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Sanitäter über Einsatz in Lützerath: „Polizei ist sehr brutal vorgegangen“

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Von: Lucas Maier

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Bei der Großdemonstration bei Lützerath ist es am Samstag (14. Januar) zu einer hohen Zahl an Verletzten gekommen. Peer Vlatten, Arzt und Sanitäter, beschreibt die Situation.

Lützerath – Die Räumung des von Klimaaktivist:innen besetzten Dorfes Lützerath im rheinischen Kohlerevier wurde von massiven Protesten begleitet. Am Samstag (14. Januar) protestierten rund 35.000 Menschen in der Nähe des Tagebaus Garzweiler für mehr Klimaschutz, für den Kohleausstieg und den Erhalt der Dörfer im Kohlerevier.

Dabei gerieten Aktivist:innen und Polizei an vielen Stellen aneinander. Klima-Aktivist:innen sollen schwere und teils lebensgefährliche Verletzungen erlitten haben. Die Polizei verteidigt unterdessen ihr Vorgehen bei der Großdemonstration. Wir haben bei einem Sanitäter nachgefragt, der vor Ort im Einsatz war.

Herr Vlatten, Sie waren am 14. Januar im Kontext der Großdemonstration nahe Lützerath im Einsatz. Was waren dort Ihre Aufgaben?

Wir waren mit insgesamt acht Kräften der Sanitätsgruppe Süd-West im Einsatz. Gemeinsam mit anderen ehrenamtlichen Sanitätsstrukturen haben wir die medizinische Versorgung vor Ort gewährleistet. Unser Aufgabenschwerpunkt lag an diesem Tag bei der sogenannten Verletztenablage. Also genau dort, wo die Verletzten als erstes hingebracht werden, wenn mehr als eine reine Erstversorgung erforderlich ist.

Im Nachhinein wurde von Aktivist:innen mitgeteilt, dass es zu vielen, teils schweren Verletzungen von Personen gekommen sein soll. Wie hat sich das Geschehen aus Ihrer Sicht dargestellt? 

Wir hatten eine Vielzahl an Verletzten zu behandeln. Genaue Zahlen kann ich an dieser Stelle leider nicht nennen, da verschiedene Teams im Einsatz waren. Unsere Teams behandelten eine mittlere zweistellige Zahl Verletzter, sodass insgesamt schätzungsweise von einer dreistelligen Anzahl ausgegangen werden kann. Das kann man schon als eine hohe Zahl Verletzter bezeichnen.

Den Verletzungen nach zu urteilen, ist die Polizei sehr brutal vorgegangen. Viele der Kopfverletzungen scheinen durch Schläge mit dem Schlagstock verursacht worden zu sein. Das hätte alles nicht so sein müssen.

Sanitäter:innen bei Demonstrationen: Bei Protesten in Lützerath hatten sie alle Hände voll zu tun.
Sanitäter:innen bei Demonstrationen: Bei Protesten in Lützerath hatten sie alle Hände voll zu tun. (Archivbild) © Sanitätsgruppe Süd-West

Polizeigewalt in Lützerath: Auffällig viele Kopfverletzungen

Welche Verletzungen mussten Sie an diesem Tag vor allem behandeln?

Es kam in erster Linie zu Verletzungen in Folge von stumpfer Gewalteinwirkung und durch den Einsatz von Pfefferspray. Hier sticht vor allem die überwiegende Zahl an Kopfverletzungen heraus. Oft kommen viele Verletzungen durch Pfefferspray zustande, was dem Streufaktor des Reizstoffes geschuldet ist. Hier war es aber anders.

In direkter Behandlung hatten unsere Teams an diesem Tag keine Person, bei der von einer lebensbedrohlichen Verletzung ausgegangen werden musste. Abschießend lässt sich das jedoch erst im Krankenhaus endgültig untersuchen.

Zuvor hatten Sie bereits gesagt, „das hätte alles nicht so sein müssen“. Was meinen Sie, bezogen auf Lüzerath, damit?

Stumpfe Gewalteinwirkung auf den Kopf kann schwere Verletzungen zur Folge haben. Für die Polizist:innen ist es sehr schwierig zu kalkulieren, wie schwer die Verletzungen in Folge eines Schlages auf Kopfhöhe sein werden. Aus diesen Gründen sehen die Vorgaben der Polizei auch vor, dass nicht auf den Kopf geschlagen werden sollte.

Deswegen stellt sich hier schon die Frage, wie es zu einer derart hohen Zahl an Kopfverletzungen kommen konnte. So ein Schlag mit dem Schlagstock auf den Kopf kann im schlimmsten Fall ein schweres Schädelhirntrauma oder einen Schädelbasisbruch zur Folge haben. Bei Einsätzen in der Vergangenheit haben wir solche schweren Verletzungen bereits erlebt - bei diesem Einsatz glücklicherweise nicht.

Demonstranten und Polizeikräfte treffen bei der Räumung des Dorfes Lützerath aufeinander.
Demonstranten und Polizeikräfte treffen bei der Räumung des Dorfes Lützerath aufeinander. © Oliver Berg/dpa

Zur Person

Peer Vlatten ist einer der Vereinsvorstände der Sanitätsgruppe Süd-West. Von Beruf ist er Arzt und bereits seit über zehn Jahren als Sanitäter aktiv. Ehrenamtlich ist Vlatten mit der Sanitätsgruppe Süd-West auch immer wieder bei Demonstrationen im Einsatz.

Protest in Lützerath: Kein G20-Gipfel in Hamburg – Aber kein normales Einsatzgeschehen

Eure Sanitätsgruppe ist derzeit die älteste bestehende ehrenamtliche Gruppe, die sich unter anderem auf Demonstrationen spezialisiert hat. Wie würden Sie die Lage im Vergleich zu vergangenen Protesten einordnen?

In Deutschland haben wir bereits Ereignisse betreut, die weitaus schlimmer waren. Die Situation ist beispielsweise nicht mit der Einsatzlage rund um den G20-Protest in Hamburg 2017 zu vergleichen. Allerdings muss gesagt werden, dass die Anzahl der Verletzten und die hohe Anzahl von Kopfverletzungen kein normales Einsatzgeschehen darstellt.

Im Netz kursierten in den letzten Tagen auch Vorwürfe, dass die Polizei die Behandlung von Patient:innen behindert haben soll. Ist Ihnen ein solcher Fall aus Ihrem Team bekannt?

Bei unserem Einsatz gab es keinerlei Behinderungen durch die Polizei. Die Beamt:innen hielten sich auch an ärztliche Einschätzungen. Allgemein werden wir in der Regel nicht von Beamt:innen bei unserer Arbeit behindert. Natürlich kann ich hier nur über unsere Erlebnisse sprechen. Leider kommen ab und zu durchaus Behinderungen vor, sodass die berichteten Fälle realistisch sind.

Zum Abschluss: Worin unterscheidet sich Ihre Sanitätsstruktur vom staatlichen Rettungsdienst?

Für Veranstaltungen wie beispielsweise Volksfeste oder Konzerte müssen die Veranstaltenden selbst die notwendige medizinische Versorgung gewährleisten. Bei Demonstrationen gibt es hierzu zwar keine Vorschrift, aber dennoch ist oftmals eine Absicherung durch Sanitäter:innen vor Ort erforderlich. Und zwar nicht nur aufgrund von Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrationsteilnehmenden, sondern oft auch aufgrund von Hitze oder anderen Einflüssen.

Wir als Sanitätsgruppe Süd-West arbeiten seit dem Jahr 1997 auf ehrenamtlicher Basis, um Demonstrationen sicherer zu machen und nicht kommerzielle Kultur zu fördern. Zudem bringen wir aufgrund unserer langjährigen Erfahrung, eine gewisse Expertise für solche Einsatzlagen mit, ebenso wie das notwendige Equipment. Besonderen Fokus legen wir auf den Datenschutz und die Schweigepflicht. Hinzu kommt noch, dass die Kapazitäten im medizinischen Bereich momentan generell sehr gering sind und politische Strukturen in der Regel nicht die finanziellen Mittel haben, teuer einen Sanitätsdienst einzukaufen.

(Interview: Lucas Maier)

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