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In der drusischen Diaspora machen Fotos der IS-Geiseln die Runde.

Syrien

"Die Entführung von Frauen ist ein hochsymbolischer Akt"

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Syrien-Expertin Scheller spricht im Interview über die Unterdrückung von Minderheiten und darüber, wie Assad und der IS voneinander profitieren.

Frau Scheller, Ende Juli gab es eine Angriffsserie auf die Stadt Suweida und mehrere der umliegenden Dörfer im Süden Syriens. Dabei tötete der IS über 200 Menschen und entführte mehr als 30 drusische Frauen und Mädchen. Zuvor hatte man den Eindruck, die IS-Milizen seien in Syrien praktisch nicht mehr von Bedeutung. Kam der Angriff überraschend?
Es gibt zwar keine signifikante IS-Präsenz mehr in Syrien, aber es gibt noch einzelne Gruppen. Vor ein paar Monaten hat das syrische Regime mehrere Vororte von Damaskus vom IS zurückerobert und dann Hunderte überlebende Kämpfer in Bussen in die Nähe von Suweida verfrachtet. Als jetzt diese IS-Kämpfer Suweida angriffen, reagierten die Regierungstruppen vor Ort zunächst nicht und sind erst nach vielen Stunden eingeschritten.

Unter den Drusen gibt es das Gerücht, Assad habe sie vor den Angriffen des IS nicht nur nicht geschützt, sondern diese sogar mitverantwortet.
Das ist verständlich, denn genau das haben wir an anderen Orten Syriens beobachten können: Assad bekämpft in erster Linie Rebellen, nicht den IS. Der IS hat nicht nur freies Geleit bekommen, wenn Assad Gebiete wieder eingenommen hat, sondern durfte auch seine Waffen und Fahrzeuge mitnehmen. Der IS ist nämlich nützlich, um die eigene Bevölkerung einzuschüchtern. Als Assad kurz darauf eine Militäroffensive im Süden Syriens gestartet hat, um dortige Rebellengebiete zurückzuerobern, haben die IS-Truppen Assad geholfen – sie waren es auch, die die Evakuierung der syrischen Ersthelfer, der sogenannnten Weißhelme verhindert haben, in dem sie ihnen den Weg zur Grenze abgeschnitten haben. Die Angriffe auf Suweida hängen mit der Regime-Offensive zusammen – und sie kamen Assad sicher nicht ungelegen.

Inwiefern?
Seine Macht ist eine geliehene Macht, er braucht sehr viel Unterstützung. Und da hilft es ihm durchaus, den IS ab und zu als Schreckgespenst auftauchen zu lassen, um die Leute noch mal auf den gemeinsamen Kampf einzuschwören. So kann er sich als derjenige präsentieren, der als Einziger im Land den Schutz der Minderheiten garantieren kann. Dieses Narrativ hilft Assad nach außen hin, aber auch innen ist es wirkungsstark – nicht nur bei Drusen, sondern auch bei anderen Minderheiten wie Christen oder Ismailiten.

Aber die Drusen gelten doch eher als Unterstützer Assads.
Bei den Drusen gab es – wie bei allen religiösen und ethnischen Gruppen – Leute, die gegen das Regime auf die Straße gegangen sind. Andere standen von Anfang an auf der Seite Assads. Aber insgesamt haben die Drusen versucht, in dem Konflikt neutral zu bleiben und die Militarisierung ihres Gebiets zu verhindern.

Warum genügt es Assad nicht?
Er will bedingungslose Unterordnung und er will, dass die Minderheiten ihn aktiv im Kampf gegen die verbliebenen Rebellen unterstützen. Die Botschaft ist klar: Wenn ihr nichts für mich tut, dann schaue ich weg, wenn ihr angegriffen werdet. Das ist nicht neu, aber die Drusen haben das vorher noch nicht so zu spüren bekommen wie andere Gruppen.

Der Fall erinnert auch an die Verfolgung von Jesiden. Seit Sommer 2014 sind immer noch Tausende jesidische Frauen und Mädchen in der Gewalt des IS.
Ja, das stimmt. In beiden Fällen ist klar, dass die Entführung von Frauen und Mädchen ein hochsymbolischer Akt ist, der nicht nur von den Menschen vor Ort, sondern auch international besonders stark rezipiert wird – und darauf auch abzielt.

Und so bleibt bei den Menschen der Eindruck, sie hätten nur die Wahl zwischen Assad auf der einen Seite und Islamisten auf der anderen Seite?
Ja, und das ist tragisch, weil es nicht so hätte kommen müssen, wenn die demokratisch gesinnten Rebellen mehr Unterstützung bekommen hätten. Aber auch jetzt stimmt der Eindruck nicht ganz, dass es in Syrien zwischen Assad-Anhängern und Islamisten nichts mehr gebe. In Idlib haben wir riesige, gewaltfreie Proteste gesehen. Das ist beachtlich. Viele der Regimegegner dort sind auch gegen die Islamisten und haben auch immer wieder gegen diese demonstriert. So sehen es viele, aber gegen die militärische Dominanz islamistischer Gruppen kommen sie nicht an.

Einige Drusen beklagen jetzt, alle Augen seien nur auf Idlib gerichtet, niemand interessiere sich für das Schicksal der Entführten.
Ich finde ehrlich gesagt, dass noch viel zu wenige Augen auf Idlib gerichtet sind. Leider gibt es insgesamt eine Syrien-Ermüdung bei vielen Menschen. Da geraten dann auch Ereignisse aus dem Fokus, die früher für viel Aufsehen gesorgt hätten, das stimmt sicher.

Interview: Alicia Lindhoff

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