Organspende

England wechselt zur Widerspruchslösung

  • schließen

Die Reform soll den Mangel an Spenderorganen beheben.

England reagiert auf das Defizit bei Spenderorganen mit einer radikalen Reform des Organspenderechts. Ab 2020 soll dort die Widerspruchslösung gelten, nach der automatisch als Organspender gilt, wer nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widerspricht. Wie der „Independent“ berichtet, stimmte das Unterhaus jetzt für das Aus der derzeitigen Zustimmungsregelung. In einer einjährigen Vorbereitungsphase soll die Bevölkerung mit einer breiten Aufklärungskampagne informiert werden, bevor die Neuregelung in Kraft tritt. Angehörige dürfen der BBC zufolge auch künftig noch die Organentnahme bei einem Verstorbenen ablehnen. Für Touristen soll die Neuregelung nicht gelten.

Bisher müssen sich Menschen in England, die nach ihrem Tod Organe spenden wollen, in einem nationalen Register erfassen lassen – oder ihre Angehörigen müssen nach ihrem Tod der Spende zustimmen. Untersuchungen zufolge befürworten fast 80 Prozent der Engländer die postmortale Organspende, aber nur 37 Prozent haben sich ins Register eintragen lassen. Nach dem Tod erlaubt nur knapp die Hälfte der Angehörigen eine Organentnahme.

Die Neuregelung trägt den Namen „Max‘ und Keiras Gesetz“ – nach den beiden Kindern Max Johnson und Keira Ball. Ihre Geschichte hatte auf der Insel für Schlagzeilen gesorgt und die Reformdebatte entscheidend befeuert: Keira kam bei einem Verkehrsunfall ums Leben und ihre Eltern stimmten einer Organspende zu. Das rettete Max, der nach einer schweren Infektion von der Herz-Lungen-Maschine abhängig war, das Leben. Die Eltern beider Kinder engagieren sich inzwischen stark in Kampagnen für die Organspende.

Regierungsvertreter gehen davon aus, dass durch die Reform etwa 700 Menschenleben pro Jahr gerettet werden. In ganz Großbritannien stehen 6000 Schwerkranke auf der Warteliste für ein Spenderorgan, 400 starben nach offiziellen Angaben im vergangenen Jahr, weil sie nicht rechtzeitig transplantiert werden konnten.

Auch in Schottland rückt eine Widerspruchslösung näher. Das Parlament berät derzeit über eine Reform, der Justizausschuss hat bereits mehrheitlich zugestimmt. In Wales gilt die Widerspruchslösung bereits seit 2015. Auch europaweit ist die Regelung auf dem Vormarsch, sie gilt inzwischen in Bulgarien, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Liechtenstein, Luxemburg, den Niederlanden, Österreich, Polen, Portugal, der Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, der Türkei, Ungarn und Zypern.

Deutsche Sonderrolle

In Deutschland ist ein Wechsel zur Widerspruchslösung heftig umstritten. Um dem massiven Mangel an Spenderorganen beizukommen, hat der Bundestag zunächst ein Gesetz verabschiedet, das die Identifizierung von potenziellen Spendern sowie die Finanzierung von Transplantationskliniken verbessern soll.

Noch vor der Sommerpause soll über eine weitergehende Reform abgestimmt werden. Eine fraktionsübergreifende Gruppe um Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Karl Lauterbach (SPD) fordert die Widerspruchslösung, eine andere lehnt das ab. Sie plädiert für ein zentrales Organspenderegister, das die derzeitigen Spenderausweise ablösen soll. Auch sollen künftig nicht nur Krankenkassen und Ärzte über die Organspende informieren, sondern auch Ausweis- und Führerscheinbehörden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion