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Exklusiv-Interview

Regenbogen bei der EM 2021: „Ein guter Kumpel von Orban“ bei der UEFA

  • Katja Thorwarth
    VonKatja Thorwarth
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Alfonso Pantisano vom Lesben- und Schwulenverband spricht im Exklusiv-Interview über mögliche Hintergründe der UEFA-Entscheidung gegen eine Allianz Arena in Regenbogen-Farben.

Herr Pantisano, die Allianz-Arena sollte in Regenbogenfarben beleuchtet werden - als Zeichen gegen die homophobe Politik in Ungarn von Victor Orban. Die UEFA hat das untersagt. Warum?

Die Gründe, die hier genannt wurden, sind angesichts der Macht, die der Sport und vor allem der Fußball hat, völlig absurd und bigott. Die UEFA kann nicht immer von Antidiskriminierung und Antirassismus reden, aber dann im entscheidenden Moment zur Marionette von Geldgebern und Despoten werden. Die Entscheidung der UEFA kritisiere ich daher scharf, denn leider zeigen sich ihre Beteuerungen, für Respekt und Vielfalt einzutreten, als inhaltsleere Phrasen. Wenn es drauf ankommt, stellt sich die UEFA lieber auf die Seite von antidemokratischen und autoritären Politikern wie Orban.

Wie hat die EU bislang auf die anti-queere Politik und die aktuelle Gesetzesänderung in Ungarn reagiert?

Das Europäische Parlament hat sofort reagiert und entsprechende Reaktionen unmittelbar angekündigt. Das Problem an der EU ist aber nicht das Parlament, sondern die Kommission, allen voran ihre Präsidentin Ursula von der Leyen. Sie steht in einer gefährlichen Abhängigkeit zu Viktor Orbán und seinen Leuten. Immerhin wurde sie auch durch Orbáns Stimmen ins Amt gehoben. Es gab für von der Leyen genug Gründe in der Vergangenheit, um die homophobe Politik der ungarischen Regierung zu ahnden. Die Kommissionspräsidentin hat es bevorzugt, erstmal lange zu schweigen, bis sie sich dann endlich mit deutlich klingenden Statements zu Wort gemeldet hat.

EM 2021: „Verlogenes Handeln“ der UEFA in der Regenbogen-Debatte

Zur Person

Alfonso Pantisano ist Moderator internationaler Events. Er arbeitet zudem als Kommunikations-Manager und Coach. Politisch ist er vielgfältig engagiert, er arbeitete für das Integrationsprojekt DeutschPlus, war Mitgründer von Deutschlands größter LGBTTIQ-Initiative „Enough is Enough“. Heute ist er Landesvorsitzender der SPDqueer Berlin und Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD). 

Von der Leyen hat sich doch hier klar gegen Orban positioniert.

Erst nach über einer Woche des Schweigens hat sie gute und wichtige Dinge gesagt. Doch Frau von der Leyen spricht viel, wenn ihr Tag lang ist. Wir brauchen jetzt ihr entschlossenes Handeln. Sie muss endlich ihren Job machen und als Hüterin der Verträge Viktor Orbán und seine Regierung zur Rechenschaft ziehen. Die Kommission ist jetzt gezwungen zu handeln, sonst wird das Europäische Parlament ihr Ultimatum wahr machen und wegen Untätigkeit Frau von der Leyen und ihre Kommission vor den Europäischen Gerichtshof ziehen. 

Am Tag des Spiels hat die UEFA ihr Logo in den sozialen Netzwerken selbst in die Regenbogen getaucht. Dann hätten sie die Beleuchtung auch zulassen können ...

Die UEFA hat sich auf lange Zeit verunmöglicht. Durch ihr verlogenes Handeln und der Absage des beleuchteten Stadions hat sie sich in die gleiche Dunkelheit gehüllt, die Orban, Putin und Erdogan umgibt. Dass unser Regenbogen auf diese Art und Weise missbraucht wird, ärgert mich, und das sich Schmücken mit den Farben meiner Community steht ihr sowohl heute als auch in Zukunft nicht mehr zu. Und ganz ehrlich: Sollte es die UEFA je gewesen sein, dann ist sie ab jetzt nicht mehr die Freundin unserer queeren Community, sondern nur noch unsere Gegnerin.

EM 2021: Reicher Unternehmer aus Ungarn übt Einfluss auf UEFA aus

Vermuten Sie eine explizite Einflussnahme von Seiten Ungarns?

Ich bin zwar nicht das Orakel dieser EM-Tragödie, aber eine Sache ist klar: Sándor Csányi ist nicht nur Präsident des ungarischen Fußballverbandes und ein reicher und mächtiger Unternehmer in Ungarn. Er ist vor allem auch ein guter Kumpel von Viktor Orbán. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn er nicht auch gleichzeitig Vizepräsident der UEFA wäre. Er dürfte an dieser Fehlentscheidung mitgearbeitet und diese auch beeinflusst haben. Es ist zum Verzweifeln: Diese korrupte Bande tritt die Werte, für die die UEFA einstehen sollte, mit Füßen und schlußendlich macht sie unseren Fußball damit komplett kaputt. 

Alfonso Pantisano, Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD).

Am Tag des Spiels Deutschland - Ungarn waren sämtliche Logos von Zeitungen, TV-Sendern etc. in den Regenbogenfarben. Ein echtes solidarisches Zeichen?

Solidarität ist immer ein großes Zeichen, das unsere Dankbarkeit verdient. Aber Solidarität darf nie zu einer scheinheiligen Sackgasse werden. Wie echt diese Bekundungen tatsächlich sind, wird also die Zeit zeigen. Werden all diese Firmen und Redaktionen, aber auch all die individuellen Menschen, die jetzt den Regenbogen mit großer Überzeugung vor sich her tragen, sich darüber bewusst werden, dass sie mit dieser Solidarität Berge versetzen können, dann kann es gelingen, echte Veränderungen und endlich eine wirklich gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen. Nicht nur in Ungarn, sondern auch bei uns in Deutschland. 

So hätte die Allianz Arena ausgesehen, hätte die UEFA nicht ihr Verbot ausgesprochen.

Selbst Markus Söder hat die Staatskanzlei in München anstrahlen lassen.

Wir dürfen nicht den Fehler machen, in diese populistische Falle zu tappen. Ja, Söder hat die Staatskanzlei mit dem Regenbogen angestrahlt und er hat sich auch mit Regenbogenmaske im Stadion ablichten lassen. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Armin Laschet und Söder mit ihrer Union in Deutschland alles verhindert haben, was in den letzten Jahren mit queeren Themen zu tun hatte. Bayern ist das einzige Bundesland, welches keinen Aktionsplan gegen Homophobie hat. Und im neuen Wahlprogramm der CDU und CSU steht auf 139 Seiten nicht ein einziges Wort zu Schwulen und Lesben, und auch nicht zu Bisexuellen oder trans- und intergeschlechtlichen Menschen. Diese Bigotterie ist reinstes Pink-Washing und sie widert mich an.

EM 2021: Die Lehren aus dem Streit um die Regenbogenfahne

Was folgt nach der Solidarität? Können sich Fußballspieler:innen nun einfacher outen? Hat sich die Gesellschaft weiterentwickelt?

Wir entwickeln uns als Gesellschaft jeden Tag weiter. Die Macht dieser Despoten wie Putin, Erdogan und Orban wird und muss jeden Tag ein Stückchen mehr abnehmen, denn die jungen Generationen streben immer mehr nach Freiheit, Demokratie und nach einer wirklich offenen, vielfältigen Gesellschaft. Wir stehen kurz davor, dass sich die ersten aktiven Fußballer als schwul outen werden können. Davon bin ich überzeugt. An dieser Entwicklung hat unsere heutige Fußballnationalmannschaft einen erheblichen Teil beigetragen. Manuel Neuer und auch Leon Goretzka sind große Verbündete der queeren Community, und wir sind ihnen für diese Solidarität und ihren Einsatz für den Regenbogen sehr dankbar. (Interview: Katja Thorwarth)

Rubriklistenbild: © Tobias Hase /dpa

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