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Kadetten der afghanischen Armee während der Abschlussfeier ihrer Ausbildung im April 2019.
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Kadetten der afghanischen Armee während der Abschlussfeier ihrer Ausbildung im April 2019.

Afghanistan

Enthüllungen über US-Einsatz: Afghanische Soldaten von eigenen Vorgesetzen bestohlen

  • VonMirko Schmid
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Laut eines investigativen Berichts sollen afghanische Streitkräfte schlecht ausgebildet, erbärmlich ausgerüstet und demotiviert gewesen sein.

Craig Whitlock hat sich in den USA einen Namen als Investigativ-Journalist gemacht, der besonders hartnäckig recherchiert. Am 31. August 2021 veröffentlichte der Reporter der Washington Post das Buch „The Afghanistan Papers – A Secret History of the War“, in dem er auf Grundlage von intensiven Recherchen kaum ein gutes Haar an der Afghanistan-Poilitk der USA lässt.

Sein Buch baut auf einem investigativen Bericht aus dem Jahr 2019 auf, den Whitlock nach wiederholten Anfragen an die zuständigen Behörden im Rahmen des Gesetzes zur Informationsfreiheit zusammenstellen konnte. Um an die Informationen zu kommen, kam Whitlock nicht umhin, verschiedene Gerichtsverfahren zu bemühen. Insgesamt drei Jahre prozessierte Whitlock, um an die seiner Recherche zugrundeliegenden Dokumente zu gelangen. Immer wieder kritisierte der dreifache Finalist der Pulitzer-Preisverleihung, dass es sich bei den Akten nicht um Verschlusssachen handelte und ihm der – in den USA gesetzlich garantierte – Zugang dennoch lange verwehrt worden sei.

Gegenüber dem US-Nachrichtensender CNN äußerte sich der Journalist nun in einem ausführlichen Interview mit Moderator Jake Tapper zu Inhalten seines kürzlich veröffentlichen Werks und auch zur Strategie der Vereinigten Staaten im Rahmen eines Auslandseinsatzes, der länger währte als beide Weltkriege und der Vietnam-Krieg zusammen. Schon diese schiere Zeitspanne zeige, so Whitlock, dass die Mission nicht wirklich optimal verlaufen sein könne. Ins Bild passe, dass mit Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden drei Präsidenten über sieben Jahre hinweg daran gearbeitet hätten, die US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen.

Investigativ-Reporter Whitlock: „Ich denke, die USA haben Afghanistan nie verstanden“

Whitlock kritisierte weiterhin, dass verschiedene US-Administrationen zum Teil nicht ausreichend über die Gegebenheiten in Afghanistan informiert gewesen seien. CNN-Jake Tapper sekundierte, dass seine eigenen Recherchen Beweise dafür ergeben haben sollen, dass US-Geheimdienstberichte zum Teil auf Inhalten der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia basierten. Auf seine daran anschließende Frage, ob die USA Afghanistan jemals verstanden hätten, antwortete Whitlock mit: „Ich denke nicht.“ Dies läge auch daran, dass fast niemand aus den Reihen der US-Militärs, weder hochrangige Offiziere noch einfache Einsatzkräfte, jemals die in Afghanistan geläufigen Sprachen gelernt hätte.

In Laufe seiner Aktenstudien sei Whitlock auf Aussagen eines hochrangigen Mitarbeiters des Nationalen Sicherheitsrates der Obama-Administration gestoßen, der zugegeben haben soll, dass im Laufe des Afghanistan-Einsatzes „Kennzahlen“ manipuliert worden seien, bevor sie auf Obamas Tisch landeten. Ziel sei gewesen, einerseits die Regierung besser dastehen zu lassen und andererseits die Unterstützung in der US-Bevölkerung für den militärischen Einsatz am Hindukusch zu sichern: „Sie haben also gelogen und die öffentliche Meinung manipuliert.“

Jake Tapper ergänzte Whitlocks Berichte mit einer Aussage des ehemaligen Verteidigungsministers Robert Gates, der sowohl unter George W. Bush als auch unter Barack Obama diente. Dieser soll im Jahr 2013 gesagt haben: „Die Wahrheit ist, dass wir bis zum 11. September [2001] nichts über Al-Quaida wussten.“ Anschließend wollte er von Whitlock wissen, ob sich diese bescheidene geheimdienstliche Lage nach den Anschlägen auf die Twin Towers des World tTade Center in New York City verbessert habe.

Whitlock: Vorgesetzte der Armee in Afghanistan steckten Sold ihrer Streikräft in die eigene Tasche

Dies sei zwar der Fall, antwortete Whitlock, das Problem sei jedoch gewesen, dass die Geheimdienste und die Führung des US-Militärs in der Folge nicht mit einer Stimme gesprochen hätten. Während die Nachrichtendienste ein äußerst pessimistisches Bild der Lage in Afghanistan gezeichnet und schon früh Berichte geliefert haben sollen, wonach sich die Taliban wieder stabilisieren würden und das afghanische Militär im Gegenzug an Schlagkraft eingebüßt habe, seien Militär-Offizielle und Präsidenten an die Öffentlichkeit gegangen und hätten ein positives Zerrbild verbreitet.

NameCraig Michael Whitlock
BerufJournalist
MediumWashington Post
Alter53 Jahre (26. März 1968)

Whitlock bestätigte außerdem, dass sich große Teile des afghanischen Militärs schon vor dem letztlich erfolgreichen Anlauf der Taliban, die Macht in Afghanistan wieder an sich zu reißen, selbst aufgegeben hätten. Grund dafür sei, neben dem schon durch die Verhandlungen des damaligen Präsidenten Donald Trump mit den Taliban begonnenen Absetzbewegungen der USA, eine breitflächig verbreitete Korruption innerhalb der Kommandostrukturen der Armee gewesen. Vorgesetzte hätten den Sold ihrer Untergebenen in die eigene Tasche gesteckt und zum Aufbau einer tatsächlichen Wehrhaftigkeit dringend benötigtes Benzin und Munition abgezweigt. Sein Fazit: „Wenn Sie unter diesen Bedingungen ein Soldat an vorderster Front gewesen wären, warum hätten sie kämpfen wollen?“

Mehr als ein Jahrzehnt sei den Offiziellen des US-Militärs bewusst gewesen, dass die Truppen des afghanischen Militärs demotiviert, schlecht ausgebildet und miserabel ausgerüstet gewesen seien, so Whitlock. Immer wieder sei ihnen berichtet worden, dass die Streitkräfte der afghanischen Truppen nicht einmal ordentlich geradeaus schießen konnten. Zusätzlich seien die meisten von ihnen Analphabeten gewesen und hätten nicht einmal ordentlich zählen können. So sei es die gesamte Zeit gewesen, die Lage habe sich nie wirklich verbessert. In der Öffentlichkeit jedoch, so Whitlock, hätten die Generale von Fortschritten berichtet.

US-Vizepräsident Dick Cheney soll nur knapp einem Selbstmordattentat entkommen sein

Dies habe auch daran gelegen, dass die Ausbildenden vor Ort unter enormen Druck gestanden hätten. „Fast schon ein Befehl“ sei es gewesen, zu behaupten, dass die verantworteten Truppen in der Lage dazu seien, ihre Stadt oder ihren Bezirk abzusichern – ob dem nun so war oder nicht. Damit bestätigte Whitlock eine Bemerkung Tappers, wonach kein US-Militär in Afghanistan auf eine Beförderung habe hoffen können, der wahrheitsgemäß berichtet hätte, dass die ihm anvertrauten Streitkräfte keine Fortschritte machen würden.

Noch bevor sich Whitlock ausführlich zum Versagen der US-Ausbildung in Afghanistan äußerte, berichtete der Journalist von einem angeblichen Versuch, den damaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney anlässlich eines Besuchs des Luftwaffenstützpunktes Bagram zu ermorden. Diesbezüglich, so Whitlock, habe er erfahren, dass die Taliban die Wahrheit gesagt hätten, wohingegen das US-Militär Falschinformationen verbreitet habe. Dies habe sein Studium von Dokumenten ergeben, in denen ein hochrangiger US-Militär diesen Fakt ebenfalls bestätigt haben soll. Ein Selbstmordattentäter habe bereits auf Cheney gewartet, sich aber angesichts des bewaffneten Convois, der Cheney eskortierte, gegen einen Angriff entschieden. (Mirko Schmid)

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