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Mit Aussitzen auf der „Péniche“ wurde es nichts für Stiftungsvorstand Olivier Duhamel.
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Mit Aussitzen auf der „Péniche“ wurde es nichts für Stiftungsvorstand Olivier Duhamel.

Paris

Elitäre Willkür an einer Eliteschule

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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Die berühmte „Sciences Po“ in Paris produziert Skandal um Skandal.

An Prestige fehlt es dem „Institut des études politiques“ nicht: Von den internationalen Schulen für Politikwissenschaften belegt die gängigerweise bespitznamte „Sciences Po“ im maßgeblichen QS-Ranking Rang zwei, direkt hinter Harvard und noch vor Oxford. Mit François Mitterrand, Jacques Chirac, Nicolas Sarkozy, François Hollande und jetzt Emmanuel Macron sind alle Staatspräsidenten Frankreichs seit 1981 seine Eleven.

Einen entsprechend vornehmen Campus würde man in Paris allerdings vergeblich suchen: Die 1872 gegründete und 1945 verstaatlichte Eliteschule ist auf unscheinbare Standorte im Intellektuellenviertel Saint-Germain-des-Prés verteilt. Die erste Lektion der Sciences Po lautet: Die wahre, die ungeteilte Macht übt sich in den Hinterzimmern der besseren Pariser Viertel aus.

Das Hauptgebäude, intern „le 27“ genannt, liegt in der kleinen Straße Saint-Guillaume, Hausnummer 27. In der Vorhalle eilt Jung und Alt achtlos an der „Péniche“ vorbei. Diese lange, doppelte Holzbank ist ein symbolträchtiges Herzstück der französischen Republik. Auch Olivier Duhamel, bis Januar Leiter des Stiftungsrates der Schule, ließ sich mal dort fotografieren und schnitt dafür ein abgrundtief furchteinflößendes Gesicht.

Der einflussreiche Verfassungsrechtler, Berater im Eylsée und in Ministerien und fast täglich durch die TV-Sender gereichter Meinungsmacher, ist heute ein Phantom. Denn zu Jahresbeginn bezichtigte ihn seine Stieftochter Camille Kouchner des Inzests an ihrem Bruder und anderer sexueller Übergriffe. Der Herrscher über das Machtzentrum Sciences Po war erledigt.

Im Februar musste auch sein Protégé Frédéric Mion vom Posten als Direktor der Schule zurücktreten. Der agile Charmeur kannte die Vorwürfe gegen Duhamel seit zwei Jahren, schwieg aber dazu. Und nach Veröffentlichung des Skandal-Buchs von Kouchner bestritt er es weiter.

Mions Verhalten zeugt von der Verlogenheit und Omertà, die sich in der Pariser Eliten in solchen Fällen stets schützend über ihre mächtigsten Exponenten legt. Mions Vorgänger Richard Descoing war 2012 in New York tot in seinem Hotelzimmer aufgefunden worden, nachdem er mit zwei Callboys zusammen gewesen war, wie eine „Le Monde“-Journalistin enthüllte. Das wurde noch souverän ignoriert. Über so „private“ Dinge spricht man in der Sciences Po nicht gerne. Presseanfragen bleiben unbeantwortet, damit das Lehrpersonal ungestörte dem Nachwuchs die Vorzüge politischer Transparenz näherbringen kann.

Vor allem die Studentinnen weichen in die sozialen Medien aus. Unter dem Hashtag #SciencesPorc stellen sie seit Tagen die „porcs“ (Schweine) an den Pranger, die sich an der Schule an jungen Frauen vergreifen. Den Online-Zeugnissen zufolge erfolgt das vorzugsweise bei feuchtfröhlichen „Einführungsabenden“ für die Neuen.

Die französische Justiz hat rasch geschaltet und seit Februar mehrere Ermittlungen wegen Vergewaltigung an den Sciences-Po-Ablegern auch in Bordeaux, Rennes und Straßburg gestartet. Doch obwohl die sexuellen Übergriffe von einem festsitzenden Machismo an der Polit-Uni zeugen, belässt es die Schule bei schönen Worten und der Einsetzung einer Arbeitsgruppe.

Die Interimsleitung hat den Kopf derzeit woanders: Nach den Rücktritten Duhamels, Mions und sechs anderer Veteranen sind die beiden zentralen Posten – Direktion und Stiftungsvorsitz – vakant. Das Gerangel bietet den zukünftigen Lenkerinnen und Lenkern der Nation Anschauungsunterricht für obskure Kabinettspolitik. Dass zwei Kandidaten – Nonna Mayer und Pascal Perrineau, beide ehedem Sciences Po – in der engeren Auswahl sein sollen, wurde erst nach ihrer Anhörung bekannt.

Das Auswahlverfahren für diesen Hort der französischen Demokratie ist in Wahrheit „monarchisch“, schreibt „Le Figaro“: Die letzte Entscheidung fällt im Elysée-Palast. Macron – der sein Diplom an Sciences Po mit einer Arbeit über Niccolò Machiavelli machte – hat wohl auch ein gewisses Eigeninteresse: „Er rekrutiert an der Schule seine Seilschaften“, mutmaßt der Politologe Dominique Reynié – natürlich auch ein Sciences-Po-Absolvent.

Kritik an diesem Verfahren „von oben“ hört man an der Rue Guillaume kaum: Als Wiege der französischen „pensée politique“, also des politischen Denkens Frankreichs, hat die Schule den vertikalen Aufbau des Staates eh verinnerlicht. Sie liefert Ideen und deren Exponenten. Die Kaderschmiede der Pariser Nomenklatura bietet nicht nur Vorbereitungskurse zum Concours für die Eliteverwaltungsschule ENA, sondern auch Disziplinen wie Management und Journalismus. Möglichst die ganze nationale Elite will man ansprechen, vereinnahmen – und unter sich lassen. 80 Prozent der Eingeschriebenen stammen aus jener Oberschicht, die sie auch später repräsentieren werden.

Daran ändert sich seit Jahren kaum etwas. Die Schule versucht zwar junge Menschen aus den Banlieues zu fördern, aber hat nur selten Erfolg damit. In Paris werden 90 Prozent der Bewerbungen abgewiesen, und so haben nur die eine Chance, die soziologisch die besten Startbedingungen mitbringen. Die Demokratie? Sie endet vor „le 27“.

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