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60 JAHRE DANACH

Das Ende

Änne Ortmann, Jahrgang 1922, lebte im hessischen Wächtersbach in einer Familie, die vor Kriegsende Verfolgte versteckte. Mit dem Einmarsch der US-Armee in ihr Dorf endete eine Zeit der "Demütigungen", die vor allem auch ihr Vater hatte erleben müssen.

Teils hoffnungsvoll, weil damit der Krieg beendet wäre, teils auch mit Angst verknüpft, weil man ja nicht wusste, wie dieses Ende aussehen würde, erwarteten wir im letzten Drittel des Monats März 1945 den Einzug der Amerikaner. Schon seit Tagen hörte man das dumpfe Rollen ihrer Kettenfahrzeuge auf fernen Straßen, über die sie unweigerlich auch eines Tages zu uns gelangen würden.

Wir, das waren in jenen Tagen in unserem Haus außer mir: meine Eltern, Großmutter, Vaters Schwester, Mutters Schwester aus Frankfurt mit ihrer siebenjährigen Tochter, eine Tante aus Düsseldorf mit ihrem elfjährigen Sohn und außerdem Hella, die 16-jährige Tochter eines Juden und einer Christin. Sie war auf abenteuerliche Weise von ihrer Zwangsarbeitsstelle bei Darmstadt geflohen, um hier bei ihrer Mutter - einer Arbeitskollegin von mir - das Ende des Krieges zu überstehen.

Weil sie bei ihrer Mutter vor einer möglichen Entdeckung nicht sicher war, nahm ich sie mit zu uns. Und dann saß in unserem Strohschuppen noch der Russe Ivan. Er war aus seinem Gefangenenlager im Wald "An der Gartenruhe" geflüchtet. Ivan war in den zurückliegenden Jahren begleitet von einem Wachmann öfter in unser Dorf gekommen, um Spielsachen und Körbe, die wohl mit Einverständnis der Wachmannschaft von seinen Mitgefangenen aus Holzabfällen hergestellt wurden, gegen Lebensmittel einzutauschen. Auch wir waren Kunden gewesen.

Am Gründonnerstag, dem 29. März 1945, nachmittags, war es dann so weit. Die ersten Panzer der US-Armee rollten ins Dorf. Kurz zuvor hatte ich noch einige deutsche Soldaten in verschiedene Richtungen in die Dorfmitte laufen sehen. Woher sie kamen, konnte ich mir nicht erklären, denn ich hatte in den Tagen zuvor nur abgerissene und bunt zusammengewürfelte Haufen von älteren Volkssturmmännern und jungen Bürschchen gesehen, die mit ihrer schwersten Waffe, einer einzigen geschulterten Panzerfaust, an unserem Haus vorüberzogen.

Die Tante aus Frankfurt hatte noch geistesgegenwärtig ein weißes Laken aus dem Flurfenster gehängt. Sicherheitshalber liefen wir in den Keller und nun sahen wir durch dessen Fenster den ersten amerikanischen Panzer vor dem Hof des Nachbarn stehen, das Geschützrohr drohend ausgefahren. Aber es geschah nichts. Wir verließen unseren Keller und erst am späten Nachmittag erschien ein kleiner Trupp bewaffneter GIs, die vom Keller bis unters Dach alle Räume nach etwa versteckten deutschen Soldaten durchsuchten. Meine kleine Cousine aus Frankfurt erhielt bei dieser Gelegenheit ihren ersten Schokoriegel.

Wir gingen am Abend mit der Überzeugung zu Bett, dass der Krieg und die unselige Naziherrschaft für uns vorüber sei. Wir, insbesondere mein Vater, hatten in den zwölf Jahren manche Demütigung erfahren müssen. Auch Ivan hatte sich rechtzeitig ohne unser Zutun bei seinen "Verbündeten" gemeldet.

Nur unser Nachbar, der alte Johannes Dietz, als der am Abend seine Bettstatt aufsuchen wollte, da fand er darunter einen toten deutschen Soldaten. Wahrscheinlich war er einer von denen, die ich noch kurz vor dem Eintreffen der Amerikaner in die Dorfmitte hatte laufen sehen, und auf seiner Flucht erschossen worden. Er wurde auf dem Dorffriedhof beerdigt.

Änne Ortmann,Wächtersbach-Wittgenborn

Serie: Das Tagebuch, FR-Leserinnen und Leser berichten 60 Jahre danach

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