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Eine Sonderbriefmarke zur Integration von Migranten aus der Sicht der Jugendlichen zeigt ein Kleidungsstück mit Bekenntnisaufdrucken.

Die Einwanderer brauchen eine Chance

Gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus / Ein Memorandum der Stiftung Zentrum für TürkeistudienÜber Integration wird derzeit immer dann geredet, wenn Einwanderern mangelne Anpassung vorgeworfen wird. Solch einseitige Kritik leistet Rassismus Vorschub. Die Mehrheitsgesellschaft sollte sich an die eigene Nase fassen und die Ursachen von Fremdenfeindlichkeit bekämpfen.

Die aktuelle Debatte um Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland resultiert auf politischer Ebene aus Handlungskonzepten, die im Sinne einer "urgent action" die extremistischen, sich in Gewalttaten äußernden Übergriffe insbesondere jugendlicher Rechtsextremisten auf gesellschaftliche Randgruppen in den Mittelpunkt stellen. Ebenso notwendig ist jedoch, sich auf die gesellschaftlichen Wurzeln von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit zu besinnen, die das Wachsen rechter Gewalt erst ermöglichen und entsprechende Präventionsmaßnahen zu verstärken. Deutschland braucht ein offeneres Eintreten von Gesellschaft und Politik für kulturelle Pluralität, wenn das Land das Problem des Rechtsextremismus und der Fremdenfeindlichkeit mittel- und langfristig in den Griff bekommen will.

Signalwirkung rassistischer Gewalt

Immer wieder in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland gab es fremdenfeindliche Übergriffe, und das auch in Zeiten geringerer medialer Aufmerksamkeit. Noch immer stehen zwei Anschläge - Mölln 1992 und Solingen 1993 - für die Ablehnung "Fremder" in der jüngeren Geschichte der Bundesrepublik. Die Opfer waren nicht als Individuen Ziele mörderischer Gewalt, sondern als Stellvertreter einer ganzen Bevölkerungsgruppe gemeint.

Die besondere Schwere rassistischer Gewalt ergibt sich aus ihrer Signalwirkung - nicht nur Leben und körperlicher Unversehrtheit der unmittelbaren Opfer werden angegriffen, sondern ihre Identität. Solche Übergriffe haben infolgedessen nicht nur Auswirkungen auf die direkt Betroffenen, sondern wirken sich auch auf das Leben aller anderen Angehörigen dieser Gruppe aus, indem deutlich wird, dass sie nicht als Teil der Gesellschaft akzeptiert sind - unabhängig von der individuellen Lebenssituation und -gestaltung.

In diesem Zusammenhang besitzt der Rassismus als eine Form der Fremdenfeindlichkeit in seiner menschenverachtenden Konsequenz - die sich im Antisemitismus in Deutschland in seiner schrecklichsten Dimension zeigte - noch immer eine Alleinstellung. Durch Rassismus wird dem Individuum keine Möglichkeit gelassen, durch Akkulturations- und sonstige Anpassungsleistungen dem Angriff auf seine Gruppe zu entgehen.

Fremdenfeindlichkeit im Allgemeinen richtet sich gegen diejenigen, die trotz ihres Lebens in Deutschland eine kulturelle oder religiöse Differenz aufrechterhalten. Die gerade in jüngster Zeit geführte Integrationsdebatte, die sich sehr einseitig auf Forderungen nach mehr Anpassung und den vermeintlich fehlenden Anpassungswillen der Zuwanderer konzentrierte, impliziert "Fremdes" und "Anderes" als eine Gefahr für die Gesellschaft. Damit ist mittelbar auch ein Beitrag zur Legitimation von Fremdenfeindlichkeit geleistet worden.

In dieser Diskussion werden die bereits geleistete Anpassung der Zuwanderer völlig unterschätzt und Fälle fehlgeschlagener Integration der Anpassungsunwilligkeit der "Fremden" zugeschrieben.

Große Anpassungsleistungen

Die Maßstäbe zur Bewertung der Akkulturationsleistungen von Migranten scheinen dabei durcheinander zu geraten. Die Herausforderungen der Migration können nur schwer von Außen ermessen werden. Unter dem Strich erbringen die Zuwanderer große Integrationsleistungen. Hier wird mit zweierlei Maß gemessen: Als Zeichen der Abschottung innerhalb der eigenen Ethnie gilt, wenn - wie empirische Studien zeigen - "nur" die Hälfte der türkeistämmigen Menschen in Deutschland freundschaftliche Beziehungen zu Deutschen unterhalten. Aber wie viele Deutsche können Türken in ih-rem Freundeskreis aufweisen? Die Klage, die Integration insbesondere der türkeistämmigen Zuwanderer sei unzureichend, obwohl sie seit über vierzig Jahren in Deutschland ansässig sind, ist wenig stichhaltig. Die eher mäßige Akkulturation der Zuwanderer der ersten Generation, hat ihre Ursache in der Fokussierung der Zuwanderung auf die Erwerbsarbeit in Deutschland. Daneben blieb nur wenig Raum für das Erlernen der deutschen Sprache und die Annäherung an die deutsche Umgebung. Darüber hinaus bestand weder bei den Migranten noch bei der Mehrheitsgesellschaft aufgrund des vermeintlich kurzzeitigen Aufenthalts der Anspruch auf irgendeine Art der Integration. Dennoch reichte die Anpassung auch dieser ersten Gruppe aus, um sich reibungslose in die Wirtschaft zu integrieren - zumindest, so lange es entsprechende Industriearbeitplätze gab.

Die Integrationsbilanz der Kinder der ersten Zuwanderergeneration ist schon deutlich besser als noch bei den Eltern, obwohl sie wesentlich heterogener ist. In den Alterskohorten der zweiten Generation finden sich allerdings auch in großer Zahl Heiratsmigranten und Individuen mit aufgrund von Pendelmigration kurzen Aufenthaltszeiten in Deutschland und entsprechend geringeren Akkulturationsleistungen, die aber eben angesichts der Rahmenbedingungen auch nicht zu erwarten sind.

Chancengleichheit ist wichtig

Neben dem "Wie?" des Zusammenlebens hat Integration grundsätzlich eine weitere, viel wichtigere Dimension: die Frage der Chancengleichheit. Beide Dimensionen stehen im Zusammenhang, ohne dass die eine die andere garantieren würde. Die enge Anbindung an die Aufnahmegesellschaft, Akkulturationsleistungen und rege Kontakte sind längst keine Garantie für Chancengleichheit. Betrachtet man die Integrationsbilanz vieler Zuwandererfamilien, die mitunter bereits in dritter Generation bei uns leben, sieht man dies überdeutlich. Obwohl die Kinder und Enkel die deutsche Sprache gelernt, das deutsche Schulsystem durchlaufen und in Deutschland auch emotional eine Heimat gefunden haben, ist ihre wirtschaftliche und gesellschaftliche Teilhabe weit unterdurchschnittlich.

Integration muss sich lohnen

Assimilation und Anpassung schlägt sich für viele nicht in einer angemessenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Platzierung nieder. Sicher ist dies auch eine Folge der derzeitigen wirtschaftlichen Situation, jedoch auch gepaart mit weiteren, in der Mehrheitsgesellschaft vorhandenen Exklusionsmechanismen. So haben nicht deutschstämmige Akademiker, die zweifelsohne alle Integrationsvorleistungen erfüllen, beim Zugang zu einem adäquaten Beruf erheblich größere Schwierigkeiten als ihre deutschen Kommilitonen. Die Diskussion um vermeintliche "Parallelgesellschaften" geht damit am Kern der Integrationsaufgaben vorbei. Angesichts der weitgehenden wirtschaftlichen Exklusion vieler Migranten ist es sogar erstaunlich, dass die segregierenden Strukturen nicht viel ausgeprägter sind und die Migranten stattdessen noch in so hohem Maße Akkulturations-, Interaktions- und Identifikationsleistungen erbringen.

Wenn sich eine ausgewogene Sichtweise auf die Integrationsleistungen der Migranten in Zukunft stärker durchsetzt, kann fremdenfeindlichem und rassistischem Gedankengut besser der Nährboden entzogen werden. Nicht die Herkunft der Schüler der Rütli-Schule ist ein Problem, sondern ihre Perspektivlosigkeit.

In der deutschen Bevölkerung, so zeigen Umfrageergebnisse, nimmt die Ablehnung der islamischen Kultur immer stärker zu. Der Islam ist seit dem Ende des Kalten Krieges und noch mehr seit dem 11. September 2001 zum neuen Feindbild geworden. In den Medien wird über den Islam immer häufiger im Zusammenhang mit Terrorismus und Bedrohungsszenarien berichtet, er wird als fremd und gefährlich dargestellt.

Die Muslime selbst kommen in den Medien indessen kaum zu Wort. Die Themen des deutsch-muslimischen Dialogs werden von der Mehrheitsgesellschaft diktiert, in der Regel findet er dann statt, wenn von den Muslimen und ihren Organisationen Abgrenzung von Ehrenmorden, Zwangsheirat, Terrorismus, innerfamiliärer Gewalt etc. gefordert wird. Den Organisationen, die personell und finanziell häufig überfordert sind, wird damit die Möglichkeit einer konstruktiven, internen Auseinandersetzung mit dem Islam und den Glaubensinhalten entzogen. Damit steigt Entfremdung und der Ausschluss der Muslime und kann als Gegenreaktion zu einer Überbetonung der religiösen Identität führen.

Obwohl Muslime seit über vierzig Jahren in Deutschland leben, ist ihr Glauben fremd und unbekannt, nicht zuletzt, weil man wenig Kontakt zu Muslimen hat.

Muslime gehören zur Gesellschaft

Eine sich selbst pluralistisch definierende Gesellschaft muss die Muslime als Bestandteil akzeptieren und anerkennen.

In dem Maße, in dem Kritik am Islam und an den Muslimen in den letzten Jahren gewachsen ist, hat die Selbstkritik der deutschen Gesellschaft hinsichtlich der Versäumnisse der Integrationspolitik abgenommen. Damit wird die Verantwortung für Desintegration weiter auf die Zuwanderercommunity verlagert. Damit drohen Maßnahmen zur Verbesserung der gesellschaftlichen Chancengleichheit durch (ungerechtfertigte) Schuldzuweisungen verdrängt zu werden.

Diese Entwicklung ist allerdings nicht gleichbedeutend mit der Entstehung einer Islamphobie auf breiter Front im Sinne einer neuen Form der Menschen- oder Fremdenfeindlichkeit. Denn die Ablehnung der Religion hat bisher in Deutschland noch nicht auf breiter Front zu einer Ablehnung der Muslime geführt - noch scheint das Zusammenleben zwar fragil, aber im Alltag noch von individuellem Respekt geprägt. Die zukünftige Entstehung von Islamphobie in Deutschland wird stark davon abhän-gen, inwiefern es den islamischen Organisationen in Deutschland gelingt und sie befähigt werden, aktiv und konstruktiv an der gesellschaftlichen Entwicklung teilzuhaben.

Aggressives Verhalten und Vorurteile werden bereits vom Kindesalter an gelernt, verfestigt und weiten sich dann aus, wenn keine zielgerichteten Reaktionen bzw. Korrekturen erfolgen. Daher ist mit Blick auf die deutsche Gesellschaft frühzeitiges pädagogisches Handeln erforderlich. Weiterhin sind Präventionsprogramme dann besonders erfolgreich, wenn sie sich an mehrere Systeme (Familie, Schule etc.) gleichzeitig richten, verschiedene Dienste integrieren (Jugendamt, Schule, offene Jugendarbeit etc.) und auf eine lange Dauer angelegt sind. In Deutschland wie im internationalen Kontext existieren eine Reihe als wirksam evaluierter Programme, die ausgehend von allen Schulformen in den Bundesländern implementiert werden könnten. Zusammen mit einer Veränderung des gesellschaftlichen Diskurses über "Fremde" könnten Rassismus und Fremdenfeindlichkeit auf diese Weise langfristig bekämpft werden.

Bei der Regelung der Zuwanderung nach Deutschland muss nicht nur die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit von Zuwanderern bedacht werden. Es wäre notwendig gewesen, an selber Stelle die Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit in der deutschen Gesellschaft zu regeln und entsprechende Maßnahmen gesetzlich vorzusehen.

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