soll ein Exempel statuiert werden?

Ja, dabei steht Assange exemplarisch dafür, was in vielen Ländern passiert, wenn Journalisten sich für die Machenschaften mächtiger Figuren aus Politik, Militär, der Wirtschaft oder den Geheimdiensten interessieren. Ihnen wird zu verstehen gegeben: Lasst das mal lieber bleiben, es könnte ungemütlich und ungesund werden. Denken Sie an die ermordeten Kolleg:innen auf Malta, in der Slowakei, in Mexiko. Investigative und kritische Journalisten leben in vielen Ländern gefährlich. In diesen Kontext gehört auch die Verfolgung von Julian Assange und Wikileaks.

Für Heribert Prantl von der „Süddeutschen Zeitung“ ist Julian Assange ein „Märtyrer der Aufdeckung“. Für Sie auch?

Hört sich leicht pathetisch an, aber ist vollkommen richtig. Es geht um die Pressefreiheit! Darum, dass Regierungen die Veröffentlichung von Dokumenten nicht unterdrücken dürfen, die für die demokratische Diskussion wichtig sind. Die Verfolgung von Assange zeigt, wie kritisch es zur Zeit um die Pressefreiheit steht. Und dass wir als Demokrat:innen für eine Presse kämpfen müssen, die ihrer Aufgabe nachkommen kann.

Rubriklistenbild: © picture alliance / empics

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare