Russland

Entgeistert

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Russland leidet vor allem mit dem Verlierer. Kremlnahe Medien warnen, die USA würden im Bürgerkrieg versinken.

Es sei eine Wahl zwischen Mensch und Roboter gewesen. „Donald Trump lügt wie ein Mensch, irrt wie ein Mensch, hat das Privatleben eines Menschen.“ Der liberale Moskauer Politologe Stanislaw Belkowski fühlt mit dem Verlierer. „Josef Biden aber ist eher ein Roboter.“ Deshalb habe man ihn auch als Präsidentschaftskandidaten aufgestellt, „ein zuverlässiges Gerät und kein unvorhersehbarer Mensch wie Trump“.

Fast ganz Russland leidet mit Trump, will seine Niederlage so wenig eingestehen wie der amtierende US-Präsident selbst. Wie er verweisen kremlnahe Medien auf Wahlmanipulationen und warnen, die USA würden im Bürgerkrieg versinken. Ein Sprecher der russisch-orthodoxen Kirche rief dazu auf, die USA unter UN-Verwaltung zu stellen, damit ihre Atomwaffen nicht in die falschen Hände gerieten. Und der nationalistische Publizist Anatoli Wasserman sieht Trump als siegreichen Kläger vor dem höchsten Gericht der USA. Das sei „voll“ mit Trump-Anhängern, drei habe er persönlich ernannt, sie würden die Massenfälschungen nicht durchgehen lassen. „Trump hat beste Chancen, nach einer Neuauszählung weitere vier Jahre Staatschef zu bleiben.“

Mit Joe Biden befasst sich Moskau ungern, Wladimir Putin hat bislang noch nicht gratuliert. TV-Kommentatoren sagen, der 77-jährige Demokrat sei schon jetzt vergreist, Senator Andrei Klimow erwartet von ihm verstärkte antirussische Rhetorik mit Akzent auf personelle Sanktionen, sein Kollege Alexei Puschkow eine Intensivierung des Kalten Kriegs. Im Gegensatz zu Trump gilt Biden in Russland als offener Feind. „Sie (die Russen) wissen, dass ich sie kenne, und sie kennen mich“, zitiert ihn die Zeitung „Moskowski Komsomoljez“.

Biden, das gilt in Moskau als sicher, will das Verhältnis der USA zur übrigen Nato verbessern, was Russlands neuen Einfluss in Europa infrage stellt. Zudem will er auf erneuerbare Energien setzen, für die Ölindustrie keine gute Nachricht. Andererseits erwarten Militärexperten von Biden eine rationalere Rüstungspolitik, mit ihm sei das Start-II-Abkommen leichter zu verlängern als mit Trump. Und der Wirtschaftsanalytiker Jewgeni Malychin sagte, Bidens Gefährlichkeit für Russland werde stark übertrieben. „Er wird auch gegen Deutschland viel ausgewogener Politik machen.“ Und deshalb werde er die deutsch-russische Ostseepipeline Nordstream 2 keineswegs so grimmig bekämpfen wie Trump.

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