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Die Menschheit hat in ihrer langen Geschichte unentwegt auf Wandel reagiert. Daraus formte sich das, was wir „Zivilisation“ nennen.
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Die Menschheit hat in ihrer langen Geschichte unentwegt auf Wandel reagiert. Daraus formte sich das, was wir „Zivilisation“ nennen.

Gastbeitrag

Entscheiden wir uns – für die Zukunft!

Zukunftsforscher Matthias Horx ist überzeugt: Die Erfahrungen mit Corona können helfen, auch die Klimakrise zu bewältigen.

Wird die Corona-Krise unser Verhalten verändern? Und die Geschichte jedenfalls ein Stück weit ihre Richtung? Fragen Sie sich selbst einmal: Was haben persönliche Krisen in Ihrem Leben bewirkt? Wurde danach alles genauso wie vorher? Die Pubertät zum Beispiel: Hirn und Körper werden in diesem krisenhaften Geschehen schwer geschüttelt, auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt. Danach folgt, wenn es gutgeht, das, was man Erwachsensein nennt.

Für die These, dass nach der Corona-Krise alles so wird wie davor, scheint zunächst der ungeheure Drang zum Alten, Gewohnten zu sprechen. Man steigt wieder mehr ins Auto. Jugendliche saufen auf Partys, Fußballfans können es gar nicht abwarten, sich wieder im Stadion zu verausgaben. Es stimmt schon: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Allerdings hat sich in der Krise auch einiges Erstaunliche ereignet. Wir haben in dieser Krise auch Resilienzerfahrungen gemacht – im Familiären, in der Politik, auch in der Wirtschaft. Noch nie in den vergangenen 20 Jahren war das Vertrauen in die Politik so groß wie heute. Die Corona-Leugner bestätigen eher diesen neuen, ungewohnten Konsens, als dass sie ihn widerlegten.

Deutlich mehr Bio-Nahrungsmittel wurden gekauft. Es wurde mehr Sport getrieben. Der Absatz von Gartenprodukten und Elektroautos zog massiv an – nicht nur wegen staatlicher Subventionen. Wir lernten, mit digitalen Techniken im Sinne menschlicher Kommunikation umzugehen. Wir eigneten uns das Digitale an.

Was wird davon bleiben? Vielleicht mehr, als wir denken. Reiseveranstalter erwarten, dass sich vieles im Reiseverhalten dauerhaft ändern und es zum Beispiel weniger Businessflüge geben wird. Im Arbeitsleben rüsten viele Unternehmen auf eine neue Arbeitswelt um, in der die Präsenzpflicht, der Fetisch industrieller Arbeitskulturen, endlich fällt.

Ist es Zufall, dass Wirtschaftsminister Peter Altmaier gerade jetzt eine Charta zur Dekarbonisierung der Wirtschaft vorlegt? Vielleicht liegt es daran, dass die Krise unsere Verbindlichkeiten mit der Zukunft drastisch deutlich gemacht hat. Denn Corona weist auf eine noch größere Krise hin – Global Warming, die große Herausforderung unserer Epoche, die ebenso wie das Virus aus der Verdichtung und Beschleunigung der technischen Zivilisation entstand. Wenn wir die Corona-Herausforderung bewältigt haben – können wir womöglich auch diese Prüfung bewältigen?

Bernard Looney, Chef des traditionsreichsten Erdölunternehmens der Welt, BP, veröffentlichte soeben ein Zukunftsszenario seines Konzerns. Der Öl- und Gasabsatz wird nie mehr wieder auf die Vor-Corona-Niveaus steigen. Wir sind bereits jenseits von Peak Oil, und Corona hat das besiegelt. Es beginnt das Zeitalter eines postfossilen Energiemixes. Viele Konzerne haben sich mitten in der Krise zu weitgehenden Umweltzielen bekannt. Apple, selbst Amazon, aber auch ganze Länder und unzählige Städte wollen früher als 2050 klimaneutral sein. Das ist ehrgeizig, aber auch eine Verpflichtung, die nicht mehr so leicht zurückgenommen werden kann.

Es wäre allerdings ein grundlegendes Missverständnis, den „Wandel zum Guten“ durch eine Art Läuterung zu erwarten. Das zeigt nicht zuletzt die Geschichte der Ökologiebewegung. Je apokalyptischer die Bilder, je auswegsloser die Situation, desto beharrlicher – und aggressiver – die Widerstandskräfte gegen den ökologischen Wandel. Heute, wo wir über viel mehr Wissen, bessere Technologien, einen regelrechten Boom der erneuerbaren Energien verfügen, ist die Weigerung, das eigene Verhalten zu ändern, populistisch aufgeladen. Es wird ausschließlich mit dem Stigma des Verzichts versehen. Dabei wäre es eine neue Fülle.

Die Corona-Krise macht aber auch hier einen Strich durch die Rechnung. Wenn das Katastrophische erfolgt, verlieren Menschen plötzlich die Angst, die sie „normalerweise“ in Wut und Abwehr umsetzen. Eine Leerstelle entsteht, in der das Neue, Unbekannte möglich wird. Was wir hier erleben können, ist der Effekt des menschlichen Staunens. Staunen geschieht, wenn wir uns über etwas, das wir erfahren, auf eine Weise wundern, die uns innerlich berührt – und dadurch verändert. Wenn unsere Erwartungen ent-täuscht werden, aber womöglich in einem positiven Sinne.

Die Corona-Krise hat nicht alle, aber viele Menschen zu solchen Erfahrungen geführt. Wir lernten, dass wir vieles, auf das wir auf keinen Fall verzichten wollten, gar nicht so sehr vermissten. Im Gegenteil, in der Einschränkung der Möglichkeiten lag plötzlich Befreiung. Wir lernten auch vieles ganz anders zu schätzen, was plötzlich nicht mehr ging. In der Sprache der Kognitionspsychologen: Es entstand eine „kognitive Dissonanz“, die zu einem Wechsel der Perspektive führte.

Dieser Staunen-Effekt hat seinen Grund in unserer Fähigkeit zur neuronalen Flexibilität. Gewohnheiten, eingefleischte Verhaltensmuster, Ideologien sind letztlich Musterbildungen in unserem Hirn. Routinen bilden sich durch ständige Wiederholung aus. Wenn aber plötzlich diese Routinen erschüttert oder unterbrochen werden, kann ein Reset passieren. Man wundert sich. Das, was vorher bekannt vorkam, wirkt plötzlich fremd. Und das Fremde ganz normal. Wandel entsteht also von innen heraus, als Reaktion auf das verblüffend Andere. Das passiert uns öfter, als wir glauben. Wenn wir uns verlieben, sieht die ganze Welt vollkommen anders aus. Wenn wir spirituelle Erfahrungen machen, ändert sich unsere Verbundenheit mit der Welt.

Wenn wir an etwas wirklich glauben – an den Sinn eines Unternehmens, die Zukunft unserer Familie, unsere Fähigkeit, im Beruf kreativ und konstruktiv zu sein –, entsteht innere Zukunft.

Es ist modisch geworden, die Möglichkeit dieses inneren Wandels zu negieren. Das ist nicht nur vereinfachend, sondern auch menschenverachtend. Die schlichte Wahrheit lautet: Wenn das so wäre, wären wir nicht hier. Die Menschheit hat in ihrer langen Geschichte unentwegt auf Wandel reagiert. Daraus formte sich das, was wir „Zivilisation“ nennen.

Die Corona-Krise hat die Frage, die die Zukunft an uns stellt, lauter und deutlicher gemacht. Die Welt geht in eine Turbulenz und wird, so oder so, ihre Richtung ändern. Entweder in Richtung einer fossilen Vergangenheit, in der die dumpfen Weltbilder und alten Gespenster wiederkehren. Das wäre die Vertrumpung der Welt. Oder es kommt zu einer Rebellion gegen die Zukunftslosigkeit. Einem Aufstieg ins Bessere. Krise heißt vom altgriechischen Wortstamm her „Entscheidung“. Also: Entscheiden wir uns. Für die Zukunft!

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