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Wanderarbeiter und -arbeiterinnen machen sich auf den Weg in ihre Heimat. dpa

Corona-Virus in Indien

Das Elend der Ärmsten

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Die Ausgangssperre im Zuge der Corona-Krise in Indien setzt Millionen Wanderarbeiter auf die Straße. Zu Fuß brechen sie in ihre Heimat auf.

Dies mag eine gute Entscheidung für die Reichen gewesen sein, aber nicht für uns, die wir kein Geld haben“, sagt der 28-jährige Deepak Kumar der „Times of India“. Der Lastwagenfahrer ist mit anderen Männern zu Fuß aus Indiens Hauptstadt Neu-Delhi in sein Dorf im Bundesstaat Uttar Pradesh aufgebrochen. Sie laufen an der Schnellstraße entlang, seit zwei Tagen haben sie nichts gegessen. Sie sind in ständiger Angst vor der Polizei, die sie verhaften könnte, weil sie die Ausgangssperre missachten.

Mit Wolldecken, Rucksäcken, Taschen und Töpfen sind ganze Familien und Gruppen aufgebrochen, um Hunderte Kilometer in ihre Heimat zu laufen. Busse und Züge fahren nicht mehr.

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu stoppen, hatte Premierminister Narendra Modi am vergangenen Dienstag den größten Lockdown der Geschichte angeordnet und mehr als 1,3 Milliarden Menschen befohlen, für drei Wochen daheimzubleiben. Es blieben nur vier Stunden, bis das Ausgangsverbot am Mittwoch in Kraft trat. Ohne zeitlichen Vorlauf traf die Sperre Millionen Tagelöhner, Wanderarbeiter, Straßenhändler, Fahrer, Fabrik- und Bauarbeiter. Da fast alle von ihnen von der Hand in den Mund leben, droht ihnen ohne Arbeit Hunger.

„Die Gesundheit dieser Arbeiter wird sehr darunter leiden“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Chinmay Tumbe dem „Indian Express“. Viele seien schon unterernährt. Dazu komme der Stress durch den langen Marsch. „Das hätte viel besser geplant werden können“, kritisiert er.

Modi entschuldigte sich am Sonntag für die Maßnahmen: „Ich bitte um Verzeihung“, sagte er. „Wenn ich auf meine armen Brüder und Schwestern schaue, fühle ich, dass sie denken müssen, was für eine Art Premierminister ich eigentlich bin, der sie in solche Schwierigkeiten gebracht hat.“ Leider gebe es keinen anderen Weg, das Virus zu stoppen.

Zwar hat Indiens Regierung ein Hilfsprogramm gestartet, um die Armen in der Krise zu unterstützen. Doch die angekündigten Nahrungsmittelhilfen und Bargeldzahlungen kommen vor allem denjenigen zugute, die bereits von der Regierung unterstützt werden. Schätzungen zufolge sind 80 Prozent der 470 Millionen indischen Arbeitskräfte Wanderarbeiter. Die Arbeiter, die im informellen Sektor in den Metropolen tätig sind, haben meist nicht die erforderlichen Papiere, um an die Hilfen zu gelangen. Denn die staatlichen Hilfen sind an einen Eintrag in der nationalen Datenbank geknüpft, doch Wanderarbeiter sind gewöhnlich in ihrem Dorf gemeldet und nicht in der Stadt, in der sie arbeiten.

Indien hat laut der Johns-Hopkins-Universität bis Montag 1071 bestätigte Covid-19-Fälle. 29 Menschen sind an der Infektion gestorben. Da das Land dicht besiedelt ist und nur über ein unzureichendes Gesundheitssystem verfügt, wächst die Sorge, dass sich das Virus schnell ausbreiten könnte. Für die meisten Inder ist zudem regelmäßiges Händewaschen ein Luxus. Während Indiens Mittel- und Oberschicht den Lockdown mit Wein, Essen und Netflix daheim verbringt, haben Millionen Slumbewohner keinen Rückzugsort.

An einer der wenigen Suppenküchen, die noch Essen für Bedürftige ausgeben, hatten sich am Donnerstag 8000 Hungrige versammelt. Die Polizei prügelte mit Stöcken auf die Menschen ein. „Haltet Distanz ein“, forderten die Sicherheitskräfte die Masse auf. Doch die Menschen haben mehr Angst vor dem Verhungern als vor dem Virus.

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