+
Bischöfin Margot Käßmann spricht im Interview Frankfurter Rundschau über die Ergebnisse der Afghanistan-Konferenz.

Interview mit Margot Käßmann

"EKD steht hinter meiner Position"

Bischöfin Margot Käßmann spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die Ergebnisse der Afghanistan-Konferenz, ihre Kritiker und warum es keinen "gerechten Krieg" geben kann.

Bischöfin Käßmann, wie bewerten Sie das Ergebnis der Londoner Afghanistan-Konferenz?

Wir sehen zwei unserer zentralen Anliegen berücksichtigt: Die deutsche Entwicklungshilfe wird verdoppelt. Das zeigt, dass der Vorrang des Zivilen wahrgenommen wird. Und der Versuch eines Aussteigerprogramms für Taliban-Kämpfer zeigt auch, dass mehr Fantasie für den Frieden ins Spiel kommt.

Markiert London den von Ihnen geforderten Strategiewechsel?

Das wird sich zeigen müssen.

Sie wollen erst Taten sehen?

Die Konferenz allein ist sicher noch nicht hinreichend. Wir werden sehr genau beobachten und bewerten, was jetzt passiert.

In London wurde auch beschlossen, mehr Soldaten zu schicken.

Das finde ich nach wie vor problematisch. Mit Blick auf den deutschen Anteil könnte man noch sagen, es kommen 850 Soldaten mehr, aber doppelt so viel Entwicklungshilfe plus Geld für das Aussteigerprogramm. Damit ist verhältnismäßig der Vorrang des Zivilen gewahrt. Aber bis dato hatten wir nur über die Erhöhung der militärischen Komponente geredet. Wenn sich das jetzt ändert, ist das positiv zu werten.

Was meinen Sie, wenn Sie eine "Mandatierung" des zivilen Hilfseinsatzes fordern?Dass der Bundestag in seinen Debatten und Beschlüssen die zivilen Aufgaben ganz klar mit bedenkt.

Ist der deutsche Afghanistan-Einsatz aus Ihrer Sicht denn jetzt ein legitimer Einsatz?

Wir haben nie die Legitimität des Einsatzes bestritten...

... aber Sie haben gesagt, "auch nach den weitesten Maßstäben der EKD ist dieser Krieg so nicht zu rechtfertigen".

Es gibt aus Sicht der EKD keinen "gerechten Krieg", sondern höchstens begrenzte friedens- und rechtserhaltende militärische Einsätze. Aber auch bei solchen Einsätzen können die Furien des Krieges entfesselt werden. Die rechtliche Legitimität des deutschen Einsatzes steht nicht in Frage; der Bundestag hat ihn mit Mehrheit beschlossen. Wohl aber fragen wir - und das meine ich mit "so" -, ob eine Strategie ethisch vertretbar ist, in der es ständig nur um die Erhöhung von Truppenkontingenten ging. Das stellt den Vorrang des Zivilen in Frage. Ein bloßes "Weiter so" entzöge dem Einsatz die friedensethische Legitimation.

Im jüngsten Afghanistan-Papier der EKD vom 25. Januar lassen Sie die Frage offen, ob der Afghanistan-Einsatz gegenwärtig zu billigen sei.

Das Papier lässt die Frage offen, weil sie in unserer Kirche kontrovers diskutiert wird.

Sie formulieren jetzt auffallend fein ziseliert. In Ihrer Neujahrspredigt klangen Sie viel entschiedener. Ist dieser Tonartwechsel ein Ergebnis der hitzigen Debatte über Ihre Predigt?

Das Ergebnis ist ein Doppeltes: Die EKD hat sich ganz klar hinter meine Position gestellt. Der Rat der EKD trägt einstimmig die Erklärung vom 25. Januar mit. Das zeigt den deutlichen Konsens in unserer Kirche.

Sie fühlen sich durch die Mitverfasser des Papiers - u.a. Ihr Stellvertreter Nikolaus Schneider und Militärbischof Martin Dutzmann - nicht eingefangen oder zurückgepfiffen?

Ich halte diese Sicht für Unfug. Die anderen Verfasser übrigens auch. Mich stört diese Personalisierung, als ob ein gemeinsam verfasster Text dasselbe wäre wie eine Predigt, die ich alleine formuliert habe - zugespitzt, keine Frage -, aber völlig im Einklang mit den friedensethischen Positionen der EKD.

Aber jetzt loben Sie die Erfolge beim Aufbau und den Beitrag der Isaf dazu. In Ihrer Predigt sagten Sie, "nichts ist gut in Afghanistan." Bleiben Sie dabei?

Ich würde diesen Satz in der Predigt wieder so formulieren. Weil sein Gegenteil "alles ist gut" so offensichtlich nicht stimmt. Der Satz wird mir jetzt immer wieder vorgehalten. Aber andererseits habe ich noch nie mit einer Predigt so viel Resonanz hervorgerufen und eine - wie sich zeigt - notwendige Debatte ausgelöst. Mitunter muss offensichtlich zugespitzt formuliert werden.Ex-General Klaus Naumann wirft Ihnen Arroganz und Naivität vor. Sie brächten leere Worthülsen und ließen die Soldaten im Stich.

Das folgt dem merkwürdigen Reflex, "kritisiert jemand den Krieg, kritisiert sie die Soldaten". Meine Sorgen sind doch auch die Sorgen der Soldatinnen und Soldaten. Bisher mussten sie den Eindruck gewinnen, dass die Gesellschaft von den Gefahren und Belastungen ihres Einsatzes nichts hören will. Wann ist denn offen über die Opfer diskutiert worden? Eine Frau schrieb mir: Für den Nationaltorhüter Robert Enke gibt es eine wunderbare Trauerfeier. Mein Mann kommt im Zinksarg heim, und kein Mensch schert sich darum.

Aber der Begriff Naivität kratzt Sie an?

Nein, ich habe ja in der Predigt selbst gesagt, dass man mich "naiv" nennen wird. Diejenigen, die vom Frieden reden, von friedlicher Konfliktlösung und von Verhandlungen mit dem Gegner, werden immer wieder als naiv gescholten. Aber das macht nichts. Denn am Ende ist auch wahr: Das Militär allein hat noch nie Frieden geschaffen. Wir Deutsche wissen doch, wie lang der Weg zu Frieden und Versöhnung auch nach 1945 war. Und überhaupt: Warum reagieren meine Kritiker eigentlich so heftig? Wenn ich so naiv und blauäugig wäre, dann könnte man sich die ganze Aufregung ja auch schenken. Wir sind in Deutschland offenbar lange, viel zu lange der Debatte ausgewichen. Und jetzt zu sagen, da die Debatte stattfindet, die Soldaten hätten keine Unterstützung zuhause - das verdreht die Tatsachen.

Angesichts der fundamentalistischen Taliban, denen die Bundeswehr in Afghanistan gegenübersteht, müsste es Sie doch in jeder Hinsicht gruseln - gerade auch als Frau...

Hah! Natürlich! (lacht grimmig) Das Engagement für Frauenrechte finde ich immer gut. Und ich kenne viele Länder, für die ich mir viel mehr Engagement für Frauen wünsche. Also, wenn das künftig der Kern von Außenpolitik ist, wunderbar! Um es klarzustellen: Viele Taliban agieren absolut menschenverachtend. Aber von "den Taliban" zu reden, das sollte doch inzwischen Common sense sein, ist unmöglich. Und ebenso wenig sollte dieser Konflikt zu einem muslimisch-christlichen stilisiert werden.

Schätzen Sie die Bedeutung des Militärischen nicht zu gering? Hitler, heißt es in diesen Tagen immer wieder, konnte nur mit Waffen bezwungen werden.

Niemand wird bestreiten, dass es das Militär brauchte, um den Nazi-Terror zu besiegen. Aber: Die Furien der Gewalt wurden auch damals losgetreten. Einen Flüchtlingstreck auf dem Eis der Ostsee zu bombardieren, hat mit friedens- und rechtserhaltender Gewalt nichts mehr zu tun. Dass eine Bischöfin zum Frieden mahnt und sagt, dass wir zum Friedenstiften mehr Fantasie brauchen als Waffen, das halte ich für selbstverständlich und geboten. Merkwürdig könnten Sie es finden, wenn ich gesagt hätte, "lasst uns möglichst schnell mehr Soldaten nach Afghanistan schicken".

Bezeichnen Sie sich weiterhin als Pazifistin?

Zeigen Sie mir, wo ich das von mir gesagt hätte.

Wäre es denn schlimm, wenn Sie es gesagt hätten - in der Tradition Martin Luther Kings, auf den Sie sich gern beziehen?

Zur Verteidigung der Menschenrechte und zum Schutz von Menschenleben kann Einsatz militärischer Mittel in engsten Grenzen geboten sein. Wenn Konflikte total eskaliert sind und Menschenleben geschützt werden müssen, gibt es darüber sehr schnell Konsens. Dann stehen auch gewaltige Mengen an Material und Geld zur Verfügung. Warum gibt es eigentlich in den Konflikten dieser Welt keinen so massiven Einsatz von Geld, Energie, Menschen und Fantasie, bevor die Gewalt ausbricht und militärisch eingedämmt werden muss?

Und ich frage noch mal nach dem Pazifismus.

Ich habe eine pazifistische Grundhaltung. So aber, wie im Rechtsstaat das Gewaltpotenzial des Einzelnen an die Polizei delegiert wird, die es zur Sicherheit aller ausübt, so stelle ich mir das auch international vor. Das ist kein Radikalpazifismus. Aber ich werde immer kritisch gegenüber militärischer Macht und deren Eigendynamik bleiben.

Interview: Joachim Frank

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion