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9. August 1945: Drei Tage nach Hiroshima zünden die USA eine weitere Atombombe in Nagasaki.

Iran

Einzigartige Waffe, gefährliche Dynamik

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Der Konflikt um Irans Atomprogramm erinnert daran, dass bei Kernwaffen andere Gesetze gelten: Eine effektive Verteidigung gegen die „absolute Waffe“ ist unmöglich, sagt der Militärexperte Eric Chauvistré. Auch deshalb war Obamas Atomdeal mit dem Iran so notwendig wie gewagt.  

Kernwaffen sind einzigartig: Die politischen Anstrengungen gegen ihre globale Verbreitung deuten darauf hin, dass es dazu einen relativ breiten Konsens gibt. Worin genau diese Einzigartigkeit und besondere Qualität von Kernwaffen besteht, wird allerdings selten klar formuliert. Dabei hat die Frage nach den besonderen Charakteristika der Bombe konkrete Folgen für das Verhältnis von Kernwaffen und militärischen Interventionen – und damit auch für den Konflikt um das iranische Atomprogramm.

Die menschliche Fähigkeit zur militärischen Zerstörung ist bezogen auf die Anzahl eingesetzter Waffen über die Jahrhunderte exponentiell gestiegen. Auch zwischen Pfeil und Bogen, der Kanonenkugel und den Bomben des Zweiten Weltkriegs lagen mehrere Dimensionen. Mit der immensen Zerstörungskraft allein lässt sich eine neue Qualität der Kernwaffe daher nicht belegen – wohl aber an der mangelnden militärischen Fähigkeit, sich gegen den Einsatz dieser Waffe zu schützen. Bereits 1946 machte der US-Stratege Bernard Brodie die einzigartige Qualität der neuen Bombe an der Frage nach der Möglichkeit zu ihrer Abwehr fest.

Brodie sprach von der „absoluten Waffe“ – nicht, weil sie ihren Besitzern absolute militärische Macht geben würde, sondern weil er erkannte, dass gegen die Kernwaffe eine effektive Verteidigung unmöglich sein würde. Brodie untermauerte seine These mit der Studie eines Angriffes mit V1-Flugkörpern der deutschen Wehrmacht auf London, bei der das britische Abwehrsystem bestens funktionierte: Von den an dem ausgewählten Tag in Richtung London gesteuerten 101 Waffen wurden demnach 97 abgeschossen, eine Quote von rund 96 Prozent. Entscheidend dabei war, dass die Abwehr auch die Auswirkungen auf die Bevölkerung und ihr Umfeld um eben diese Quote reduzierte.

Würde exakt dasselbe Abwehrsystem, so Brodies Kernargument 1946, mit derselben, sehr hohen Trefferquote gegen atomar-bestückte Raketen eingesetzt, wäre das Ergebnis ein völlig anderes. Bestenfalls würde das System die Wahrscheinlichkeit der totalen Zerstörung einer Stadt erheblich reduzieren, nicht jedoch das Ausmaß ihrer Zerstörung. Was die Kernwaffe besonders macht, sei folglich die Annahme, dass eine geringe Wahrscheinlichkeit völliger Zerstörung einer Stadt politisch als ebenso inakzeptabel angesehen würde, wie eine hundertprozentig wahrscheinliche Zerstörung.

Eric Chauvistré ist Professor am Institut für Journalismus der Hochschule Magdeburg-Stendal und Ko-Autor der 2012 erschienenen Studie „Die Singuläre Waffe: Was bleibt vom Atomzeitalter?

Nur ein in allen Teilen und zu jeder Zeit verlässliches Abwehrsystem könnte das ändern. Diese notwendige absolute Verlässlichkeit aber wird kein Verteidigungssystem gegen atomar bestückte Raketen oder Flugzeuge jemals für sich in Anspruch nehmen können, unabhängig vom technischen Entwicklungsstand. Politische Entscheider müssten zudem – und das ist entscheidend – auch noch blindes Vertrauen in eben jene Technik haben. Das System müsste nicht nur absolut verlässlich sein, es müsste auch als absolut verlässlich wahrgenommen werden.

Militärische Institutionen beziehen ihre Legitimierung aus dem Anspruch, Schaden für die eigene Bevölkerung und ihr Umfeld abzuwehren. Oder diesen Schaden wenigstens zu minimieren. Macht eine Waffe diesen Anspruch unmöglich, geht das an die Grundlagen militärischer Identität und militärpolitischer Legitimität. Akzeptiert oder gar verinnerlicht wurde diese einzigartige Charakteristik der Kernwaffe deshalb nie.

Zum einen wurde die Doktrin der nuklearen Abschreckung entwickelt, die im Grunde besagte, dass ein Krieg gewonnen werden muss, bevor er beginnt – mit der Konsequenz permanenter militärischer Mobilisierung und einem Kernwaffenarsenal im ständigen Alarmzustand. Zum anderen wurden, unter wechselnden Namen, immer neue technische Programme zur Entwicklung vermeintlich effektiver Abwehrsysteme aufgelegt. Die mit der Kernwaffe verbundenen Kriegsszenarien bezogen sich dabei über Jahrzehnte auf eine Konkurrenz zwischen den großen Atommächten USA und Sowjetunion. Es war ein virtueller Krieg, für den immer wieder neue Szenarien entwickelt und neue Einsatzdoktrinen formuliert wurden, die nie einem Realitätscheck standhalten mussten.

Erst in den frühen 1990er Jahren setzten sich US-Militärplaner ernsthaft damit auseinander, wie die besondere Charakteristik von Kernwaffen die Invasionsfähigkeit der US-Streitkräfte generell verändert. Entscheidend dafür war der Golfkrieg 1991. Regierungsnahe Thinktanks befassten sich mit der Frage, wie Informationen über eine mögliche irakische Kernwaffe die US-Regierung in ihren Entscheidungen beeinflusst hätte. Das Ergebnis der theoretischen Planspiele war eindeutig: Hätten die US-Geheimdienste es für einigermaßen wahrscheinlich gehalten, dass der Irak auch nur über eine einzige Kernwaffe verfügte, wäre die US-Invasion gestoppt worden. Auch bei kleinsten Indizien für die Existenz einer irakischen Bombe hätte die US-Regierung nicht die Städte von Verbündeten oder US-Militärbasen in der Region dem Risiko völliger Zerstörung ausgesetzt.

Die Existenz einer Kernwaffe in den Händen eines potenziellen militärischen Gegners, so die unausgesprochene Erkenntnis, macht jedes Zählen von Kampfflugzeugen, Panzern und Truppenteilen ziemlich uninteressant – selbst für die ansonsten weit überlegenen US-Streitkräfte. Umgekehrt bedeutet dies: Für sich bedroht fühlende Regime wird die Beschaffung von Kernwaffen zum großen Gleichmacher – und damit militärisch höchst attraktiv.

Das US-Militär bekam in der Konsequenz den expliziten Auftrag, die Verbreitung von Kernwaffen im Zweifelsfall auch militärisch zu verhindern. Eine Doktrin mit einer potentiell riskanten Dynamik. Denn um ein Atomprogramm militärisch beenden oder eindämmen zu können, müsste interveniert werden, bevor der betreffende Staat mit der Beschaffung von Kernwaffen erfolgreich ist – also möglichst frühzeitig. Diese ständige militärische Bedrohung stärkt aber wiederum die Motivation bei den betroffenen Regimen, möglichst schnell in den Besitz der „absoluten Waffe“ zu gelangen, um einer militärischen Intervention zuvorzukommen.

Das Atomabkommen mit dem Iran war der Versuch, genau dieser fatalen Dynamik zu entgehen, indem es auf wirtschaftliche Integration und auf weitgehende Transparenz setzte – und nicht auf militärische Drohungen.

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