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Elisabeth Borne: Im Männerpalast

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Elisabeth Borne
Elisabeth Borne © dpa

Elisabeth Borne ist Frankreichs erste Premierministerin seit 30 Jahren

Macht Elisabeth Borne Schluss mit einem der Grundmerkmale der französischen Politik – ihrer Machokultur? Mit der erfahrenen Ex-Ministerin hat Präsident Emmanuel Macron bewusst eine Frau zur Premierministerin ernannt. Diesen Posten oder auch das Amt des Staatspräsidenten haben in der Fünften Republik bisher nur Männer ausgeübt, wenn man von einer Ausnahme absieht. Die Sozialistin Edith Cresson führte von Mai 1991 bis April 1992 bereits einmal eine Regierung. Ihre nicht einmal ein Jahr dauernde Amtszeit im Hôtel Matignon, dem Pariser Regierungssitz, war ein Desaster. Nicht etwa wegen Cresson: Die gestandene Berufspolitikerin hatte korrekte Arbeit geleistet. Hingegen wurde sie von der Männerzunft in der Nationalversammlung und zum Teil auch in den Medien nie akzeptiert, sondern ausgegrenzt und ausgebuht.

Eine Frau im Regierungspalast Matignon – das wollte vielen Politikern nicht in den Kopf. An der Spitze ihrer Männerwelt war Cresson ein Fremdkörper. Monatelang wurde die Premierministerin als „Favoritin“ des Wahlmonarchen karikiert. Bis dieser das Handtuch warf und nach weniger als einem Jahr wieder einen Mann mit der Leitung der Regierungsgeschäfte betraute.

Der Fall Cresson ereignete sich nicht etwa in den Urzeiten des Patriarchats. Nein, es waren die neunziger Jahre. 1995 berief Premierminister Alain Juppé ein Dutzend Frauen in sein Kabinett. Sie erhielten alsbald den Spottnamen „Juppettes“, und das nicht nur, weil sie sich elegant kleideten. Und sie waren noch kein halbes Jahr im Amt, als der Premier diese Alibifrauen nicht mehr brauchte und sie kollektiv entließ.

Langsam wurde der Nation klar, dass auf den grassierenden Machismus in Pariser Machtzirkeln beherzte feministische Antworten erforderlich waren. Die 2000 eingeführte Geschlechterparität auf Wahllisten für die Nationalversammlung begann zu wirken – vor allem auch in den Köpfen. 2012 ernannte Präsident François Hollande 17 Frauen in seiner 34-köpfigen Regierung, und sie empfanden sich nicht wie die „Juppettes“ als Statistinnen.

Borne gilt als links

Elisabeth Borne weiß dennoch, was auf sie zukommt. Cresson, heute 88, wünscht ihr vieldeutig „bon courage“, also guten Mut. Sie meinte, die neue Regierungschefin bringe bemerkenswerte Qualitäten mit. Dass Borne ihre Ernennung ihrem Geschlecht verdanken soll – Macron suchte für den Posten erklärtermaßen eine Frau – , hält Cresson für „absurd“. Frankreichs neue Premierministerin ist ein Bilderbuchexemplar der Pariser Kaderschmieden und Eliten. Die 61-jährige Absolventin der prestigereichen Ingenieurschule Polytechnique war schon Präfektin, Strategie-Direktorin der nationalen Eisenbahn SNCF oder Vorsteherin der Pariser Metro RATP.

Ihre Karriere führte sie auch in diverse Kabinette sozialistischer Politiker:innen wie Ségolène Royal. In der ersten Amtszeit Emmanuel Macrons war sie ab 2017 die Verkehrs-, Klima- und Sozial-Ministerin. Sie war nie Mitglied der Parti Socialiste, gilt aber als links. Diesem Umstand verdankt sie ihre neuste Berufung durch den Staatschef: Emmanuel Macron bemüht sich gerade selbst um einen sozialeren Kurs, um die rotgrüne Linksunion bei den Parlamentswahlen im Juni auszubremsen.

Dass Macron Borne dann bereits ablösen wird, wie das etwa Juppé vorgemacht hatte, scheint aber ausgeschlossen. Laut einer Umfrage haben sich 74 Prozent der Wählerschaft eine Frau im Hôtel Matignon gewünscht.

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