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Der Bujagali-Staudamm, das größte Bauprojekt Ugandas seit der Unabhängigkeitserklärung vor 50 Jahren.
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Der Bujagali-Staudamm, das größte Bauprojekt Ugandas seit der Unabhängigkeitserklärung vor 50 Jahren.

Bujagali-Staudamm

Energiewende auf Afrikanisch

Ein Wasserkraftwerk soll Uganda in ein neues Zeitalter katapultieren. In den nächsten Tagen wird es zum ersten Mal Strom liefern.

Von Stefan Ehlert

Teodora Nakamye ist umgezogen. Früher lebte sie in Chikubamutwe an den Bujagali-Fällen. Direkt am Fluss gab es immer Wasser, dort gedieh Kaffee, und der brachte gutes Geld. Mehr Geld jedenfalls als die Bananen, die sie heute, nach ihrem Umzug ins sechs Kilometer entfernte neue Dorf Naminya, auf ihrem dürren Boden anbaut. Manches, sagt sie, sei früher besser gewesen.

Damals, das war die Zeit, bevor ihr eigenes und acht weitere Dörfer dem Bujagali-Staudamm weichen mussten. 700 Menschen mussten ihr Land verlassen und sich ein neues Heim aufbauen. Sie wurden für ihren Verlust entschädigt. So kommt es, dass Teodora heute acht statt zwei Ziegen besitzt und viele Hühner und dass sie ihre Töchter durch die Uni bringen konnte. Sie sagt, sie sei zufrieden: „Wir sind für den Damm. Wir wollen Strom. Deswegen sind wir umgezogen.“

Nun wartet die 51-Jährige auf eine Einladung: „Sie wollten uns das Kraftwerk zeigen, wenn es fertig ist“, berichtet sie. Es dürfte bald soweit sein. In diesen Tagen soll die erste von fünf Turbinen Strom liefern. Dann wird Bujagali, Ugandas erstes neues Wasserkraftwerk seit 1956 und derzeit eine der größten Baustellen südlich der Sahara, nicht nur Teodoras Leben durcheinandergewirbelt haben, sondern ganz Uganda verändern.

Bujagali ist schon jetzt nicht wiederzuerkennen. Wo Teodora bis vor einigen Jahren in üppigem Grün lebte, staut sich heute der Nil vor der mächtigen Kulisse eines grauen Betonkolosses. 50 Meter hoch ragt die Turbinenhalle. In reißenden Strudeln schießen mehr als eine Million Liter Wasser pro Sekunde mit Getöse durch die engen Umlaufschächte. Wer vom Damm aus auf die Turbinenköpfe im Sockel der Halle blickt, sollte schwindelfrei sein. Am ersten Kopf saugen Arbeiter gerade den Staub von der Schutzkappe. Vor dem ersten Test unter Last soll alles besenrein sein.

Und dann noch die Piraten

„Lass uns mal sehen, ob wir das Ding in Gang kriegen“, spöttelt Bauleiter Bill Groth. Der 51-Jährige hat schon überall auf der Welt Kraftwerke gebaut und ist die Ruhe selbst. Hier aber rechnet er bis zum letzten Moment mit Unwägbarkeiten. In der bald 30-jährigen Entstehungsgeschichte des Bujagali-Projekts war schon so vieles anders als sonst.

Zuerst ging in Folge der Enron-Pleite in den USA ein Geldgeber verloren, und ein neuer Finanzplan musste her, an dem sich die deutsche KfW-Entwicklungsbank und ihre Tochter DEG mit einem Kredit über 45 Millionen Dollar beteiligten. Nachdem die Dörfler umgesiedelt worden waren und die Flussgeister der heiligen Nilfälle durch Opfergaben, Zeremonien und einen neuen Schrein besänftigt schienen, begannen 2007 die Bauarbeiten. Zehntausende Tonnen Material, die in Uganda nicht verfügbar waren, sollten über den Hafen von Mombasa in Kenia herbeigeschafft werden. Dort aber brach Ende 2007 ein bürgerkriegsähnlicher Konflikt aus, monatelang waren die Transitrouten blockiert. 2010 griffen gar somalische Piraten ins Baugeschehen ein: Sie entführten ein Schiff, das einen 300?000 Dollar teuren Turbinenschaft geladen hatte. Das Werkstück musste neu produziert werden. All das trieb die Kosten des Projekts auf 870?Millionen Dollar hoch.

Manche Probleme waren eher hausgemacht. Viele der 4?000 mühsam angelernten ugandischen Arbeiter in Bujagali verkauften anfangs ihre Schutzkleidung, statt sie zur Arbeit zu tragen. Eines Nachts meldete ein Wachmann, ihm seien die Flussgeister erschienen. Die Arbeiter flüchteten, tagelang blieben die Schaufeln und Bagger im Depot. Zudem bremste der Klau von rund 200 Tonnen Stahl den Ausbau des Stromnetzes. Ohne neue Überlandleitungen aber kann Bujagali nicht die Wirkung entfalten, die sich das ganze Land von dem Kraftwerk erhofft.

Derzeit produziert ganz Uganda mit einem 56 Jahre alten Wasserkraftwerk und gemieteten Dieselgeneratoren nicht mehr Strom, als in Deutschland allein die Stadt Bielefeld verbraucht. Keine zehn Prozent der 35 Millionen Ugander sind ans Netz angeschlossen. Die Produktion mit Diesel ist klimaschädlich und teuer: Jede Kilowattstunde kostet etwa 21 Cent. Bujagali wird Strom zu Gestehungskosten von etwa sieben Cent pro Kilowattstunde produzieren.

Es gebe zu Bujagali keine Alternative, sagt der KfW-Projektleiter Jan-Martin Witte. Aus seiner Sicht sind die sozialen und ökologischen Kosten vergleichsweise vertretbar. Da nur ein kleiner, 120 Hektar großer See aufgestaut werden musste, wird dem Nil in Bujagali kaum Wasser durch Verdunstung entzogen. Das beruhigt die Flussanrainer, allen voran Ägypten. Der Klimaschutzeffekt des neuen Kraftwerks wird auf 900?000 Tonnen CO2-Einsparung geschätzt.

Wichtiger ist den Ugandern aber der wirtschaftliche Impuls. Die Bevölkerung wächst jedes Jahr um eine Million Menschen. Wo sollen die jungen Leute Jobs finden? Der Energiemangel bremst Industrie und Handwerk. Pim de Witte, Direktor der Blumenfarm Wagagai bei Entebbe, kann es kaum mehr erwarten, dass Bujagali endlich ans Netz geht. Wagagai produziert mit 2?000 Angestellten jährlich 140 Millionen Geranien-Stecklinge für den deutschen Markt. Kühlung, Belüftung und Licht sind unerlässlich für die Produktion. Weil nur selten Strom aus der Leitung kommt, muss de Witte jede Woche 14?000 Liter Diesel für Notstromaggregate kaufen. Anderswo geht es sogar um Leben und Tod. „Menschen sterben, weil es keinen Strom gibt“, berichtet eine Klinikleiterin aus Entebbe. Wenn bei nächtlichen Notfällen in Kreißsaal oder OP das Licht ausgeht, kommen Patienten um. Bujagali wird 250 Megawatt Leistung bringen, das entspricht dem Viertel des Stroms, den ein AKW-Reaktor produzieren kann. Ist das Kraftwerk erst einmal am Netz, hat Ugandas Energie-Misere ein Ende. Wenn auch nur bis 2015. Dann nämlich dürfte die Nachfrage die Kapazität wieder überschreiten. Weitere Kraftwerke und Netze sind deshalb bereits in Planung, und vielleicht kann Uganda sie sogar selbst finanzieren. Studien zufolge sitzt das Land auf den drittgrößten Erdölvorkommen Afrikas. Unternehmer und Politiker in Kampala wollen, dass sich Uganda bis 2025 zum Schwellenland entwickelt. Henry Banyenzaki, Staatsminister und Vertrauter des Präsidenten Yoweri Museveni, rät deutschen Investoren, den Boom nicht zu verschlafen. Schon bald werde man bei Jinja das Stahlwerk errichten, von dem Museveni schon seit Jahrzehnten spricht. Für Frank Albert, KfW-Büroleiter in Kampala, ist zumindest so viel klar: „Uganda wird Importeur von Industriegütern. Das muss die deutsche Wirtschaft interessieren.“ Teodora, die umgesiedelte Bäuerin, hat vorerst bescheidenere Pläne. Wenn der Strom endlich kommt, will sie etwas kaufen, was sie noch nie besessen hat: eine Glühbirne.

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