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Kurschus auf Kurs der Kooperation: Zum Zweck der humanitären Hilfe sollten Kirche und zivile Hilfsorganisationen ihre Reibungen beiseite legen.
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Kurschus auf Kurs der Kooperation: Zum Zweck der humanitären Hilfe sollten Kirche und zivile Hilfsorganisationen ihre Reibungen beiseite legen.

Christentum

EKD-Vorsitzende Annette Kurschus:„Wir melden uns zu Wort, wo es der Glaube gebietet“

  • Bascha Mika
    VonBascha Mika
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Annette Kurschus ist neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Im Interview mit Bascha Mika spricht sie über die Zusammenarbeit mit NGOs, die Aufarbeitung von Gewalt und die Enttäuschung ausgetretener Mitglieder

Frau Kurschus, Sie sind seit wenigen Tagen neue EKD-Ratsvorsitzende. Aus Pflicht oder aus Freude?

Aus Freude! Der deutliche Rückenwind der Synode hat gutgetan und mir den nötigen Schub gegeben.

Charismatisch, authentisch, bodenständig, optimistisch. So hat der Deutschlandfunk Sie charakterisiert. Alles richtig?

Es ist ja immer schwer, sich selbst zu beschreiben. Optimistisch würde ich durch zuversichtlich ersetzen. Mir ist wichtig, dass ich mich nicht verbiege, das ist wohl mit authentisch gemeint. Ich möchte auch in diesem Amt so bleiben, wie ich bin. Wohlwissend, dass man Persönlichkeit und Amt zu unterscheiden hat – aber dennoch nicht trennen kann.

Sie sind erst die zweite Frau an der Spitze der EKD, haben eine Stellvertreterin und auch der Vorsitz der Synode ist seit neuestem weiblich besetzt. Das riecht ein wenig nach Trümmerfrauen. Liegt der Laden an vielen Stellen in Schutt und Asche, dürfen auch Frauen ran – was nicht gegen die Frauen, aber gegen den Laden spricht.

Das ist auch so ein typischer Wertungs-Reflex. Ich glaube, der „Laden“ hat gemerkt, dass ihm mal etwas ganz anderes als bisher guttun würde. Und dann haben die Leute im „Laden“ drei Frauen gewählt. Sie dürfen gespannt sein, was nun passiert.

Und dass die evangelische Kirche in der Bredouille steckt, hat damit nichts zu tun?

Wie gesagt: Bredouille und Frauen in einen Begründungszusammenhang für die Wahl zu bringen, scheint mir abwegig. Uns gewählten Frauen wird es derzeit zugetraut und auch zugemutet, leitende Verantwortung zu tragen. Und wir werden die Arbeit mit den uns gegebenen Gaben angehen.

Haben die alten weißen Männer in der EKD eigentlich Bestandsschutz?

Ach, das bringt doch nichts, „die“ Männer gegen „die“ Frauen auszuspielen. Und selbst wenn wir jetzt mit Frauen an der Spitze unterwegs sind, werden wir auch gut mit Männern zusammenarbeiten. Der Rat ist nahezu ausgewogen mit Männern und Frauen besetzt. Insofern bin ich da ganz entspannt. Wir brauchen die gesamte Palette des Gender-Reichtums, um Kirche in dieser Welt zu sein.

Kirche in dieser Welt bedeutet zur Zeit eine unter Corona-Joch. In einem Interview sagten Sie, Impfen sei Pflicht. Wie würden Sie versuchen, Impfgegner:innen davon zu überzeugen?

Indem ich nicht müde werde zu sagen, dass kein Mensch alleine in dieser Welt lebt. Wir sind soziale Wesen und in eine Gemeinschaft gestellt. Und deshalb sollte mein Eigenwohl gut abgewogen sein gegen die Verpflichtung, die ich in der Gemeinschaft habe. Mit der Entscheidung gegen die Impfung gefährde ich nicht nur mich, sondern auch andere. Unsere individuellen Entscheidungen leben davon, dass sie in das Gemeinwohl eingebettet sind.

Geht es um Nächstenliebe?

Ich würde den Akzent anders setzen. Nächstenliebe hat ein weites Herz. Beim Thema Corona bin ich eher mit der Vernunft unterwegs. Wenn wir in einer Gemeinschaft leben, ist es meine Pflicht und im Sinne des guten Zusammenlebens auch vernünftig, das Wohl meines Nächsten im Blick zu haben. So kann auch Hoffnung konkret werden: Denn die Hoffnung auf die Überwindung der Pandemie und ein gutes menschliches Zusammenleben ist kein Gegensatz zu unserem vernünftigen Handeln, sondern geht mit ihm Hand in Hand.

Wären Sie denn für eine Impfpflicht?

Nach meiner Erfahrung erzeugt man mit Pflicht und Zwang eher Widerstand. Ich werbe für das Impfen. Die Kontaktbeschränkungen, die es vielerorts für Ungeimpfte gibt, senden ja schon ein deutliches Signal.

Zu den angesprochenen Bredouillen gehört das Thema sexualisierte Gewalt im Raum der Kirche. Bislang gibt es in der EKD weder einheitliche Standards zur Aufarbeitung dieser Fälle, noch werden die Opfer bei dem Prozess institutionell eingebunden. Warum nicht?

Wir haben Betroffene zu unserer letzten Synodentagung eingeladen und genau hingehört. Sie sind bereits an vielen anderen Stellen strukturell eingebunden, etwa bei der großen Forschungsstudie ForuM, die von der EKD unterstützt wird. Wir tun alles dafür, um eine größtmögliche Partizipation der Betroffenen zu gewährleisten. Dafür wird aktuell, unterstützt durch eine externe Expertise, die Betroffenenpartizipation neu aufgestellt. Insgesamt hat das Thema oberste Priorität, deshalb haben wir es zur Chefinnensache erklärt. Wir werden bei den Strukturen und Verbindlichkeiten in den Landeskirchen eine größere Einheitlichkeit schaffen – so weit es eben geht. Die Menschen sollen merken, es ist uns ernst damit. Das soll sich auch unmissverständlich in den Strukturen abbilden.

Der Prozess dauert inzwischen elf Jahre. Elf Jahre, in denen die Betroffenen auf strukturelle Änderungen warten, damit es keine weiteren Opfer gibt.

Es hat sich in dieser Zeit viel getan in der evangelischen Kirche, vor allem auch bei der Prävention. Mit der Gewaltschutzrichtlinie der EKD etablieren wir Schutzkonzepte, Fortbildungen und Interventionspläne in der Breite der Kirche. Zweifellos reden wir von einer beschämenden Schuldgeschichte unserer Kirche. Wir sind fähig und bereit, diese Schuld einzugestehen und unabhängig aufarbeiten zu lassen. Auf Initiative der EKD werden die Vorgänge jetzt in einer sehr breit angelegten wissenschaftlichen Studie untersucht. Da geht es nicht nur um Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern sämtliche kirchlichen Bereiche und diakonischen Einrichtungen. Das ist ein großes Feld und es braucht Zeit, dies insgesamt in den Blick zu nehmen.

Eine weitere Bredouille, mit der Sie konfrontiert sind, ist die Entwicklung der Mitgliederzahlen in Ihrer Kirche. Die werden sich laut Prognosen bis 2060 halbieren.

Der Rückgang hat zum Teil demographische Gründe, weil mehr Menschen sterben als getauft werden. Aber es gibt auch Mitglieder, die sich bewusst abwenden. Etwa junge Erwachsene, die auf ihren ersten Gehaltszettel und die Kirchensteuer schauen. Enttäuschte, die sich zurückziehen, weil ihre Erwartungen nicht erfüllt werden. Und es ist natürlich eine Anfrage an uns, warum unsere Botschaft von ihnen als nicht relevant für ihr Leben empfunden wird.

EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus.

Vielleicht, weil selbst Mitglieder nicht mehr wissen, wozu die Kirche gut ist?

Wer, wenn nicht wir, soll denn die Hoffnung wach halten in dieser Welt? Darum geht es, daran müssen wir unser Tun messen. Selten hat die Welt Hoffnung so nötig gebraucht wie jetzt, wir merken doch, wie verletzlich unser Leben ist und wie uns vermeintliche Sicherheiten aus den Händen gleiten. Hoffnung ist fragwürdig geworden im doppelten Sinne des Wortes: Sie wird kritisch infrage gestellt – und sie bleibt des neugierigen Fragens würdig. Die Sehnsucht und das Fragen der Menschen aufzunehmen, im Licht der Verheißungen Gottes: Das halte ich für unsere große Aufgabe.

Zur Person

Annette Kurschus , geb. 1963, ist die neue Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Sie ist nach Margot Käßmann erst die zweite Frau, die dieses Amt bekleidet.

Ihr Studium der Evangelischen Theologie führte sie nach Bonn, Marburg, Münster und Wuppertal.

Als Pfarrerin betreute sie viele Jahre lang die Gemeinde Siegen und wurde 2012 zur leitenden Theologin der Evangelischen Kirche von Westfalen.

Wo wollen Sie denn konkret ansetzen?

Wir denken als Verantwortliche sehr genau darüber nach, auf welchen Feldern wir Menschen erreichen und berühren. Wir fragen nach, wir hören und sehen hin. Wo merken Menschen: Es geht mich an, was in der Kirche gesagt und getan wird, hat mit mir und meinem Leben zu tun? In allen Landeskirchen laufen intensive Zukunftsprozesse, und auf EKD-Ebene werden wir diese auswerten und zusammenführen. Außerdem wird gerade an der sechsten Kirchenmitgliedschaftsstudie gearbeitet, die untersucht, was die Menschen aktuell bewegt und was sie in der Kirche suchen.

Auf der Homepage der EKD werden an oberster Stelle mehrere Themenschwerpunkte genannt: Migration, Klimawandel, Seenotrettung, Umweltkatastrophen. Zumindest was das angeht, scheint die Kirche mitten in der Gesellschaft zu sein.

Wir melden uns gesellschaftspolitisch zu Wort, wo es aus unserem christlichen Glauben heraus geboten ist. Die genannten Themen sind ja mit urchristlichen Fragen verknüpft. Beim Thema Migration geht es um die biblische Urerfahrung, in der eigenen Umwelt fremd und nicht willkommen zu sein, keinen Raum zu finden, zu den Armen und Schwachen zu gehören. Deshalb fordert unser Glaube, die Fremden und Schwachen zu schützen, den Heimatlosen Heimat zu geben. Ähnlich ist es beim Klimaschutz. Wir glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat. Alles Leben auf der Erde ist uns geschenkt, es gehört uns nicht. Die Schöpfung ist für alle da. Sie zu schützen und zu bewahren auch für kommende Generationen, ist unsere Aufgabe.

Mit „United4rescue“ ist die EKD in einen besonderen Dialog mit der Gesellschaft getreten. Sie hat sich mit vielen Nicht-Regierungs-Organisationen verbündet, um Flüchtlinge aus dem Meer zu retten. Hat so ein Bündnis Modellcharakter für weitere Kooperationen mit zivilen Akteuren? In der EKD sind derartige Projekte ja sehr umstritten.

Es war unser Anliegen, an dieser Stelle mit anderen Organisationen zusammenzuarbeiten. Wir haben alle unsere eigene Motivation, um Menschen in Not zu helfen, aber beim humanitären Handeln sind wir uns einig. Das kommt bei United4rescue sehr schön zum Ausdruck. Im Tun mögen wir als Kirche mit etlichen anderen Akteuren verwechselbar sein. Das ist doch nichts Schlimmes. Allerdings sollten wir die christliche Triebfeder unseres Handelns ausdrücklich erkennbar machen. In diesem Sinne kann United4rescue durchaus Modellcharakter haben.

Wie steht es um den Dialog mit der Politik? Was sind Ihre Hauptforderungen an eine neue Bundesregierung?

Für die Politik müssen die Bürgerinnen und Bürger im Mittelpunkt stehen, Politik muss gute Lebensverhältnisse schaffen und darf diejenigen nicht aus dem Blick verlieren, denen es schlecht geht...

...weil wir soziale Gerechtigkeit schaffen müssen?

Dieses Thema muss auf der politischen Agenda ganz weit oben stehen. Ebenso wie die Bewahrung der Schöpfung, egal wie sich die neue Regierung zusammensetzt.

Apropos Klimaschutz: Was tun Sie, um die Kirche klimaneutral zu machen?

In meiner westfälischen Landeskirche haben wir jetzt eine umfassende Klimastrategie beschlossen. Wir wollen bis 2040 klimaneutral werden. Da geht es um Fragen der Mobilität, des Wirtschaftens, des Heizens, eigentlich um alle Bereiche. Wenn wir da von unseren eigenen Einrichtungen Verbindlichkeit fordern und Zeichen setzen wollen, kostet das – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Wir müssen Geld in die Hand nehmen und uns von vielen liebgewordenen Gewohnheiten verabschieden. Das wird ein unbequemer, aber notwendiger Weg.

Fragen des Dialogs stehen auch mit der anderen christlichen Kirche an. Dabei scheint sich die Ökumene eher an Unterschieden in der Dogmatik aufzuhalten, statt an einer gemeinsamen christlichen Botschaft zu arbeiten. Wie soll es da weitergehen?

Als 2017 das große Reformationsjubiläum anstand, wollten wir bewusst mit den katholischen Christen zusammen feiern. Wir haben nicht Trennung und Abgrenzung betont, sondern das, was uns vereint. Das war eine wichtige und starke Erfahrung, dahinter können und wollen wir nicht mehr zurück. Der Ton in unserem Miteinander ist inzwischen ein anderer geworden. Zwar unterscheidet uns noch einiges, aber es trennt uns nicht. Die Richtung stimmt und ist unumkehrbar.

Eine Frage, die meine Branche betrifft: Sie sind Mitherausgeberin der Zeitschrift „Chrismon“. Menschen medial zu erreichen scheint Ihnen wichtig zu sein. Gleichzeitig sollen aber der Evangelischen Journalistenschule die Gelder gestrichen werden. Werden Sie sich für den Erhalt der Schule einsetzen?

Die Aus- und Weiterbildung für Journalist:innen bleibt eine Aufgabe der evangelischen Publizistik. Wie das mit zurückgehenden Mitteln möglich ist, wird derzeit geprüft.

...der Schule ging es eigentlich nie um evangelischen Journalismus – wie sollte der auch aussehen? Sondern um verantwortungsvollen Journalismus auf einer ethischen Grundlage.

Das trifft es genau, trotzdem bleibt die Frage, ob das in einer eigenen Schule geschehen muss und kann oder auch auf andere Weise. Wir werden künftig bei Weitem nicht mehr alles, was wir für wichtig halten, selbst tun können.

Verraten Sie uns am Schluss, was wir Ihnen für Ihr neues Amt wünschen sollen.

Zuversicht! Dass ich mich nicht verbiegen lasse, meine Natürlichkeit und mein Gottvertrauen behalte und nicht der Menschen Magd werde, wie es mein Taufspruch mir mit auf den Weg gegeben hat.

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