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Ein malischer Soldat in Konna (680 Kilometer nördlich von Bamako) fordert Journalisten auf, sich zurückzuziehen.

Pressefreiheit

Einschusslöcher in zerstörten Autos

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Kriegsberichterstatter jagen in Mali dem besten Bild, der interessantesten Geschichte hinterher. Unterstützt werden sie von Behörden und der Armee kaum. Manchmal hilft nur ein Anruf im Ministerium.

Kriegsberichterstatter jagen in Mali dem besten Bild, der interessantesten Geschichte hinterher. Unterstützt werden sie von Behörden und der Armee kaum. Manchmal hilft nur ein Anruf im Ministerium.

"Lindsey!" brüllt einer fassungslos, den Blick auf den Browser geheftet, „Lindsey ist in Gao!“ Tatsächlich: Lindsey Hilsum vom britischen Channel 4 hat – auf der Ladefläche eines malischen Armee-Pick-up – Gao genommen. Sie zeigt live den Jubel frisch befreiter Menschen. Die Horde der Kriegsreporter im Innenhof des Hotel Flandre in Sévaré guckt ein wenig säuerlich. Hier, etwa 600 Kilometer vom Schauplatz entfernt, gibt es gar nichts Tolles zu vermelden.

Es ist die Jagd nach dem krassesten Bild, der packendsten Geschichte, der lautesten Eilmeldung. Kriegsberichterstattung ist ein absurdes Geschäft. Hier in Mali wird sie zum Geduldsspiel. Schon der Weg durch den Süden des Landes ist mit Checkpoints gespickt, bemannt mit Gendarmen und Soldaten, die verbeulte Tonnen auf der Straße hin und herschieben wie beim Mühlespiel. Man muss immer wieder lächeln, Dokumente zeigen, geduldig sein. Im passenden Augenblick einen Witz reißen.

Im Norden dann ist oft tagelang gar kein Durchkommen. Hundert hungrige Teams sind auf der Jagd: Reporter, Kameraleute, Producer, Fotografen, Fahrer, Fixer, Übersetzer stehen in schweren Geländewagen vor Sperren, die sich nicht öffnen wollen. „Das geschieht zu Ihrer Sicherheit“, sagen die malischen Soldaten. Die Franzosen mauern ebenso. Selbst die paar Journalisten, die beim Militär „eingebettet“ sind, klagen, sie bekämen kaum etwas zu sehen. „Das ist ein Krieg ohne Bilder und Fakten“, schreibt ein Kollege von der französischen Zeitung Nouvel Observateur.

Näher als hundert Kilometer kommt kein Journalist an die Frontlinie heran. Wer sich nicht an die Spielregeln hält, müsse mit empfindlichen Strafen rechnen, drohte das örtliche Kommunikationsministerium bereits am 12. Januar, als der Ausnahmezustand in Mali verhängt wurde. Die Journalisten-Organisation „Reporter ohne Grenzen“ hat die Informationspolitik in den vergangenen Tagen mehrfach kritisiert und freien Zugang für Journalisten gefordert. Nur so seien die Berichterstatter unabhängig von den Verlautbarungen des Militärs und der französischen Regierung. Doch ohne Erfolg: Der französische Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian erklärte lediglich: „Wir schicken jeden Tag Fotos und Informationen an die Medien.“

Kampf um die besten Kontakte

Letzte Woche, erzählt ein verzweifelter Italiener, habe er einem Offizier die verlangten 300 Euro gezahlt – damit sein Geländewagen in einen Konvoi gen Norden kommt. Der Konvoi kam nie zustande. Dafür ein TV-Interview mit dem Kommandanten, der die schönen Worte sprach: „Gefangene? Machen wir nicht!“

„Die Konkurrenz ist scharf“, ächzt Kolja, ein Producer des russischen Sender NTV, und stürzt noch ein Bier herunter. „Jeder will die besten Kontakte, Storys, Bilder.“ Stolz zählt er seine „Hotspots“ auf, Orte, aus denen er schon berichtet hat – Algerien, Syrien, Somalia, Sudan. Gestern vor Konna, sagt er, drängelten wieder 20 Teams am Checkpoint. Wie so oft brachten die Franzosen die Rettung. Der Sender Antenne 2 kontaktierte die Militärs seiner Grande Nation. Die riefen Malis Verteidigungsminister an. Der seinen Mannen schließlich Order gab, die Reporter ein paar Kilometer vorzulassen. An den Ort des Geschehens von Vorgestern. „Und dann stolpern alle übereinander, um Einschusslöcher und kaputte Autos zu filmen“, sagt Kolja und bringt seine Zigarette zum Glühen. „Und vielleicht ein paar Menschen zu interviewen.“ „Das ist“, ruft der schlaksige Kollege vom britischen Guardian, „als würde man über einen Krieg in Albanien von Berlin aus berichten. In Birmingham sehe ich mehr Kämpfe als hier“.

Auch im Hotel Kanaga in Mopti, an der Uferpromenade des Niger, die sich so prächtig für TV-Aufsager eignet, campieren kriegsgestählte Reportern. Neben dem Pool dröhnt eine mobile Satellitenanlage, die Fernsehbilder live in den Himmel beamen kann. „Ich habe hier sehr schöne Gänse“, brummt ein norwegischer Fotograf, der an seinem Computer die Bildbeute des Tages durchforstet, „vor einem schrottigen Motorrad.“

Wie geht es nach Timbuktu?

Jetzt, wir wissen es alle, ist Timbuktu dran. Doch wie nach Timbuktu kommen? In Grüppchen werden die Optionen debattiert, Karten hervorgekramt. Per Schiff? Oder besser über die Ostroute? Oder zurück über Segou, dann hoch über Diabaly? Das ist am Ende eine Wüstenpiste. Schlimmer noch: Sie läuft an der mauretanischen Grenze entlang. Just dort könnten Islamisten darauf lauern, ihre Kriegskasse mit ein paar Geiseln aufzufüllen. „Ich hab hier einen Gecko“, ruft der norwegische Fotograf, weiter in seine Bilder vertieft.

„Timbuktu“, findet ein Brite, „ist ein feuchter Traum. Und alle fragen sich: Wer ist der erste dort? Wann bin ich dort?“ Die Runde nickt. Timbuktu, die Story schlechthin, der magische Ort, den jeder kennt. Irgendwie. „Ich bin doch hier nicht tagelang rumgefahren, um dann nicht anzukommen“, flucht ein US-Amerikaner. Morgen wollen alle weiter, irgendwohin, irgendwie. „Hier ist eine Fliege auf dem Foto“, ruft der Norweger.

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