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EKD-Präses Heinrich: „Weihnachten ist nicht perfekt“

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Von: Friederike Meier

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O Tannenbaum... allerdings ohne Spitze. Umstrittene Aktion der „Letzten Generation“ in Berlin.
O Tannenbaum....allerdings ohne Spitze. Umstrittene Aktion der „Letzten Generation“ in Berlin © dpa

Anna-Nicole Heinrich über Klimaschutz in der Kirche - und Aktionen der „Letzten Generation“

Frau Heinrich, Klimaaktivist:innen der Gruppe „Letzte Generation“ haben am Mittwoch die Spitze des Weihnachtsbaums am Brandenburger Tor in Berlin abgesägt. Die Begründung auf Twitter: Es könne kein besinnliches Weihnachten geben, wenn Menschen Angst um ihr Leben hätten. Was halten Sie von dieser Aktion?

Das wichtigste christliche Weihnachtssymbol ist nicht ein majestätisch anmutender Weihnachtsbaum, sondern das Jesuskind in der Krippe. Weihnachten ist nicht das Fest, wo alles perfekt ist. Jesus ist auch verletzlich in die Welt gekommen, in einem kleinen, heruntergekommenen Stall. Deutlich weniger majestätisch als man einen König erwartet hätte. Und er hat trotzdem so viel Hoffnung in die Welt gebracht, eine Hoffnung, die wir in diesen Tagen dringend brauchen, um nicht zu verzagen.

Kann es denn kein besinnliches Fest geben, wenn Menschen Angst um ihr Leben haben?

Doch. Gerade zu Weihnachten brauchen wir diese starke Botschaft, dass Gott in die Welt gekommen ist, um uns Hoffnung zu geben. Die verdrängt auch die Verzweiflung, zumindest bei mir.

Was raten Sie Menschen, die sich verzweifelt und ohnmächtig fühlen angesichts der Klimakrise?

Erst einmal kann ich das gut nachvollziehen. Zu sehen, dass wir alle ziemlich gut im Verdrängen sind, ist schon frustrierend. Wir sehen die Krisen direkt vor uns und tun doch zu wenig. Ich frage mich oft, warum wir eigentlich nur können, wenn wir müssen. Bei aller Verzweiflung, die ich bei vielen in der Klimabewegung sehe, gibt es trotzdem die Hoffnung weiterzumachen. Da ist ein Glaube daran, dass es möglich ist umzukehren. Es macht Mut zu sehen, dass die meisten auf unserer Welt noch nicht aufgegeben haben.

Wir wollen Räume öffnen, wo sich Menschen nicht festkleben müssen, damit ihnen zugehört wird.

Anna-Nicole Heinrich

Die „Letzte Generation“ haben Sie wiederholt gegen Kritik verteidigt. Warum?

Mir liegt was am Klimaschutz und an der Bewahrung der Schöpfung. Da verteidige ich dann keine einzelnen Aktionen oder Gruppen. Vielmehr bin ich der festen Überzeugung, dass wir das Thema nur ordentlich voranbringen, wenn wir mit allen im Gespräch bleiben, die sich auch dafür einsetzen. Genau das haben wir auch auf unserer Synode in Magdeburg getan. Die Aktivist:innen der „Letzten Generation“ und auch anderer Klimabewegungen wie „Fridays for Future“ haben wie viele andere Menschen auch eine berechtigte Sorge um unsere Zukunft. Da sollten wir genau hinhören.

Auch innerhalb der evangelischen Kirche gab es Kritik daran, dass eine Aktivistin der „Letzten Generation“ bei der Synode in Magdeburg auftrat, zum Beispiel vom bayerischen Landesbischof. Wie sollte sich Ihrer Meinung nach die Kirche in der Debatte positionieren?

Wir wollen Räume öffnen, wo sich Menschen nicht festkleben müssen, damit ihnen zugehört wird. Als Kirche haben wir den Schatz, mit ganz verschiedenen Menschen und Strukturen vernetzt zu sein. Warum sollten wir das nicht im Sinne des dringlichen Anliegens nutzen und ausbauen? Heinrich Bedford-Strohm hat auf der Synode die Aktionsformen kritisiert, hat aber wenige Wochen später ein Gespräch zwischen Vertreter:innen der „Letzten Generation“ und dem bayrischen Innenminister vermittelt. Das Brückenbauen steht bei uns im Vordergrund.

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Was trägt die evangelische Kirche ganz konkret zum Klimaschutz bei?

Wir haben für die evangelische Kirche im letzten Jahr eine Klimaschutzrichtlinie verabschiedet, die festlegt, dass wir bis 2035 90 Prozent der Treibhausgasemissionen eingespart haben wollen und bis 2045 treibhausgasneutral sein wollen. Die Richtlinie ist getragen von dem Satz: Nur noch so viel wie nötig, nicht mehr so viel wie möglich. Als Kirchen engagieren wir uns schon seit Jahrzehnten für die Bewahrung der Schöpfung. Dass spielt uns jetzt in die Karten, dass dieses Bewusstsein fest in unseren Gemeinden verankert ist. Und natürlich wollen wir zuallererst auch selbst nach dem handeln, was wir predigen.

Viele junge Menschen fühlen sich nicht mehr mit der Kirche verbunden – wollen Sie das auch dadurch ändern, dass Sie solche Themen mit aufnehmen?

Das Thema ist ja nicht neu für uns. Ich kann auch nicht sagen, ob es in unterschiedlichen Generationen ein unterschiedliches Bewusstsein für den Klimaschutz gibt. Aber je jünger, desto existenzieller ist diese Sorge um die Zukunft. Wir sollten uns in der Jugendarbeit, aber auch darüber hinaus, als gute Begleiter:innen verstehen. An den Stellen, wo mehr Verzweiflung als Hoffnung da ist, Auftankorte anbieten, Menschen auch seelsorgerisch begleiten.

Was sind solche „Auftankorte“ ?

Während Corona gab es beispielsweise politische Online-Klima-Nachtgebete. Da kamen dann bis zu 2000 Leute zusammen, die wohl sonst wenig mit der Kirche am Hut haben. Im Gespräch habe ich gemerkt, wie wichtig es für viele war, dass sie zum Beispiel auch einmal klagen konnten, ohne dass jemand sagt, man müsse stark sein.

Weihnachten ist für viele ein Moment zum Innehalten. Wie kann das helfen, die Hoffnung nicht zu verlieren?

Ich schätze die Weihnachtszeit aus zwei Gründen: Es ist eigentlich ein großes Freuden-Fest, das wir im Christentum feiern. Christus ist in die Welt gekommen. Aber er kommt ganz anders, als man erwarten würde. Das ist schon auch eine Provokation – dass man sich auf etwas freut und dann kommt es ganz anders. Aber es ist zugleich auch die besondere Stärke dieses Festes, die uns letztlich Trost und Hoffnung gibt. Außerdem ist es eine Zeit, in der ich mit vielen Menschen zusammenkomme, die mir besonders wichtig sind. Wo ich meine Familie treffe und viele Freund:innen. Es ist gut, immer wieder neu zu erfahren, dass es Menschen gibt, bei denen ich mich zu Hause fühle. Auch das gehört für mich zu Weihnachten.

Interview: Friederike Meier

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