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Zwischen Suchtgefahr und sozialer Nähe: Die Handys können Jugendlichen einen Ausweg aus der Einsamkeit bieten.
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Zwischen Suchtgefahr und sozialer Nähe: Die Handys können Jugendlichen einen Ausweg aus der Einsamkeit bieten.

Corona und Psyche

Kinder und Jugendliche: Corona bringt eine Endlosschleife aus Langeweile und Einsamkeit

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Wer mit Kindern und Jugendlichen arbeitet, sieht klare Zeichen für eine gestiegene psychische Belastung der jungen Menschen. Daraus entstehen aber nicht zwingend dauerhafte Probleme.

Arm oder reich, Stadt oder Land, Mädchen oder Junge, migrantisch oder nicht, Einzelkind oder Geschwister, Patchworkfamilie oder Pflegeeltern – im Jugendalter sieht das Leben in etwa so aus: lieber Fußball als Schulbuch, lieber eigene Wochenendpläne schmieden als mit der Familie zu wandern. Mit Gleichaltrigen abhängen, sich austauschen, albern sein. In jemanden aus der Parallelklasse verliebt sein, in der Schule auf die große Pause warten. Dinge das erste Mal machen und vor allem: Dinge das erste Mal ohne Eltern machen.

Ein Jahr bei Jugendlichen kann erstaunlich vielfältig sein – außer es ist Corona. Es häufen sich Sorgen und Berichte, Kindern und Jugendlichen sei es aktuell nicht nur ziemlich langweilig, sondern ihre Entwicklung – sozial, kognitiv, emotional – leide unter dem anhaltenden zweiten Lockdown und den Corona-Einschränkungen.

„Erwachsene sind in der Regel gefestigter als Kinder und Jugendliche, die viele Entwicklungen noch vor sich haben oder mittendrin stecken“, sagt Christopher Moderhak. Er ist leitender Psychologe in der Schön-Klinik Bad Arolsen, einem psychosomatischen Krankenhaus, und betreut Kinder und Jugendliche. Die meisten Patientinnen und Patienten kommen wegen Essstörungen, Angststörungen, Depressionen oder Zwangshandlungen zu ihm. „Erwachsenwerden ist auch ohne Corona oft eine Herausforderung.“

Dossier: Psyche in der Corona-Pandemie

Als soziale Wesen brauchen wir das Miteinander, den Austausch, die Berührung. Und können dieses Bedürfnis doch seit Monaten nicht mehr ausreichend stillen. Und so sehr sich die Politik auch bemüht, es reicht nicht, um ökonomische Sorgen zu nehmen und Planungssicherheit zu geben. Jede und jeder erlebt und bewältigt diese Pandemie anders. Noch sind die psychischen Langzeitfolgen unklar. 

Die FR blickt auf einzelne Personengruppen - unter anderem auf Kinder und Senior:innen, Eltern und Pfleger:innen -, um ein Bild der jeweiligen Herausforderungen zu zeichnen. Alle Beiträge im Dossier.

Ein aktueller Bericht des Robert-Koch-Instituts, der mehrere Studien des vergangenen Jahres zusammenfasst, zeigt: Die Häufigkeit von Angstsymptomen unter Kindern und Jugendlichen ist nach dem ersten Lockdown im vergangenen Frühjahr von 15 auf 24 Prozent gestiegen. Den Eindruck einer verminderten Lebensqualität haben mehr als 40 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen. Psychische Auffälligkeiten bei 7- bis 17-Jährigen sind von 18 Prozent auf etwa 31 Prozent gestiegen.

„Das heißt aber nicht, dass die Kinder und Jugendlichen mit der Situation nicht klar kommen“, sagt Psychologe Moderhak. Zwischen Stress erleben, psychischer Belastung und einer psychischen Erkrankung müsse unterschieden werden. So ginge aus den Studien auch hervor, dass die meisten Familien die Situation gut meisterten und die meisten Jugendlichen die Stresssituation gut ausgleichen könnten.

Was allerdings nicht heißt, dass es ihnen gut geht. Daniel Schröder arbeitet als Sozialpädagoge bei der Arche Frankfurt. Er weiß: Die meisten Kinder und Jugendlichen, die zu ihm in die Arche kommen, haben zu Hause wenig Platz. Die Erwartung der Eltern während Lockdown, Homeschooling und Ausgangssperren sei in erster Linie, dass die Kinder leise sind. Auch deshalb verbringen sie einen noch größeren Teil ihrer ereignislosen Zeit mit Kopfhörern an ihrem Smartphone.

Schröder erinnert sich an einen Nachmittag in einer der Frankfurter Archen, an eine Gruppe Jungs, die coronakonform zusammensaß – jeder an seinem Handy. „Ich meinte: Wenn ihr schon hier seid, wo ihr ein bisschen Abwechslung habt und etwas machen könnt, dann hängt doch nicht auch hier die ganze Zeit am Handy“, erzählt er. Und das, so Schröder, sei für die Jugendlichen einleuchtend gewesen. Ein Junge habe Schröder daraufhin die Bildschirmzeit auf seinem Smartphone gezeigt: An diesem Tag war das Display seines Handys bereits 16 Stunden aktiv. Der Junge bat Schröder, ihm die Bildschirmzeit auf wenige Stunden zu limitieren – schon am nächsten Abend aber meldete er sich und bat um das Passwort zur Aufhebung der Sperre. „Die Mediennutzung ist schon etwas, das uns Sorgen bereitet, dass sich da ein Suchtverhalten einstellt“, sagt Schröder. Er habe den Eindruck, die Jugendlichen wollten sich zurzeit durch die dauerhafte Berieselung „rausbeamen“.

Was er und das Arche-Team beobachteten, sei vor allem, dass sich im zweiten Lockdown eine hohe Resignation breit mache. „Im ersten Lockdown waren alle noch lustvoll und chancensuchend. Man wusste: Wenn wir uns jetzt Mühe geben, ist das alles bald vorbei.“ Jetzt sei es oft, als hätten sich die Kinder und Jugendlichen ihrem Schicksal ergeben. „Es verändert sich und ist mittlerweile mehr als nur Langeweile und Genervtsein. Viele sind mit der Situation wirklich überfordert, sie sind ausgelaugt“, sagt er.

Claus Eschenauer ist Haupt- und Realschullehrer im ländlichen Herborn und Mitglied im Vorstand des Deutschen Lehrerverbandes. „Hier auf dem Land ist es weitläufig, deshalb ist in der Freizeit mehr Abwechslung möglich als in der Stadt“, sagt er. Jeden Morgen ab 7.45 Uhr ist er mit seinen Schülerinnen und Schülern über ein Chatprogramm und in Videokonferenzen in Kontakt. Dort verteilt er nicht nur Aufgaben, sondern lässt sich auch über Freizeit und Laune der Kinder berichten.

„Schneemann bauen, Pferde ausreiten, Mountainbike fahren, mit Geschwistern Fußball spielen, über den Zaun mit den Nachbarn reden – das alles ist hier weiterhin möglich“, zählt er auf. „Natürlich zocken auch viele oder gucken Serien. Und alle vermissen ihre Freunde sehr.“ Obwohl der Mittelstufenlehrer einen guten Draht zu seinen Schülerinnen und Schülern pflegt, gibt er zu: „Es ist natürlich nur die Spitze des Eisbergs, die ich mitbekomme.“

Es sei eher selten, dass Eltern von Lagerkollern berichteten oder Kinder sich mit Überforderung an ihn wendeten. Wohl auch, weil sie fürchteten, es könnte sich negativ auf Noten oder das Bild der Familie auswirken – das habe er zumindest von jenen gehört, die dann doch auf ihn zugekommen sind, berichtet Eschenauer.

Die Serie

Im Fokus: Was macht die Pandemie mit unserer Psyche? Die FR betrachtet verschiedene Gruppen. Im ersten Teil der Reihe sprach am vergangenen Samstag Bascha Mika mit der Sozialmedizinerin Steffi Riedel-Heller. Nach dem heutigen Teil, der sich der Belastung für Kinder und Jugendliche widmet, stehen voraussichtlich am Freitag, 19. Februar, die Singles im Fokus.

Die komplette Serie zum Nachlesen online unter FR.de/psyche

„Die Jugendzentren versuchen, vieles mit digitalen Angeboten auszugleichen“, sagt Patrick Probst, der für das Jugendamt Offenbach die Städtischen Jugendzentren verwaltet. Normalerweise sind die Jugendräume alltägliche Anlaufstelle, aktuell muss das Sozialpesonal andere Wege suchen: Sie verteilen Zettel in Briefkästen und rufen online zu virtuellen Mitmachaktionen auf. Viele Jugendliche hätten sich aber zurückgezogen und man erreiche weniger als mit den niedrigschwelligen, offenen Angeboten in den Jugendhäusern. „Ungezwungen sein, Räume erobern, sich entfalten können, das kann kein Onlineangebot ersetzen“, sagt Probst.

Dazu kommt, dass Zukunfts- und Versagensängste der Jugendlichen zunehmen, stellen Probst und die Mitarbeiter der Jugendämter fest – besonders unter den Älteren. „Praktika werden abgesagt, die Betriebe halten die Jugendlichen im Abschlussjahrgang wegen den Ausbildungsstellen hin. Und bei vielen die Frage: Komme ich beim Schulstoff mit oder habe ich den Anschluss verloren?“

Außerdem litten die Jugendlichen unter fehlender Körperlichkeit: kein Rumrangeln, keine Umarmungen, wenig Bewegung, das Abgleichen und der Wettbewerb mit anderen. „Das ganz normale Leben fehlt allen“, sagt Probst.

Wie wirken sich fehlende Abwechslung und fehlende Nähe oder Enge und Einsamkeit aus?

Christine Freitag, Psychologin und Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, sagt: „In den meisten Fällen bedeutet das nicht, dass die Psyche von Kindern und Jugendlichen unter der Krisenbelastung so sehr leidet, dass es negative Folgen oder langfristige Auswirkungen auf die Entwicklung hat.“

Und was kann dauerhafte Probleme auslösen?

„Das hängt sehr davon ab, ob es ein Kind ist, das sowieso schon zu Angst oder Zwangshandlungen neigt, und ob es Eltern hat, die selbst sehr ängstlich sind“, ergänzt Freitag. Ängstlich veranlagte Menschen könnten mit unkontrollierbaren Situationen schlechter umgehen.

Das zeichnet sich auch in der Schön-Klinik bei Christopher Moderhak ab: Aktuell sind dort 80 Jugendliche zwischen 12 und 18 Jahren aus ganz Deutschland untergebracht. Die meisten werden dort sechs bis zwölf Wochen behandelt. Ein Anstieg an Anfragen beobachtet der Psychologe nicht, die Nachfrage sei immer höher als das Angebot. Was er aber feststellt ist, dass bei Jugendlichen, die psychisch angeschlagen sind, Krankheiten häufig erneut ausbrechen. „Wir hatten zuletzt viele Patienten, die eigentlich stabil waren“, sagt der Psychologe. Mit den Einschränkungen sei es häufig wieder zu einer Verschlimmerung der Symptome gekommen, so dass eine stationäre Behandlung nötig war. „Dass nicht absehbar ist, wann die Pandemie und die Einschränkungen zu Ende sind, löst bei vielen Unsicherheit aus.“

Christine Freitag geht dennoch davon aus, dass die meisten Kinder und Jugendlichen mit der aktuellen Situation zurechtkommen und bezieht sich auf Erkenntnisse aus anderen Krisen. „Der Mensch ist dazu veranlagt, mit Schwierigkeiten umzugehen.“

Und auch wenn die gestiegene Mediennutzung Gefahren berge, könne vieles durch die digitale Vernetzung aufgefangen werden. Sowohl der Austausch und Vergleiche und sogar Wettkampfsituationen und Erfolgserlebnisse könnten in den sozialen Netzwerken, beim Homeschooling und von Computerspielen abgefedert werden. Sie könne sich auch vorstellen, dass der aktuelle Bewegungsmangel einen Zulauf zu Sportvereinen auslöst, weil der Wunsch sich auszutoben, sich zu messen und herauszufordern, so angewachsen sei. „Man kann es auch so sehen: Kinder und Jugendliche können gerade etwas lernen, was sie sonst nie lernen können und auch stärker und gefestigter aus der Krise herausgehen.“

„Reflektierte Kinder lernen aus der Krise“, ist die These der Psychologin. Sie räumt aber auch ein: „Es ist sehr von den Ressourcen in den Familien abhängig.“

Und diese Ressourcen sind wegen Homeoffice, Homeschooling und finanzieller Belastung endlich. Die Helferinnen und Helfer in der Arche versuchen deshalb neben der Notfallbetreuung auch Ausgleichsangebote in Videos und Chat anzubieten – Sport und Tanzen, Vorlesen, Gespräche. Sozialpädagoge Schröder merkt jedoch: „Die Jugendlichen sind schneller gereizt, unkonzentrierter und freudloser.“ Ihnen fehle das sportliche Auspowern, Struktur und Regulierung und die Treffen mit Freunden, sagt er. Und dann: „Neulich meinte ein Junge: Wenn ich nicht einmal am Tag in die Arche komme, dann vergehe ich vor Einsamkeit.“

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