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Aktivisten von „Ende Gelände“ blockieren im Oktober die Hambachbahn in Ellen (NRW).

Bündnis „Ende Gelände“

„Klimaschutz selbst in die Hand nehmen“

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Eine Aktivistin des Bündnisses „Ende Gelände“ über das Versagen des politischen Systems und Massenblockaden.

Das Klimaschutzbündnis „Ende Gelände“ startet heute seine Aktionswoche, die sich um die Ergebnisse der Kohlekommission dreht. Dort hätten die Energiekonzerne ihre Interessen durchsetzen können, die der Einhaltung des Pariser Klimaabkommens zuwider laufen, so das Bündnis. Unter dem Motto „Kohle stoppen. Klima schützen. Klimagerechtigkeit ist nicht verhandelbar“ werden die Protestierenden im gesamten Bundesgebiet ihren Widerstand auf die Straße tragen. Die Aktivistin, mit der die Frankfurter Rundschau gesprochen hat, möchte anonym bleiben.


Wie kam es zur Gründung von „Ende Gelände“?

Das Bündnis hat sich 2014 bei einer internationalen Aktionskonferenz in Deutschland gegründet. Es wurde die Frage diskutiert, wie mit Paris, also den dort stattfindenden UN-Klimaverhandlungen 2015, umzugehen wäre. Eine Gruppe arbeitete das aus, während andere – das spätere „Ende Gelände“ – eine Massenaktion in einem der Kohlereviere in Deutschland planten.

Gab es hierzu Vorbilder?
Die Gruppe knüpfte an die Erfahrungen der „Block G8 Aktionen“ 2007 in Heiligendamm an, die ja sehr erfolgreich waren. Wir sprechen hier von einer Massenblockade, die die Aufmerksamkeit weg von den UN-Klimaverhandlungen hin zu einem lokalen, dennoch radikalen Ereignis lenken sollte.

Wieso auf der lokalen Ebene und nicht auf einer internationalen Plattform?
Im Gegensatz zur Anti-Globalisierungsbewegung, die beispielsweise gegen WTO-Treffen protestierte, eignen sich die UN-Klimaverhandlungen weniger als symbolisches Ziel, da ihre Funktion ambivalent ist: Einerseits ist mittlerweile klar geworden, dass diese Verhandlungen wenig zielführend sind, was den Kampf gegen den Klimawandel betrifft. Andererseits sind sie auf UN-Ebene die einzige Form, in der Regierungen des globalen Südens gehört werden. Viele von uns sind nicht per se gegen globale Klimaabkommen. Trotzdem glauben wir, den Kohleausstieg von unten einleiten zu müssen, indem wir den Tagebau blockieren.

Ist der bevorstehende Klimawandel die einzige Intention?
Nein, „Ende Gelände“ war von Anfang an auch ein antikapitalistisches Bündnis. Der Klimawandel lässt sich nur überwinden, wenn wir die soziale Frage stellen und den Kapitalismus angreifen. Unsere Forderungen nach einem sofortigen Kohleausstieg und Klimagerechtigkeit setzen genau hier an. Wir können von den Regierungen nicht erwarten, eine angemessene Antwort auf die dringliche Frage des 21. Jahrhunderts zu bekommen, nämlich wie wir Klimagerechtigkeit schaffen. Das Versagen des politischen Systems an dieser Stelle ist offensichtlich.

Aber ist nicht genau das die Aufgabe der Politik?
Natürlich geht es uns darum, Handlungsdruck auf staatliche Institutionen aufzubauen: Bei einem so gravierenden Problem wie dem Klimawandel, der den Umbau ganzer Industriezweige und gesellschaftlicher Infrastruktur erfordert, werden wir ohne entsprechende „policies“ kaum etwas erreichen. Aber wir sagen auch, dass Menschen selbst politisch aktiv werden müssen. Es braucht die Ideen der vielen, um eine sozial-ökologische Transformation zu erreichen.

Was ist neu an „Ende Gelände“?
Vieles ist nicht neu: Wir kommen aus bereits bestehenden sozialen Bewegungen und können an Wissen und Erfahrung anknüpfen. Blockaden, die Fingertaktik der Aktionen, als auch die Forderung, fossile Energieträger im Boden zu lassen, sind bekannt. Das massenhafte Blockieren von Tagebauen und Kohleinfrastruktur mag vielleicht neu sein, aber die Tradition des zivilen Ungehorsams reicht weit zurück. Der Klimawandel ist ein sehr abstraktes Problem, die Aktionsformen hingegen sind sehr konkret. „Ende Gelände“ vermittelt quasi den Eindruck, eine Sofortmaßnahme für Klimagerechtigkeit einzuleiten. Genau das ist es, was es aktuell braucht.

Können Sie das näher erläutern?
Wir gehen mit unseren Aktionen zivilen Ungehorsams einen Schritt weiter als die üblichen Demonstrationen oder Petitionen. Der Klimawandel schreitet voran und das heißt, dass wir schnell handeln müssen. Um zu zeigen, wie dringlich das Problem ist, sind wir bereit, Gesetze zu brechen, den Klimaschutz mit den direkten Blockaden selbst in die Hand zu nehmen.

Sie sagten, Sie würden auch Gesetze brechen …
Wenn es bedeutet, sich für globale soziale Gerechtigkeit und einen Ausstieg aus der Kohle auf Schienen zu setzen und damit den Betriebsablauf eines Konzerns zu stören, dann ja, dann brechen wir auch Gesetze. Für uns ist das eine politische Entscheidung: Wir machen mit allen Menschen eine Kampagne gegen den Klimawandel. Unser Protest richtet sich alleine gegen die fossilen Dinosaurier. In unserem Aktionskonsens steht eindeutig, was wir tun und was nicht, Polizeiketten durchfließen und Hindernisse überwinden gehört dazu. Aktionsformen, mit denen wir Menschen schaden, passen dazu nicht.

Wie geht die Polizei mit Ihnen um?
Das ist schwer zu sagen, denn bei den vollbehelmten Beamten sehen wir ja meistens nicht, was sie denken. Sie sind aber auch nicht Adressatinnen und Adressaten unserer Aktionen. Uns geht es darum, in der Gesellschaft ein Handlungsfenster zu öffnen. 74 Prozent der Bevölkerung und die Wählerinnen und Wähler aller Parteien sind für mehr Klimaschutz, politisch wird dieser aber nicht umgesetzt. Viele Menschen fühlen sich ohnmächtig und wissen nicht, wie sie selbst aktiv werden können. „Ende Gelände“ macht ein Angebot, zu handeln.

Interview: Katja Thorwarth

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