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Vom Regen in die Traufe: Der Jemen wird nach der Feuerpause von Hochwasser heimgesucht.

Jemen

Ende der Atempause im Jemen

Saudi-Arabiens kurze Waffenruhe beim Nachbarn ist vorbei und ein Frieden kaum in Sicht.

Die Ankündigung aus Riad war an Zynismus schwer zu überbieten: Das von Saudi-Arabien angeführte Militärbündnis, das seit fünf Jahren Gebiete im bettelarmen Jemen bombardiert, wolle das „Leid des jemenitischen Brudervolks mildern“. Zwei Wochen lang wollte das saudische Bündnis, das im Nachbarland gegen Huthi-Rebellen kämpft, die Waffen schweigen lassen. Manche Beobachter fragten sich, ob es damit tatsächlich einen Ausweg geben könnte aus dem erbitterten Konflikt.

Die einseitige Waffenruhe endete an diesem Donnerstag. Und die erste Bilanz war vernichtend: Die Kinderrechtsorganisation Save the Children zählte die Verluste seit dem 9. April auf. Mindestens 38 Zivilisten wurden getötet oder verletzt. Unter den Toten sind fünf Kinder, unter den Verletzten oder Versehrten mindestens sechs.

So ist es auch wenig verwunderlich, wenn Beobachter eher mit Vorsicht über mögliche Konsequenzen aus der Waffenruhe nachdenken. Das Agieren der saudischen Seite sei nur „mit einem Körnchen Salz“ zu genießen, meint der Experte Farea Al-Muslimi, Vorsitzender des Sanaa Center. Man müsse die Nachricht entweder gleich verwerfen, oder bestenfalls „beten“, dass sie längerfristig doch zu etwas führen könnte, etwa zu einem dauerhaften Waffenstillstand. Oder gar zum Frieden? Das Wort klingt im Zusammenhang mit dem Jemen heute fast fremd. 122 000 Menschen kamen dort durch Kämpfe bislang ums Leben, Zehntausende wurden vertrieben.

Viele zweifeln an den erklärten Motiven der Saudis, mittels einer humanitären Geste den Weg zu politischen Gesprächen ebnen zu wollen. Stattdessen wollte das Königreich sich womöglich Zeit verschaffen, um eigene Probleme anzugehen: Saudi-Arabien ist vom Coronavirus in der Golfregion am stärksten betroffen. Selbst die große Pilgerfahrt Hadsch könnte dieses Jahr wegen der Pandemie ausfallen.

Die vom saudischen Intimfeind Iran unterstützten Huthi sind so stark wie seit Jahren nicht. 2014 hatten sie die Regierung aus der Hauptstadt Sanaa vertreiben können, seitdem kontrollieren sie große Teile des Nordens und machen sich daran, den Loyalisten deren letzte große Bastion im Land abzuringen; auch in der Hafenstadt Hudaida wird wieder gekämpft. Die Erfolge der Huthi geben ihnen wenig Anlass, ausgerechnet jetzt die Waffen niederzulegen.

Aber auch die Rebellen hatten eine Art Wunschliste vorgelegt, unter welchen Bedingungen der Krieg ihrer Einschätzung nach zu Ende kommen könnte: Luft- und Seeblockade durch Saudi-Arabien hätten aufzuhören und Reparationen müssten vereinbart werden. Aber: „Die Fakten vor Ort haben nichts mit diesen politischen Erklärungen zu tun“, meint Ahmed Nagi vom Carnegie Middle East Center in Beirut. Durch Stellungnahmen wollten die Kriegsparteien nur ihr „Image aufpolieren“ und die Schuld am Konflikt abwälzen.

Aber die Saudis scheinen ehrlich bemüht, einen Ausweg aus dem Krieg zu finden – da sie ihn einfach nicht gewinnen können. Ihr regionales Bündnis hat die Huthi weder besiegen noch überhaupt in Schach halten können. Hoffnungen, den exilierten Präsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi wieder einzusetzen, sind verpufft. Dem Projekt zur Analyse von Daten aus Konfliktgebieten Aacled zufolge hat das Bündnis die Zahl seiner Luftangriffe bereits stark reduziert.

Und der Krieg kostet Geld. Zugleich macht der Ölpreisverfall der saudischen Wirtschaft zu schaffen: Für einen ausgeglichenen Haushalt benötigen die Saudis eigentlich einen Preis von etwa 85 US-Dollar pro Barrel – am Mittwoch stand er bei etwa einem Viertel dieses Werts. Wird der Hadsch abgesagt, brechen weitere wichtige Einnahmen weg. Der geplante Wirtschaftsumbau „Vision 2030“ sei in dem Wüstenstaat nur noch eine „Fata Morgana“, sagt Analyst Bruce Riedel vom Brookings Institute.

Gibt Saudi-Arabien den Krieg verloren, dehnt sich die Einflusssphäre des Iran bis an dessen Landgrenze aus. Schon jetzt greifen die Huthi mit Drohnen und Raketen immer wieder Ziele jenseits der jemenitischen Grenze an. Einen Krieg ohne absehbares Ende könnten die Saudis auch nicht mehr führen, vermutet Riedel. „Sie haben keine realistische Alternative, als den Huthi die meisten Teile des Jemen zu überlassen mit dem Gespenst eines iranischen Stellvertreters an ihrer südlichen Grenze.“ Auch die Analysten des Soufan Center vermuten, dass der Krieg die Saudis „überfordern“ könnte. Jetzt sei die Zeit, die eigenen Verluste zu begrenzen und einen – wenn auch schlechten – Deal auszuhandeln.

Martin Griffiths gibt die Hoffnung darauf nicht auf. Seit zwei Jahren müht sich der UN-Sondervermittler ab. Er stehe in „ständigen Verhandlungen“ mit den Konfliktparteien, sagte er dem UN-Sicherheitsrat vergangene Woche. „Wir bewegen uns, hoffe ich, glaube ich, auf einen Konsens zu“, sagt Griffiths. (Johannes Schmitt-Tegge, dpa)

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