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Bis in die 90er Jahre wurden an der Odenwaldschule mehr als 130 Kinder und Jugendliche Opfer sexueller Gewalt.

Odenwaldschule Missbrauch

"Endlich wird mit uns gesprochen"

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Beim Opferverein Glasbrechen melden sich immer noch ehemalige Schüler der Odenwaldschule, die Opfer sexuellen Missbrauchs wurden. Der Vereinsvorsitzende Adrian Koerfer hält es nach dem Wechsel in der Schulleitung für denkbar, dass Schule und Opfer gemeinsam Vergangenes aufarbeiten.

Herr Koerfer, Sie haben noch vor zwei Jahren eine geordnete Insolvenz für die Odenwaldschule gefordert. Wie sehen Sie heute die Entwicklung?

Aus Opfersicht gab es unter dem kontaminierenden Regiment von Katrin Höhmann nicht den zartesten Hauch eines Neuanfangs, auch die von ihr so gerne gewollte „Stunde Null“ hat niemals stattgefunden. Die von Höhmann fatalerweise immer wieder gemachte Unterscheidung zwischen damaliger Odenwaldschule und heutiger Odenwaldschule ist frech und grundlos gemacht worden.

Die Verantwortlichen haben ja inzwischen gewechselt. Was erwarten Sie sich von diesem Schritt?

Der Verein Glasbrechen hat in Gesprächen mit der neuen Schulleitung und dem relativ neuen Vorstand des Trägervereins um die Tilgung begrifflicher Schönfärberei gebeten. Immer noch unterrichten belastete Lehrer an der Schule! Aus einer verfaulten Wurzel wird nie und nimmer wieder eine schöne Pflanze. Da hätte dann vorher schon ganze Arbeit geleistet werden müssen. Frau Höhmann als Apologetin von Hentig und Becker (Hartmut von Hentig, Reformpädagoge und enger Freund von Schulleiter Gerold Becker, Anm. der Redaktion) war dazu leider vollkommen ungeeignet.

Es gab Diskussionen über Opferzahlen und den geeigneten Weg der Entschädigung über die von der Schule gegründete Stiftung. Sind die Differenzen jetzt ausgeräumt?

Glasbrechen hat in langwierigen, schwierigen Verhandlungen mit juristischer und politischer Hilfe eine Einsicht in die Notwendigkeit von Anerkenungszahlungen erreichen können. Inzwischen, nach dreieinhalb Jahren zäher Arbeit und mit Hilfe der beiden ‚Aufklärerinnen der ersten Stunde‘, Oberlandesgerichtspräsidentin Brigitte Tilmann und Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller, ist eine Atmosphäre des Vertrauens entstanden, die hilfreich für weitere Verhandlungen sein kann.

Welche vordringlichen Punkte sind noch offen?

Die nachhaltige Unterstützung unseres Vereins, so dass wir einigen der uns bekannten Opfern dauerhaft über Jahre hinweg helfen könnten. Das wäre wichtig.

Wie viele Opfer wurden bereits entschädigt?

Nach meiner Kenntnis erhielten bis heute alle von uns benannten Opfer Anerkennungszahlungen in unterschiedlicher Höhe von der Stiftung. Zwei Anträge sind aktuell im Verfahren drin. Allerdings sind seit 2010 auch schon wieder Opfer in ihren relativ jungen Jahren verstorben.

Ist mit 132 Fällen, die dokumentiert sind, das Ausmaß des Missbrauchs erfasst, oder wenden sich weitere Opfer an Ihren Verein?

Bei uns melden sich seit 2010 in jedem Vierteljahr ein bis zwei weitere Opfer. Aus den unterschiedlichen Gründen fordern nicht alle Zahlungen seitens der Schule ein. Das gilt ebenso für einige der schon früher bekannten Überlebenden des massenhaften pädosexuellen Missbrauchs an der Odenwaldschule. Wir gehen nach wie vor von einer Gesamtopferzahl um die 500 aus. Das älteste uns jetzt bekannte Opfer ist über 88 Jahre alt.

Das neue Leitungsteam sucht das Gespräch mit dem Verein „Glasbrechen“. Was muss die Schule für eine Versöhnung mit den Opfern noch tun?

Die Odenwaldschule hat mit der Ernennung des neuen Schulleiters, Herrn Däschler-Seiler und der neuen Heimleiterin, Frau Volkmar, die Chance erhalten, endlich zu begreifen, dass sie mit ihrer belasteten päderastischen Vergangenheit leben muss. Dieses Leitungsteam gibt uns begründeten Anlass zur Hoffnung. Es wird endlich mit uns gesprochen, und – es wird uns endlich sorgfältig zugehört. Eine Zusammenarbeit mit der Schule in Sachen Vergangenheitsbewältigung und Prävention erscheint uns heute erstmals denkbar. Wir sehen Licht am Horizont.

Welche Zukunft wünschen Sie sich für die Odenwaldschule?

Werde, die du bist – in dem du lernst. Lernst aus der Vergangenheit. Für deine Zukunft.

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