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El Salvador: Der Fußballplatz bleibt leer

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In Guarjila leben fast keine jungen Männer mehr.
In Guarjila leben fast keine jungen Männer mehr. © Andreas Boueke

Die Spieler der Dorfmannschaft von Guarjila haben Angst vor willkürlichen Festnahmen. Grund ist der Ausnahmezustand, mit dem die Regierung die Jugendbanden bekämpft. Von Andreas Boueke.

Dicke Regentropfen fallen auf die Wellblechdächer der Hütten und Häuser in Guarjila, einer Ortschaft im Norden von El Salvador. Carlos Tobar besucht Doña Margarita, die Mutter seines Freundes Francisco, den die Polizei vor einem halben Jahr festgenommen hat. „Sie kamen in Begleitung von Soldaten der Armee“, erinnert sich die Frau und kämpft mit den Tränen. „Es gab keinen Haftbefehl und keinen Hinweis auf eine Straftat. Trotzdem haben sie meinem Sohn Handschellen angelegt und ihn in ein Auto gestoßen. Seitdem habe ich ihn nicht wieder gesehen und bekomme keine Informationen. Ich weiß nur, dass er mit vielen anderen in einer Zelle auf dem Boden schläft“, sagt sie. Die Häftlinge bekämen nur wenig Nahrung; viele würden krank, aber es gebe keine Medikamente.

Seit März vergangenen Jahres leben die Menschen in El Salvador, dem kleinsten Land Mittelamerikas, in einem staatlich verordneten Ausnahmezustand. Nach einer brutalen Mordserie mit 87 Toten innerhalb von drei Tagen, für die die berüchtigte Jugendbande Mara Salvatrucha verantwortlich gemacht wird, wies Präsident Nayib Bukele das Parlament an, einen 30-tägigen Notstand auszurufen. Doch es blieb nicht bei dem einen Monat. Ein ums andere Mal wurden die Sondermaßnahmen verlängert. „Den Inhaftierten wird vorgeworfen, sie seien Terroristen, sie würden terroristischen Banden angehören“, sagt Doña Margarita. „Aber mein Sohn war Student an der Universität. Er hat nichts von dem getan, was ihm vorgeworfen wird. So ist das in den meisten Fällen.“

Die Behörden El Salvadors gehen von 80 000 Mitgliedern krimineller Banden aus

Die Regierung hat vier zentrale Grundrechte ausgesetzt: das Recht auf Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit; das Briefgeheimnis; das Recht, innerhalb von 72 Stunden nach Verhaftung einem Gericht vorgeführt und über die Gründe der Verhaftung informiert zu werden und das Recht auf juristischen Beistand und einen fairen Prozess. All das soll dem Ziel dienen, den Terrorismus zu bekämpfen. Die Behörden gehen von 80 000 Mitgliedern krimineller Banden aus. In El Salvador leben sieben Millionen Menschen.

Seit Beginn des Ausnahmezustands wurden rund 60 000 Personen verhaftet, meist ohne Beweise und ohne Aussicht auf einen angemessenen Prozess. Die Zahl der Häftlinge in den zuvor schon völlig überfüllten Gefängnissen hat sich weit mehr als verdoppelt. Der 24-jährige Carlos Tobar hat heute mehr Angst vor der Willkür der Polizei als vor der Gewalt der Jugendbanden. „Als Grund für eine Festnahme reicht es schon, wenn du jung bist und arm. Beides gilt in dieser Gesellschaft als gefährlich. Irgendwelche Leute denunzieren dich. Sie sagen, du seist ein Bandenmitglied, auch wenn du nichts mit dem organisierten Verbrechen zu tun hast.“ Die Polizisten ermittele überhaupt nicht, sagt Tobar. „Sie glauben einfach den Worten der anonymen Anrufer und bringen dich ins Gefängnis. Viele Mütter wie Doña Margarita weinen um ihre weggesperrten Söhne, auf deren Einkommen sie angewiesen sind.“

Heute ist Carlos Tobar meist allein auf dem Bolzplatz.
Heute ist Carlos Tobar meist allein auf dem Bolzplatz. © Andreas Boueke

Zwar wurde Doña Margarita eine Fallnummer mitgeteilt und der Namen des Pflichtverteidigers ihres Sohn, aber der Jurist hat keine Möglichkeit, mit seinen Klienten zu sprechen. „Die erste Anhörung vor einem Richter findet Wochen oder Monate nach der Verhaftung statt“, sagt die Mutter. „Und dann wird über Hunderte Angeklagte gleichzeitig verhandelt.“ Niemand komme frei. Man könne nur hoffen, dass dieser Ausnahmezustand bald zu Ende gehe. „Zur Zeit haben die Häftlinge keinerlei Rechte. Es ist, als wären sie keine Menschen“, sagt sie.

Mehrere Jugendliche, die in der Fußballmannschaft von Guarjila mitgespielt haben, sind in Haft. Der junge Trainer Carlos Tobar ist frustriert: „Der Präsident sagt, er wolle die Jugendbanden in den gefährlichsten Regionen El Salvadors ausschalten. Aber hier in Guarjila war es nie wirklich gefährlich.“ Trotzdem würden seit Monaten immer mehr unschuldige Personen festgenommen.

„Noch in derselben Nacht kam die Polizei und nahm drei Personen fest“, berichtet er

Viele Menschen in Guarjila wollen gegen die Notstandsgesetze protestieren und Widerstand leisten. Aber sie haben Angst. „Einmal haben sie eine Versammlung organisiert“, erzählt Carlos Tobar. „Noch in derselben Nacht kam die Polizei und nahm drei Personen fest, die an dem Treffen teilgenommen hatten.“ Tatsächlich sind solche Zusammenkünfte im Ausnahmezustand illegal.

Carlos Tobar läuft zum Haus des Dorfschullehrers Carlos Quintanilla, der auch sein Lehrer war. Die beiden Männer begrüßen sich herzlich. Dann beginnt der Pädagoge, über die Notstandsmaßnahmen zu schimpfen: „Die Jugendlichen in den Gefängnissen haben keinerlei Kontakt zu ihren Familien. Null. Nach der Verhaftung wird den Eltern gesagt: ‚Geht morgen in die Stadt Chalatenango. Dort müsst ihr weiße Kleidung kaufen, Strümpfe, Schuhe, Hemden, Hosen, alles weiß, weil es so sein muss. Und bringt ein Nahrungspaket mit, damit euer Häftling was zu essen hat.‘“ Der Staat komme nicht für die Kosten der Gefangenen auf. Die Familien müssen alles selbst zahlen, jeden Monat ein Paket. „Aber sie können ihren Sohn nicht sehen und auch nicht mit ihm sprechen. Sie wissen nicht, ob die Pakete wirklich ankommen oder nicht.“

Durch den Ausnahmezustand sind einige ländliche Ortschaften fast zu Geisterdörfern geworden. Ganze Siedlungen stehen leer. Es gibt kaum junge Männer und viel weniger Geburten. Guarjila wird zu einem Dorf der Alten. „Früher ging es hier fröhlich zu“, erinnert sich der Lehrer. „Die Älteren haben sich neben dem Bolzplatz getroffen und die Jungen haben gespielt. Jetzt ist es still geworden. Alle haben Angst. Auch die Fußballmannschaft von Carlos existiert nicht mehr.“

Kampf gegen Banden

Die Jugendbanden , deren Stärke in El Salvador auf knapp 100 000 Mitglieder geschätzt wird, sind seit Jahrzehnten für das Land ein vergleichbares Problem wie die Drogenkartelle für Mexiko. Sie agieren brutal und skrupellos und kontrollieren weite Teile des Landes.

Die Regierung des populistischen Präsidenten Nayib Bukele verhängte im März 2021 einen Ausnahmezustand, um berüchtigte Banden wie die Mara Salvatrucha zu bekämpfen. Mehr als 60 000 Menschen wurden seither verhaftet, oft ohne Beweise und Aussicht auf einen fairen Prozess.

Alle Vorgänger Bukeles haben sich bislang erfolglos daran versucht, die Macht der Jugendbanden zu brechen. Bislang setzte allerdings kein Staatschef so stark auf Gewalt wie der amtierende Präsident, der den Rechtsstaat völlig ignoriert.

Ende November ließ Bukele, der seit gut drei Jahren regiert, einen großen Vorort der Hauptstadt San Salvador abriegeln. Rund 10 000 Soldaten und Polizisten durchkämmten in Soyapango, das bis dahin faktisch der Kontrolle des Staates entzogen war, Straßen und Häuser und nahmen zahlreiche Verdächtige fest.

Allerdings kritisierten Anwohner:innen, dass auch junge Männer abgeführt worden seien, die nichts mit den Banden zu tun gehabt hätten. sha

Der Fußballplatz von Guarjila liegt nur hundert Meter vom Haus des Lehrers entfernt. Vor dem Ausnahmezustand kamen mindestens 15 Spieler zum Training. Heute kommen nur noch die drei oder vier Jüngsten. Der elfjährige Chavi schimpft: „Wir können nicht mehr richtig spielen. Die Mamas der Jungs lassen sie nicht raus.“

Chavi weiß, dass auch sein Trainer Guarjila bald verlassen wird. Carlos Tobar wird einen Freiwilligendienst in Deutschland antreten. Im Rahmen des Weltwärts-Programms des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wird er in Kooperation mit dem Welthaus Bielefeld in einem deutschen Kindergarten arbeiten.

„Die Medaille hat also zwei Seiten, und ich habe Verständnis für beide“, sagt die Mutter eines Sohnes

Ein paar Schritte hinter dem Fußballplatz steht ein kleines Gebäude mit Wänden aus Lehmziegeln. In den Räumen sind mehrere Werkstätten untergebracht. Früher ist Carlos Tobar oft hierher gekommen, um an einem Ausbildungsprogramm für Jugendliche teilzunehmen. An diesem Tag hat sich eine kleine Gruppe getroffen – fast nur Mädchen -, um eine Aktivität für die Kirmes des Dorfes vorzubereiten. So wollen sie etwas Geld für das Jugendprogramm einnehmen. Carlos sagt, zu Beginn des vergangenen Jahres seien viel mehr Jugendliche gekommen: „Es waren mal 20, 30. Jetzt sind es nur noch acht oder sechs.“

Die Sozialarbeiterin Reyna Morales engagiert sich ehrenamtlich für das Programm. Eines der Projekte nennt sich „Junge Entrepreneure konstruieren die Zukunft“. Es geht darum, neue Einkommensmöglichkeiten für Jugendliche zu schaffen, damit sie sich nicht den Banden anschließen. Als die alleinerziehende Mutter Carlos Tobar sieht, bittet sie ihn um Hilfe beim Aufbau eines Trampolins. „Ich kenne ihn, seit er klein war. Einer der Jungs, die er trainiert, ist mein elfjähriger Sohn. Der freut sich jede Woche auf das Training am Samstag. Aber jetzt kommt er immer enttäuscht nach Hause: ‚Mami, wir konnten wieder nicht spielen, weil zu wenig Kinder gekommen sind.‘”

Reyna Morales hofft auf eine Zukunft ohne Bandengewalt in El Salvador.
Reyna Morales hofft auf eine Zukunft ohne Bandengewalt in El Salvador. © Andreas Boueke

Reyna Morales handelt mit Haushaltswaren. Deshalb muss sie oft in die Hauptstadt fahren. Dort kennt sie Familien in Armenvierteln, deren Kinder nachmittags nie aus dem Haus gegangen sind, weil eine Jugendbande die Straßen kontrollierte. „Wer nicht bei ihnen mitmachen wollte, wurde getötet. Diese Familien haben kleine Geschäfte, mit denen sie gegen ihren Willen die kriminellen Strukturen finanziert haben. Wer sich weigerte, den Banden eine Gebühr zu zahlen, dessen Laden wurde angezündet.“ Solche Erpressungen gebe es heute nicht mehr, sagt Reyna Morales, die Täter seien im Gefängnis. „Die Medaille hat also zwei Seiten, und ich habe Verständnis für beide. Ich als Mutter träume von einem Land, in dem mein Sohn rausgehen kann, ohne dass jemand versucht, ihn für eine kriminelle Bande zu rekrutieren, oder ihn zwingt, an einem Verbrechen teilzunehmen.“ Es gebe also Teile des Notstandsgesetzes, die sie als Mutter unterstütze.

Eigentlich hilft Carlos Tobar dem Projekt gern. Aber in diesen Tagen fragt er sich, ob es vernünftig ist, weiter dort hinzugehen. Für ihn wäre es furchtbar, wenn er kurz vor seiner Abreise nach Deutschland noch inhaftiert würde: „Vielleicht habe ich mit der Freundin eines eifersüchtigen Typen gesprochen, oder jemand ist neidisch auf mich oder will sich rächen. Es braucht nur eine anonyme Anzeige, und schon werde ich abgeholt.“ Als junger Mensch in El Salvador fühle er sich müde und ohne Energie.

Aber er gibt die Hoffnung nicht auf, dass es eines Tages besser werden wird. „Dann kann ich wieder Fußball spielen, mit der neuen Generation, denn die alten Freunde sind nicht mehr im Land. Hoffentlich wird die Gemeinschaft im Dorf irgendwann wieder so sein wie früher.“

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