"Den entscheidenden Wurf gewagt"

Der deutsche Widerstand gegen Hitler / Nur die KPD war vorbereitet / Kirchen stoppten die Euthanasie

Von ROLAND LOSCH (AP)

Das Attentat vom 20. Juli 1944 wird von Historikern als das wichtigste Ereignis des deutschen Widerstands gesehen. Aus drei Gründen: Nur die Wehrmacht verfügte über die Mittel, Adolf Hitlers Regime zu stürzen. Die Offiziere arbeiteten mit politisch erfahrenen Zivilisten zusammen, die bereit standen, die Regierung zu übernehmen. Und schließlich war der Umsturzversuch das klarste Zeichen deutschen Widerstandes.

Für Militärs und Konservative war der Weg dahin lang gewesen, hatten sie die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler 1933 doch überwiegend begrüßt. Anfangs freute sich auch die Mehrheit der Deutschen noch über die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die außenpolitischen Erfolge - später fürchtete sie den Terror der Gestapo.

Von Anfang an zu den Feinden des NS-Regimes zählten KPD, SPD und Gewerkschaften. Schon im Juni 1933 waren sie verboten und Zehntausende Funktionäre eingekerkert. Auf Widerstand im Untergrund hatten sich aber nur die Kommunisten vorbereitet, wie der Historiker Wolfgang Benz erklärte. Die KPD-Führer wähnten jedoch, sie könnten die Nazis allein mit Streiks, Demonstrationen und Flugblättern entmachten und zugleich auch noch die SPD als "Sozialfaschisten" bekämpfen. Für die erfolglosen Aktionen wurde das Leben von Hunderten Genossen geopfert. Ab 1935 blieb der kommunistische Widerstand auf einzelne Zellen beschränkt.

Die SPD, bis 1932 stärkste Partei in Deutschland, wollte die Nazis nur mit legalen Mitteln bekämpfen. Der Parteivorstand flüchtete nach Prag und rief von dort aus die Arbeiterschaft auf, die "Ketten der Knechtschaft" abzuschütteln. Daheim kritisierten SPD-Mitglieder das Regime im kleinen Kreis und bestärkten sich gegenseitig. Widerstand blieb die Sache Einzelner wie Julius Leber, Adolf Reichwein oder Carlo Mierendorff, die sich überparteilichen Gruppen anschlossen.

Der Widerstand aus der Arbeiterbewegung war schon erloschen, als Mitte der 30er Jahre die Kirchen gegen das Neuheidentum und den totalitären Machtanspruch der Nazis protestierten. Papst Pius XI. ließ 1937 seinen Rundbrief "Mit brennender Sorge", in der er auch die Rassenpolitik kritisierte, von den Kanzeln verlesen. Aber nur Einzelne wie der Münsteraner Bischof Clemens Graf von Galen griffen das Regime offen an. Die evangelischen Kirchen standen den Nazis lange sogar überwiegend positiv gegenüber. Protest äußerten Minderheiten wie die Bekennende Kirche mit Pfarrer Martin Niemöller oder die Zeugen Jehovas.

Der christliche Widerstand hatte allerdings im Unterschied zu anderen einen greifbaren Erfolg: Nach abgestimmten Protesten der katholischen und der Bekennenden Kirche 1941 brach Hitler die "Euthanasie" von Behinderten ab.

Bomben gegen den Tyrannen

Einzelne Bürger wagten mitunter spektakuläre Aktionen. Die größte Erfolgsaussicht hatte das Attentat des Schreiners Georg Elser, der kurz nach Kriegsbeginn im November 1939 im Münchner Bürgerbräu eine selbst gebaute Bombe zündete. Hitler war zu einer Feier dort, verließ den Saal aber unerwartet früh. Die Explosion tötete acht Menschen; Elser wurde später gefasst und im KZ umgebracht.

Nach dem Krieg berühmt wurde die Münchner Studentengruppe um die Geschwister Scholl, die in Flugblättern Unfreiheit, Krieg und Judenmord anprangerten und zum Umsturz aufriefen. Im Februar 1943 wurden sie gefasst und enthauptet.

Konservative Bildungsbürger und Adlige fanden ab 1938 aus Empörung über Rechtlosigkeit, Judenverfolgung und Eroberungskrieg zum Widerstand. Der Kreisauer Kreis um den Völkerrechtler Helmuth Graf Moltke plante für die Zeit nach Hitler einen christlichen Sozialstaat. Zu der Runde gehörten Peter Graf Yorck, der Diplomat Adam von Trott zu Solz, die Pfarrer Dietrich Bonhoeffer, Alfred Delp und Eugen Gerstenmaier und die Sozialdemokraten Reichwein und Leber.

Nach der Verhaftung Moltkes im Januar 1944 schlossen sich die meisten der Widerstandsgruppe um den nationalkonservativen ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Karl Goerdeler an, der mit den Verschwörern in der Wehrmacht zusammenarbeitete.

Das Militär hatte 1933 auf Aufrüstung, Karriere und Wiederherstellung Deutschlands als Großmacht gehofft. Doch 1938 bereitete Generalstabschef Ludwig Beck wegen Hitlers Kriegsplänen gegen die Tschechoslowakei einen Putsch vor. Die Nachgiebigkeit Englands und Frankreichs entzogen dem Staatsstreich den Boden, Beck trat zurück. Oberst Hans Oster warnte die Niederlande, Dänemark und Norwegen vor einem deutschen Angriff.

Einige Dutzend Offiziere um Beck und Oster ließen sich von den deutschen Blitzsiegen nicht blenden. Überzeugt, dass der Krieg verbrecherisch sei und in die Katastrophe führe, überwanden sie ihre Skrupel und entschlossen sich zum Tyrannenmord. Der Anschlag vom 20. Juli 1944 war ihr fünfter Versuch. Angesichts der bevorstehenden Niederlage verfolgten sie nur noch zwei Ziele: Den Krieg zu verkürzen - das scheiterte - und, wie Generalmajor Henning von Tresckow sagte, "dass der deutsche Widerstand beweist vor der Welt und der Geschichte, dass er den entscheidenden Wurf gewagt hat".

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