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„Problemfans“

Hooligans aus Ungarn: Das ist die ultrarechte „Carpathian Brigade“

  • Tobias Utz
    VonTobias Utz
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Bei der EM 2021 hat Deutschland gegen Ungarn gespielt. Ein Spiel, das unter politischer Beobachtung stand. Das hat Gründe, die mit ultrarechten Hooligans zu tun haben.

München – Das letzte Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft fand am späten Mittwochabend unter speziellen Bedingungen statt. Abgesehen vom möglichen Achtelfinaleinzug der DFB-Elf richtete sich die Aufmerksamkeit weniger auf das Sportliche als auf das Politische.

Die ungarische Nationalmannschaft gastierte in der Münchner Allianz Arena – und mit ihr ihre Fans. Ein kleiner, jedoch lauter Teil der ungarischen Anhängerschaft sorgte kürzlich für mehrere Eklats bei der EM 2021. Die Rede ist von einer Gruppierung, welche den Namen „Carpathian Brigade“ trägt. Dabei handelt es sich um Hooligans, die zweifelsfrei gewaltbereit, exzentrisch und martialisch im auftreten. Als schwarzer Block getarnt, besetzten sie die vordersten Reihen der ungarischen Kurve bei den ersten beiden Gruppenspielen gegen Weltmeister Frankreich und Europameister Portugal.

EM 2021: Deutschland empfängt Ungarn – an politischer Symbolkraft schwer zu überbieten

Doch diese Aspekte unterscheidet die „Carpathian Brigade“ kaum von anderen Hooligan-Gruppen in Europa. Allerdings fielen zahlreiche Mitglieder der Gruppierung in beiden Partien durch rassistische Sprechchöre, lautstarke Affenlaute oder Hitlergrüße auf. Im ersten Spiel Ungarns gegen Portugal erkor die „Brigade“ Cristiano Ronaldo zum Feindbild aus. Der portugiesische Kapitän sah sich übereinstimmenden internationalen Medienberichten zufolge teils üblen Anfeindungen ausgesetzt. Diese gipfelten schließlich im zweiten Gruppenspiel der Ungarn gegen Frankreich. Insbesondere Kylian Mbappé, N‘Golo Kanté, Paul Pogba und Karim Benzema wurden mehrfach rassistisch auf übelste beleidigt. Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichteten nach Spielende, dass lautstarke Affenrufe in Richtung Mbappés zu vernehmen waren. Ein Fotograf aus dem Innenraum des Budapester Stadions erklärte der französischen Zeitung L‘Équipe, dass die Affenlaute aus dem unmittelbar vordersten Bereich der ungarischen Kurve kamen, wo sich die „Carpathian Brigade“ positioniert hatte. Die UEFA kündigte im Nachgang Ermittlungen wegen „möglicher diskriminierender Vorfälle“ an.

Mitglieder der „Carpathian Brigade“ kommen zum EM-Spiel Ungarns gegen Deutschland in München an.

Doch was verbirgt sich hinter dieser Gruppe? „Das ist eine paramilitärische Gruppe, die aus Neonazis besteht. Sie ist die gewalttätigste und auch einflussreichste Gruppe in der Kurve“, sagt Bálint Josá dem Magazin Vice. Er gründete eine ungarische NGO, welche eng mit dem Netzwerk „Football Against Racism in Europe“ zusammenarbeitet. Laut Josás Aussagen besteht die „Brigade“ aus Mitgliedern verfeindeter Ultra- und Hooligangruppen innerhalb Ungarns. In der Nationalmannschaft fänden sie eine gemeinsame Identifikation – sportlich und politisch, so Josá. Im Vorfeld der Europameisterschaft wurde in entsprechenden Fanforen massenhaft ein Aufruf geteilt, die ungarische Nationalelf schwarz gekleidet im In- und Ausland zu unterstützen. Für die Dauer des Turniers scheint eine Art Waffenstillstand in der Szene auf Vereinsebene vereinbart worden zu sein.

Die Gruppierung steht politisch für die Rückkehr zu den Territorien des großungarischen Reiches, wie es in den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts existierte. Ihnen schwebt ein Ungarn weit über die heutigen Landesgrenzen hinweg vor. Teile von Nachbarstaaten wie die Slowakei werden davon beansprucht. Die Aussagen führender Köpfe sind streng nationalistisch geprägt. In Ungarn tritt die Gruppierung mehrheitlich außerhalb der Stadien auf. Seit dem Jahr 2012 verfolgt der ungarische Verband eine Null-Toleranz-Strategie gegenüber antisemitischem und rassistischem Gedankengut. Deshalb verlagert sich das Wirken der ungarischen Neonazi-Hooligans auf die Straßen.

In sozialen Medien, wie Facebook, schlägt die „Carpathian Brigade“ hingegen gemäßigtere Töne an. Im Vorfeld des Spiels zwischen Deutschland und Ungarn hieß es in einem Aufruf: Man warte darauf, „dass [...] die ungarische Nationalhymne in der bayerischen Landeshauptstadt gespielt wird“. Des Weiteren wurde gefordert, sich an Corona-Richtlinien zu halten. Zudem wurde angekündigt, dass sich die Gruppierung im Unterrang, unmittelbar hinter dem Tor der Nordkurve, positionieren werde.

Deutschland gegen Ungarn live im TV und Stream: Hier sehen Sie das Spiel

EM 2021: Polizei erwartet ungarische „Problemfans“ in München

Derweil ist unklar, wie viele Angehörige der Gruppe tatsächlich vor Ort waren. Die Polizei München rechnete mit rund 200 „Problemfans“. Das berichtet die Westdeutsche Allgemeine Zeitung. Wie die Behörden auf eine mögliche Gefahrenlage, ausgehend von den ungarischen Hooligans, reagieren wollten, ließen sie bis zum Abpfiff der Partie gegen Deutschland offen.

Die „Carpathian Brigade“ positioniert sich im Zentrum der ungarischen Kurve. (Archivfoto)

Zur Radikalisierung im Vorfeld der Partie trug unter anderem Ungarns Regierung bei. Im Zuge der Debatte um LGTBQA-Rechte sagte Außenminister Peter Szijjártó der Nachrichtenagentur MTI: „Es ist äußerst schädlich und gefährlich, Sport und Politik zu vermischen.“ Zuvor hatte die Stadt München bei der UEFA einen Antrag für eine regenbogenfarbige Beleuchtung der Allianz Arena am Mittwochabend gestellt. Dieser wurde am Dienstag abgelehnt, wogegen sich in Deutschland Protest formiert. Der Verband hatte unter anderem wegen des Tragens einer Regenbogen-Kapitänsbinde von Manuel Neuer im Gruppenspiel gegen Portugal ermittelt. Die Ermittlungen wurden mittlerweile eingestellt.

Das Gruppenspiel zwischen Deutschland und Ungarn endete schließlich 2:2. Leon Goretzka rettete die DFB-Elf ins Achtelfinale – und sendete ein Signal an die ungarischen Hooligans. (Tobias Utz)

Rubriklistenbild: © Gabor Sas/SPP/Imago Images

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