Großbritannien

„Einwanderer machen Britannien groß“

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Er war fünf, als seine Eltern mit ihm Somalia verließen – jetzt vertritt Magid Magid die britischen Grünen in Europa.

Seine Zeit ist dieser Tage noch knapper als zuvor. Gerade erst hat Magid Magid sein Ehrenamt als Bürgermeister von Sheffield aufgegeben, der im englischen Kommunalsystem für jeweils ein Jahr unter den gewählten Stadträten rotiert. Und schon steht ihm eine neue Aufgabe ins Haus, diesmal von unklarer Dauer: Der 29-Jährige aus Somalia zieht für die britischen Grünen ins Europaparlament ein. Seine Botschaft für die Nationalisten und Rechtspopulisten Europas ist eindeutig: „Es wird euch nicht gelingen, uns gegeneinander aufzuhetzen.“

Fröhlich springt Magid in Doc-Martens-Stiefeln und einen T-Shirt mit der Aufschrift „Immigranten machen Britannien groß“ durch seine Heimatstadt, der er zum Abschied aus dem Rathaus eine rührende Eloge gewidmet hat. Sheffield sei viel mehr als die Kulisse für den Film „The Full Monty“ (Ganz oder gar nicht), die Herkunftsgemeinde berühmter Musiker wie Pulp oder Arctic Monkeys, die Stadt des gerade endlich wieder aufgestiegenen Fußballklubs Sheffield United. Magid schwärmt vom „inneren Reichtum und äußerer Freundlichkeit“ seiner Mitbürger – er muss es wissen, er ist ein Newcomer.

Magid Magid, 29, ist Meeresbiologe und seit fünf Jahren bei den Grünen. Vor seinem Sprung ins EU-Parlament war er ehrenamtlicher Bügermeister im nordbritischen Sheffield.

Mit der Familie floh der Fünfjährige 1994 vor dem Bürgerkrieg in Somalia zunächst nach Äthiopien, erhielt dann Asyl in Großbritannien. Ein innerstädtischer Bezirk von Sheffield in Yorkshire, das bedeutete damals gewiss kein Zuckerschlecken für Magids Mutter, die sich als Putzfrau durchschlug, und ihre sechs Kinder, die allesamt kein Englisch sprachen. In den Jahren, in denen Magid aufwuchs, machte Sheffield den schwierigen Wandel durch von einer heruntergekommenen Industriestadt, schwer beschädigt durch die Schließung von Kohlezechen und Stahlwerken, zum heutigen High-Tech-Cluster mit hochmodernen Spezialstahl-Unternehmen, angetrieben von der international renommierten Universität.

Dass ein mittelloser Flüchtling ohne Vater oder sonstige Verwandtschaftshilfe, nur gestützt auf den Fleiß der Mutter, die höhere Schule und ein Studium der Meeresbiologie absolviert, ist allein schon eine Erfolgsgeschichte. Sein politisches Interesse führte Magid vor fünf Jahren zu den Grünen, die in Großbritannien lang ein Schattendasein führten.

Bei Wahlen fürs Unterhaus, aber auch für die Kommunalparlamente steht allen kleinen Parteien das Mehrheitswahlrecht im Weg: Gewählt wird die Vertreterin der größten Partei, alle anderen Stimmen fallen unter den Tisch. Den Grünen machte seit den 1990er Jahren zudem die Profilierung der traditionell als dritte politische Kraft fungierenden Liberaldemokraten als Partei des Umweltschutzes und der Menschenrechte zu schaffen. Dass die Lib-Dems 2010 in die Koalition mit den Konservativen eintraten und alte Versprechen wie die Abschaffung der Studiengebühren vergaßen, gab den Grünen dann Auftrieb.

Zwar sitzt die langjährige frühere Parteichefin Caroline Lucas noch immer allein im Unterhaus, in den Kommunalparlamenten aber gibt es mittlerweile immerhin einige Dutzend Grüne. Magid schaffte 2016 auf Anhieb die Wahl in einem der reicheren Bezirke Sheffields – sein Sprungbrett für die Europawahl, bei der auch in Großbritannien das Verhältniswahlrecht gilt, weshalb schon seit 20 Jahren stets mindestens zwei englische Grüne in Brüssel mitmischen durften.

Diesmal haben es fünf Frauen und zwei Männer geschafft, Magid ist bei weitem der Jüngste und der erste aus dem Norden Englands. Allein in seiner Heimatstadt wählte ein Viertel die Partei – „Sheffield, ich liebe Dich“ lautete Magids fröhliche Antwort. In Brüssel setzt er auf die klassischen Umweltthemen, will mit der größer gewordenen Fraktion vor allem gegen Luftverschmutzung und Schiefergas-Gewinnung, für bessere Wärmedämmung eintreten.

Und der Brexit? Die zwölf Prozent für die Grünen waren auch der Abkehr vieler traditioneller Labour- und mancher Tory-Wähler von den Großparteien zu verdanken, die eine unklare Linie vertraten. Die Grünen lehnen den Brexit ab, wollen „in Europa bleiben und es verändern“, wie Magid im Wahlkampf zu sagen pflegte. Da klingt der charismatische junge Mann wie ein ganz alter Polit-Hase.

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