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Als 2018 erste Flugzeuge aus Äthiopien in Eritreas Hauptstadt Asmara landeten, flossen Freudentränen.

Flucht

Die enttäuschten Hoffnungen der Eritreer

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Der Friedensschluss mit Äthiopien hat nicht das Ende der Abschottung gebracht – vor allem junge Menschen fliehen deshalb weiterhin zu Tausenden.

Auf den ersten Blick sieht Gofa Mebrat wie das Marzahn Addis Abebas aus: Ein aus 180 Blocks bestehendes Wohnviertel, das der äthiopischen Hauptstadt ebenso gut als Kaserne dienen könnte. Auf den zweiten Blick fällt auf, dass in dem Quartier weder Kinder noch ältere Menschen unterwegs sind: So gut wie jeder, der sich in den Straßen zwischen den fünfgeschossigen Häuserblocks bewegt oder vor einem der unzähligen Café-Häuschen sitzt, ist zwischen 18 und 30 Jahre alt – in der Regel männlich und so gut aussehend, wie nur Eritreer es sein können. Gofa heißt in Addis Abeba auch „little Asmara“, die kleine Hauptstadt Eritreas: Der Stadtteil beherbergt bis zu 70 000 Flüchtlinge aus Äthiopiens Nachbarland.

„Man könnte es hier schon aushalten“, sagt Solomon, der seinen vollen Namen nicht gedruckt sehen will, „wenn nur nicht alles so teuer wäre“. Der 23-Jährige kam vor gut einem Jahr in Gofa an, nachdem er seine eritreische Heimat des nachts und auf Schleichwegen verlassen hatte. Eigentlich waren die Grenzen zwischen den beiden jahrzehntelang verfeindeten Bruderstaaten damals sogar offen. Doch als Wehrpflichtiger hatte Solomon keinen Pass, den er an der Grenze hätte vorzeigen können.

Also benutzte er Trampelpfade, die er als Grenzsoldat kannte, und hatte dieses Mal sogar Glück: Die Flucht gelang. Ein Jahr zuvor war er bei seinem ersten Versuch, nach Äthiopien zu kommen, von Kameraden entdeckt und der Militärpolizei übergeben worden. Sie hätten ihn in eines der unterirdischen Gefängnisse gesperrt, deren Existenz die eritreische Regierung beharrlich bestreitet, berichtet Solomon. Drei Monate lang sei er mit 70 Mithäftlingen in Handschellen und im Dunkeln in einer Höhle festgehalten worden. Man habe ihn mehrmals mit Elektrokabeln verdroschen und ihm wässrige Linsensuppe zu essen gegeben. Nach der Haft landete Solomon wieder bei seiner alten Einheit. Wie lange er dort noch hätte dienen müssen, weiß er nicht. In Eritrea ist der Militärdienst zeitlich nach wie vor unbegrenzt.

Die von den Vereinten Nationen als Zwangsarbeit beschriebene Praxis wurde eigentlich als Relikt der Geschichte betrachtet, nachdem Äthiopiens Präsident Abiy Ahmed mit seinem eritreischen Amtskollegen Isayas Afewerki im Juli 2018 einen Friedensvertrag unterzeichnet hatte. Der jahrzehntelange kalte Krieg zwischen den beiden Staaten am afrikanischen Horn hatte dem autokratischen Herrscher Eritreas bis dahin als Rechtfertigung für den unbegrenzten Wehrdienst gedient. Mit seinen knapp sechs Millionen Einwohnern sei der zweitjüngste Staat des Kontinents gegen die weit mehr als 100 Millionen zählenden Äthiopier auf alle Kräfte angewiesen, hieß es.

Die beiden Nachbarn, die weitgehend dieselben Sprachen sprechen und teilweise denselben Ethnien angehören, hatten sich vor 20 Jahren auch schon heiß bekriegt. In dem absurden Grenzstreit um ein paar Quadratkilometer Halbwüstenland kamen damals 70 000 Menschen ums Leben.

Kurz nach seinem Amtsantritt im April 2018 bot Äthiopiens Premier Abiy den Nachbarn die Hand zur Versöhnung an. Der eritreische Präsident schlug sogar ein, obwohl ihm die Aussöhnung hätte gefährlich werden können. Ohne das Bedrohungsszenario gibt es für den unbegrenzten Wehrdienst und die Verhinderung von Wahlen keine Rechtfertigung mehr. Autokrat Isayas hätte sich zum Reformer aufschwingen müssen. Der Präsident habe sich dagegen entschieden, sagt Solomon heute: „Er setzt alles daran, alles beim Alten zu lassen.“

In Addis Abebas Viertel „Little Asmara“ leben 70 000 Eritreer. 

Tatsächlich stimmte Isayas zwar der Eröffnung einer eritreischen Botschaft in Addis Abeba und des äthiopischen Pendants in Asmara zu. Auch die Flugverbindung zwischen den beiden Hauptstädten wurde wieder aufgenommen. Doch die vier Übergänge über die Landesgrenze wurden bereits wenige Monate nach dem Friedensschluss wieder geschlossen und auch der unbegrenzte Militärdienst blieb bestehen.

Isayas' Unbeweglichkeit führt dazu, dass wehrpflichtige Eritreerinnen und Eritreer auch 18 Monate nach dem Friedensschluss in Massen flüchten – der Aderlass hat sich sogar noch verschlimmert. Nach Angaben des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) schleichen sich derzeit Tag für Tag bis zu 300 junge Menschen auf den Trampelpfaden über die Grenze nach Süden. Dort werden sie von UNHCR-Fahrzeugen oder äthiopischen Soldaten aufgegriffen und in eines der vier nahe gelegenen Auffanglager gebracht. „Ein schrecklicher Ort“, erinnert sich Solomon, der zwei Monate lang im Lager Hitsats festsaß.

Das Flüchtlingswerk stehe vor „erheblichen Herausforderungen“, räumt Awash Ameha, ein an der Grenze zu Eritrea stationierter UNHCR-Sprecher, ein. Die Lager würden immer voller: „Wir sind an der Zerreißgrenze angelangt.“ Das UN-Werk liefert offenbar alles, was die Ankömmlinge zum Überleben brauchen: Nahrungsmittel, Wasser, Decken, Impfungen und sogar Schulunterricht. Wenn das mit dem Flüchtlingsandrang so weitergehe, sei der Kollaps der Lager allerdings nur eine Frage der Zeit, sagt Ameha.

Äthiopiens Regierung, die Journalisten einst bereitwillig in die Flüchtlingslager ließ, um aller Welt zu zeigen, wie schlecht es den Bürgern des verfeindeten Bruderstaats geht, hat mittlerweile ihre Taktik geändert. Jetzt wird Reportern der Zugang zu den überfüllten Lagern verwehrt – offensichtlich, um nicht publik werden zu lassen, dass auch nach dem weltweit gefeierten und prämierten Friedensschluss alles beim Alten blieb.

Selbst die deutsche Botschaft zeigt sich beim Versuch, die Lager im Kielwasser eines offiziellen Besuchs aus Berlin aufsuchen zu können, alles andere als hilfreich – wenn auch aus anderem Interesse. Berlin hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich Isayas doch noch zu einem Kurswechsel bewegen lässt. Dafür dürfe man den Autokraten allerdings nicht zu stark unter Druck setzen, heißt es in Diplomatenkreisen. Vor allem müsse man ihm Zeit geben, die Wirtschaft des Landes vom unbegrenzten Militärdienst zu entwöhnen, der Eritrea gerade noch über Wasser hält. Werde die „Zwangsarbeit“ von einem Tag zum anderen abgeschafft, könnte das Land noch ärger in die Bredouille geraten.

Zu welchen Auswüchsen solche Logik führen kann, fand kürzlich die „New York Times“ heraus. Ihren Recherchen zufolge stellte die Europäische Union Eritrea im vergangenen Jahr 20 Millionen Euro zur Verfügung. Damit sollte der Andrang eritreischer Flüchtlinge nach Europa gebremst werden. Im konkreten Fall finanzierte die EU in Eritrea Straßenbauprojekte, in denen Wehrpflichtige als Arbeitskräfte eingesetzt wurden – ein Vorgang, der Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch auf die Palme brachte. Unbeeindruckt von dem Entrüstungssturm bewilligte der europäische Staatenbund für dieses Jahr bereits ein weiteres Hilfspaket in Höhe von 95 Millionen Euro. Als „Nothilfe“ deklariert sind diese Mittel von den sonst üblichen Bedingungen für Transparenz und menschenrechtliche Standards befreit. Die EU „unterstütze die unbegrenzte Wehrdienstpflicht in Eritrea nicht“, erwiderte Brüssel in einer Reaktion auf die Recherche der „New York Times“. Vielmehr trete sie in einem „verstärkten Dialog“ mit Eritrea für dessen Abschaffung ein. Auswirkungen des „verstärkten Dialogs“ sind bislang allerdings keine zu beobachten.

Der Eritreer Solomon kennt die diplomatischen Winkelzüge um seine Heimat nicht. Er hat die Hoffnung aufgegeben, in absehbarer Zeit nach Hause zurückkehren zu können. Auch in Addis Abeba wird er allerdings nicht bleiben können. Mit umgerechnet fast 300 US-Dollar im Monat ist die Miete für sein Einzimmerapartment in „Little Asmara“ viel zu teuer für ihn. Der ewige Wehrpflichtige versucht, zu seinem Bruder nach Kanada zu kommen, und hat bei der kanadischen Botschaft in Addis Abeba auch schon einen Antrag auf Asyl gestellt. Dessen Bearbeitung kann allerdings Monate oder sogar Jahre dauern – und den Antragsteller allein schon deshalb ein kleines Vermögen kosten. Solomon weiß, dass er in nächster Zeit „verdammt hart arbeiten muss“. Alles andere, sagt er, „weiß nur Gott“.

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