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Gedenken an die Kinder der Marieval Indian Residential School der Cowessess-Gemeinde.
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Gedenken an die Kinder der Marieval Indian Residential School der Cowessess-Gemeinde.

Nationalfeiertag „Canada Day“

Gräber indigener Kinder auf Internatsgelände - Ein Land steht unter Schock

  • VonGerd Braune
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In Kanada werden weitere Gräber indigener Kinder in der Nähe einer früheren Internatsschule gefunden. Am Nationalfeiertag „Canada day“ steht das Land unter Schock.

Ottawa - Der 1. Juli ist traditionell ein Tag fröhlicher Ausgelassenheit in Kanada, es ist der Nationalfeiertag „Canada Day“. In diesem Jahr sah es nicht nur wegen der coronabedingten Einschränkungen anders aus: Das Land steht unter dem Eindruck des Auffindens Hunderter unmarkierter Gräber indigener Kinder und muss über seine Vergangenheit und die Beziehung zu den Ureinwohnervölkern nachdenken.

Am Vortag hatte eine weitere First Nation das Auffinden von Gräbern in der Nähe einer früheren Internatsschule, einer Residential School, bekanntgegeben. Die Lower Kootenay Band nahe von Cranbrook in British Columbia, eine von vier Gemeinden der Ktunaxa Nation, gab bekannt, dass Untersuchungen mit bodendurchdringendem Radar Hinweise auf 182 unmarkierte Gräber erbracht hätten.

Unmarkierte Gräber indigener Kinder: Kanadas Premier Trudeau spricht von „entsetzlicher Entdeckung“

In den vergangenen Wochen lösten die Nachrichten von 215 unmarkierten Gräbern nahe einer früheren Residential School in Kamloops in British Columbia und 751 an der Marieval Residential School der Cowessess First Nation im Süden von Saskatchewan Entsetzen im Land aus.

Kanadas Premierminister Justin Trudeau sprach am Donnerstagmorgen in seiner Botschaft zum Canada Day von der „entsetzlichen Entdeckung“ der Gräber indigener Kinder in diesen Wochen. Sie zwinge „uns dazu, über historisches Versagen unseres Landes und die Ungerechtigkeiten nachzudenken, die immer noch für die indigene Völker und viele andere in Kanada existieren“, sagte der Regierungschef. „Wir müssen ehrlich gegenüber unserer Geschichte sein. Um einen neuen und besseren Weg in die Zukunft gehen zu können, müssen wir die schrecklichen Fehler unserer Vergangenheit anerkennen.“ Mit Canada Day wird der Gründung des Landes am 1. Juli 1867 gedacht.

Unmarkierte Gräber indigener Kinder: Noch ist nicht klar, wie viele Kindergräber es sind

Die Lower Kootenay Band, deren Gemeinde sich selbst “?aq’am“ nennt und schreibt, unterstreicht in ihrer Mitteilung über die 182 Grabstätten, dass noch nicht klar sei, um wie viele Kindergräber es sich handele. Denn der Friedhof wurde offenbar auch von der Siedlergemeinde in der Nähe genutzt.

Wie der kanadische Rundfunk berichtet, wurde die St. Eugene Missionsschule von 1912 bis 1970 von der katholischen Kirche betrieben. Sie sei inzwischen in ein Golfhotel und Casino umgewandelt worden, das von der Ktunaxa Nation geführt werde. Hinweise auf Gräber waren im vergangenen Jahr bei Arbeiten auf dem Gelände gefunden worden.

Kanada: Schlimme Tragödien

Noch ist an allen drei Orten nicht klar, wie viele Kindergräber es sind und aus welchen First Nations die Kinder kamen. Aber es sind viele Hundert. Obwohl mit weiteren Findungen zu rechnen war, sagte der erschütterte Chief Jason Louie von der Lower Kootenay Band: „Auf so etwas kann man sich niemals vollständig vorbereiten.“

Residential Schools waren vom Staat eingerichtete Internatsschulen. Sie wurden überwiegend von Kirchen und Ordensgemeinschaften geführt. Kinder der First Nations, wie die indianischen Nationen genannt werden, des Volks der Inuit und der Métis, besuchten diese Schulen, von denen es 130 in Kanada gab. Heute sind die schlimmen Folgen dieses Schulsystem und die Tragödien, die damit verbunden sind, bekannt.

Unmarkierte Gräber indigener Kinder: Viele wurden oft ohne Mitteilung an ihre Familien beigesetzt

Eine Wahrheits- und Versöhnungskommission hatte vor sechs Jahren in einem Tausende Seiten langen Bericht über Residential Schools festgestellt, dass vermutlich etwa 6000 Kinder durch Krankheiten, Vernachlässigung oder Unfälle in den Schulen ums Leben gekommen seien. Viele wurden, oft ohne Mitteilung an ihre Familien, in unmarkierten Gräbern beigesetzt.

Die First Nations wussten aus den Erzählungen der älteren Angehörigen ihrer Gemeinden, dass es diese Gräber gab, auch wenn genaue Zahl und Lokalität nicht bekannt waren. „Wir wussten es“, sagen sie heute und sprechen daher nicht von einer „Entdeckung“.

In der Hauptstadt Ottawa sind die Flaggen auf Halbmast

Das Auffinden der Kindergräber hat heftige Diskussionen ausgelöst, ob angesichts der Tragödie überhaupt Canada Day gefeiert werden solle. Dutzende Städte und Gemeinden sagten die wegen Covid ohnehin reduzierten Feiern komplett ab. In der Hauptstadt Ottawa sind seit der Entdeckung von Gräbern Ende Mai die Flaggen auf Halbmast gesetzt. Die große Feier vor dem Parlament fand, wie im Vorjahr, ohnehin nicht statt.

„Was feiern wir denn?“, fragt der indigene Rapper Cody Coyote in Ottawa. Für ihn sind Feiern von Canada Day ein „Schlag ins Gesicht“. (Gerd Braune)

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