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Einmal Mao und zurück

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A giant statue of former Communist Party chairman Mao Zedong is seen behind a red wall at the campus of Fudan University in Shanghai June 4, 2009. Two decades ago, China's youth were at the forefront of a movement to bring democracy to the world's most populous nation in demonstrations bloodily put down around Beijing's central Tiananmen Square on June 4, 1989. Today, after years of breakneck economic growth, the young are more pro-government, more suspicious of the West, and genuinely proud of China's achievements, such as the Beijing Olympics, making a repeat of June 4 unlikely.   REUTERS/ Nir Elias (CHINA ANNIVERSARY POLITICS) - RTR2499O
A giant statue of former Communist Party chairman Mao Zedong is seen behind a red wall at the campus of Fudan University in Shanghai June 4, 2009. Two decades ago, China's youth were at the forefront of a movement to bring democracy to the world's most populous nation in demonstrations bloodily put down around Beijing's central Tiananmen Square on June 4, 1989. Today, after years of breakneck economic growth, the young are more pro-government, more suspicious of the West, and genuinely proud of China's achievements, such as the Beijing Olympics, making a repeat of June 4 unlikely. REUTERS/ Nir Elias (CHINA ANNIVERSARY POLITICS) - RTR2499O © © Nir Elias / Reuters (X90070)

Fünfzig Jahre nach der Kulturrevolution in China: Für viele deutsche Linke war das Polit-Experiment eines Mao Zedongs ein fatales Vorbild. Auch Winfried Kretschmann glaubte an seine Lehren, heute jedoch hält er den Maoismus für eine ideologische Verirrung.

Von Finn Mayer-Kuckuk

Was hat Winfried Kretschmann mit Wang Keming gemeinsam? Beide glaubten Anfang der 70er-Jahre an die Lehren Mao Zedongs. Und beide, der Schwabe und der Chinese, halten den Maoismus heute für eine ideologische Verirrung. Gründlich aufgearbeitet ist der Maoismus jedoch weder hier noch dort. In Wangs Heimatland regiert heute noch die gleiche Kommunistische Partei wie damals. Jedes politische Engagement außerhalb ihrer eng gesteckten ideologischen Grenzen ist gefährlich. Kretschmann ist dagegen als erster grüner Ministerpräsident eine gestaltende Kraft in Deutschland.

Die zweite Hälfte der Sechziger- und die erste Hälfte der Siebzigerjahre waren weltweit eine aufgewühlte Zeit. Autoritäten jeder Art standen in Frage; es fielen Denkverbote, die zum Teil seit Jahrhunderten bestanden hatten. Zugleich gingen – gerade in China – kulturelle Werte verloren. Trotz aller Unterschiede im geschichtlichen Umfeld gibt es dabei erhebliche Berührungspunkte.

In Deutschland kochten die Ressentiments der jungen Generation gegen die tonangebende Schicht der Bundesrepublik über. Auf der Suche nach einer besseren Gegenwelt blickten politisch Interessierte nach Ostasien. Dort tobte, losgetreten von Mao, die „Große Proletarische Kulturrevolution“, eines der radikalsten politischen Experimente der Menschheitsgeschichte. Der Beginn der Kulturrevolution jährt sich in diesen Tagen zum fünfzigsten Mal. Ihre Folgen sind heute noch aktuell – in Chinas Alltag ebenso wie im deutschen Politikbetrieb.

Die Kulturrevolution sollte alles „Alte“ hinwegfegen: überkommene Denkweisen, die traditionelle Kultur, veraltete Gewohnheiten, die überlieferten Sitten. Die Jugend müsse die Engstirnigkeit und den Muff der Elterngeneration ausrotten, wenn nötig mit Gewalt, rief ihnen Mao zu. Die Teenager versammelten sich im Sommer 1966 zu Hunderttausenden auf dem Platz des Himmlischen Friedens, und Mao sprach vom Balkon des Tores zur Verbotenen Stadt zu ihnen. Sie nannten sich die „Roten Garden“ und schwenkten begeistert das Kleine Rote Buch mit Maos Sinnsprüchen. Der Große Vorsitzende gab den Jugendlichen den Auftrag, die Revolution mit allen Mitteln durchzusetzen.

Unter linken Studenten in Deutschland kamen die Ideen aus Fernost gut an. Es wusste zwar kaum jemand, was in China wirklich passierte, aber das machte das kommunistische Land zur idealen Projektionsfläche für Wunschvorstellungen von einer besseren Gesellschaft. Heute wissen wir viel mehr über das, was wirklich geschah. Das verdanken wir Augenzeugen wie Wang Keming, der damals als „Rote Garde“ Feuer und Flamme war für den Kampf gegen „Revisionisten“.

Was Linke weltweit für ein Vorbild hielten, war eine Kampagne des Schreckens. „Von dem Werteverlust hat China sich bis heute nicht erholt“, sagt Wang. Der blitzgescheite Akademiker und Journalist beklagt den Rückfall seiner Generation in die Barbarei. Dabei war Maos Grundgedanke gar nicht so falsch. Für eine echte Modernisierung musste das Land sich von den Denkmustern der Kaiserzeit lösen. Die meisten Chinesen dachten weiterhin vor allem an Vorteile für ihre eigene Familie. Nach der Schaffung eines neuen politischen Systems sollte nun die Umwälzung in den Köpfen beginnen.

Jungen Linken in Deutschland leuchtete das sofort ein. Auch sie sahen sich in Konfrontation mit einem verkrusteten Establishment: das Führungspersonal ihres Landes war zum Teil aus der Nazizeit übernommen. Ob an den Schulen, in den Unis, in der Politik – die Gesellschaft kam ihnen vermufft vor. Eine Totalerneuerung im Stile Maos schien da ein wirksames Gegenmittel zu sein.

Das ähnelt in der Tat dem Ansatz Mao Zedongs, als er mit einem Dokument vom 16. Mai 1966 die Kulturrevolution losgetreten hat. Seine eigene Partei, die Kommunistische Partei Chinas, stellt er als rückwärtsgewandt dar. Der geistige Klassenkampf sei nicht abgeschlossen, sondern fange gerade erst richtig an. Eine jüngere Generation von Politikern hatte zuvor versucht, Normalität in China zu schaffen. Das brandmarkte Mao jetzt als Rückkehr zum Kapitalismus.

Im Kern ging es dem alternden Diktator darum, seine Macht zu erhalten. Er wollte zeigen, dass er es immer noch versteht, die Massen zu mobilisieren. Das gelang ihm. Millionen Jugendliche folgten seinem Ruf. Sie verließen den Platz des Himmlischen Friedens in dem glühenden Wunsch die Volksfeinde zu bekämpfen.

Sie hatten jedoch ein Problem. Nach 16 Jahren der sozialistischen Transformation gab es kaum noch Altes zum Ausrotten. Die Wirtschaft war kollektiviert. Kapitalisten und Grundbesitzer waren längst enteignet.

Die Roten Garden fanden ihre Opfer durch Haarspalterei. Wer eine Briefmarke mit dem Bild Maos darauf knickte, galt als Konterrevolutionär. Wer noch in irgendeiner Form Privateigentum versteckte, galt als Feind des Kommunismus. Wer westliche oder chinesische Philosophen las, galt als Abweichler. Schnell spalteten die Garden sich in Untergruppen auf, die sich an Radikalität überboten und gegenseitig als Klassenfeinde brandmarkten.

Wang Keming war von Anfang an dabei. Der Junge ging zwar noch zur Schule, doch das bedeutet in dieser Zeit nicht, dass er dort etwas gelernt hätte. Die Mittelstufenschüler sperrten ihre Lehrer in eine Besenkammer ein und zwangen den Musiklehrer, seinen Kollegen ein Lied beizubringen, mit dem diese Selbstkritik üben sollten: „Wir sind die Teufel“. Dem Direktor stülpten sie einen Papierkorb voll Kleber über den Kopf und traten auf ihn ein. Wang war erst 12 und damit zu jung, um schon zu den Anführern der Garden zu gehören. Doch ihn erfasste der Geist der Zeit. „Es fühlte sich revolutionär an“, sagt er. „Ich hatte kein Mitleid.“

In den Städten herrschte Chaos. Keine Autorität galt mehr. In immer neuen Kritiksitzungen mussten sich Stadträte, Polizisten oder Ärzte beschimpfen und schlagen lassen. Selbst Mao wurde das Treiben nun zu viel. Er schickte die Jugendlichen aufs Land – knapp 20 Millionen von ihnen. Angeblich sollten sie dort von den Bauern lernen. Wang kam auf diese Weise in eine abgelegene Volkskommune in den Bergen der Provinz Shaanxi. Der Ort heißt Hezhuangping. Wang war nun 15 und völlig fanatisiert.

Winfried Kretschmann, vier Jahre älter als Wang, kam zu dieser Zeit als Student mit ultralinkem Gedankengut in Kontakt. Er studierte an der Universität Hohenheim Biologie und Chemie, um Lehrer zu werden. Kretschman näherte sich 1972 der Kommunistischen Studentengruppe / Marxisten-Leninisten. Diese war mit einer Partei gleichen Namens verbunden: der KPD/ML. Ihre Jugendorganisation nannte sich allen Ernstes „Roten Garden“, wie in China. Das Programm forderte dazu auf, „mit allem Rückständigen zu brechen“ und Rückschläge durch ein Wiedererstarken kapitalistischer Gedanken, sofort zu bekämpfen. „In der Kulturrevolution hat das chinesische Proletariat die Lehre aus diesen Rückschlägen zum ersten Mal in die Tat umgesetzt.“ Es sei nun unerlässlich, auch in Deutschland aktiv zu werden, und zwar durch „die Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats und die Errichtung der proletarischen Diktatur“. Mit Waffengewalt.

Ein Jahr später wechselte Kretschmann zu einer anderen, ähnlich gearteten Organisation, der Kommunistischen Hochschulgruppe. Gerade die Konsequenz des Kommunismus chinesischer Prägung erschien vielen ihrer Mitglieder damals erstrebenswert. Wer sich als Maoist definierte, wollte ein entschlossenes Durchgreifen, um die Beharrungskräfte des „Alten“ zu vernichten.

Wang Keming war ein Teil der Massenkampagne, die Vorbild für die deutschen Revolutionäre sein sollte. Seine Gruppe suchte Anfang der 70er-Jahre auf dem Dorf nach Opfern für ihren Zorn auf den Klassenfeind. Die Jugendlichen zerrten den Bauern Gu Zhiyou auf den Dorfplatz, weil dieser einmal Vorarbeiter gewesen war. Nun musste er als Feind des Volkes herhalten. Er sollte seine Verbrechen gegen die Bewegung gestehen.

Die Kritik-Veranstaltung glich wie immer einem Volksfest – die Dorfbewohner bekamen einen Tag frei, die Frauen zogen ihre beste Bluse an. „Zu einer richtigen revolutionären Versammlung gehörte Gewalt, das wussten wir Jungen instinktiv“, sagt Wang. Er stellte dem Mann auf der Mitte des Dorfplatzes zackige Fragen zur Politik, um die antirevolutionäre Einstellung des Bauern offenzulegen. Auf eine der Fragen antwortete dieser verwirrt mit einem verwirrten Satz über Wolken und Köpfe. Wang folgerte daraus, dass Gu sich als Freund der Sowjetunion zu erkennen gegeben hatte, die damals als Feind Chinas galt. „Ich schlug ihn ins Gesicht. Bauer Gu blutete“, sagt Wang. „Der Wahnsinn tut mir bis heute leid.“

Wang verbrachte fast zehn Jahre auf dem Lande. Am Ende waren alle nur müde. Die Roten Garden wurden langsam erwachsen. Ihnen wurde klar, dass sie ihre Schulausbildung verpasst hatten. Mao war tot, die neue Führung setzte auf Wirtschaftswachstum und brauchte technische Spezialisten statt ideologisierte Fanatiker. „Wir fassten uns an den Kopf und fragten uns, was wir da getan hatten“, sagt Wang.

Kretschmanns Interesse am Maoismus endete noch während der Studentenzeit. Als Bio-Lehrer hatte er naturgemäß kein Interesse an Chaos im Klassenzimmer; die deutsche Verfassung ist ihm erklärtermaßen heilig. Kretschmann konnte in den deutschen Strukturen seinen politischen Gestaltungswillen ausleben. Mitte der 80er-Jahre wurde er Grundsatzreferent von Joschka Fischer, damals Umweltminister in Hessen. Es ging aufwärts.

Während Kretschmann seine Karriere vorantrieb, blieb Wang Kemings Leben durch den Fehlstart als roter Jugendlicher geprägt. Während der Studentenproteste 1989 demonstrierte mit den jungen Leuten für Demokratie. Nachdem die Führung die Kundgebungen zusammenschießen ließ, gab es jedoch keine Perspektive mehr für ein gesellschaftliches Engagement. Wang ging seiner akademischen Passion nach: Er erforschte die Dialekte und Gebräuche in der Provinz Shaanxi. Dabei kam er auch immer wieder in das Dorf, in dem er damals den Bauern geschlagen hatte. Er entschuldigte sich bei dem Mann.

Kretschmann bezeichnet seine Zeit als Sympathisant der radikalen Kommunisten heute ganz klar als Irrtum. Heute ist er noch einen Schritt weiter: Es ist ihm erstaunliches Desinteresse an China anzumerken. Im vergangenen Oktober war er in Peking. Er fühlte sich bloß verpflichtet, den weiten Weg zu fliegen, weil es für die Wirtschaft in seinem Bundesland förderlich ist. Er vermied bei seinem Kontakt mit der Kommunistischen Partei Chinas die Diskussion von Systemfragen – anders als Bundespräsident Joachim Gauck, der mit Chinas Vordenkern an der Parteischule über Marxismus diskutierte.

Eine ganze Reihe von prominenten Deutschen hat in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit dem Maoismus sympathisiert. Krista Sager war im Kommunistischen Bund Westdeutschland (KBW) aktiv, bevor sie zu den Grünen kam. Genauso Reinhard Bütikofer. Andere Politiker, wie Jürgen Trittin, gehörten zu anderen der so genannten K-Gruppen. Erstaunlich viele grüne Spitzenpolitiker von heute waren einst Maoisten.

Bütikofer hat sich auch später noch intensiv mit China und den Fehlentwicklungen im dortigen Sozialismus auseinandergesetzt. Für Kretschmanns ist die Beschäftigung mit Mao dagegen lange her, er tut sie als Jugendsünde ab. Eine echte Auseinandersetzung mit diesem Irrweg fehlt bis heute – vermutlich, weil der Maoismus in Deutschland weitgehend folgenlos geblieben ist.

Nicht so in China. Die Generation der Kulturrevolution prägt die derzeitige Gesellschaft – auch als Eltern und Großeltern der jüngeren Jahrgänge. Die Gesellschaft ist verroht und unsozial, es gilt das Recht des Stärkeren. Der Staat hat die Chinesen vom Maoismus bis zum Turbo-Kapitalismus durch so viele ideologische Experimente getrieben, dass sie heute gar nichts mehr glauben. Sie halten sich an das einzig Konkrete: den eigenen Vorteil. Rücksichtslosigkeit und ethische Beliebigkeit sind die Folge.

Eine Aufarbeitung der Kulturrevolution steht in China noch aus, obwohl eine Zeitlang zumindest eine literarische Beschäftigung mit jener Zeit möglich war. Heute unterliegt das Thema wieder einer strengen Zensur – schließlich regiert heute noch die gleiche Kommunistische Partei wie damals. Maos Mumie liegt öffentlich in einem Mausoleum auf dem Platz des Himmlischen Friedens aus, wo er als gottgleicher Staatsgründer verehrt wird. Spätere Führer haben zwar zugegeben, dass die Kulturrevolution schrecklich war und einen Fehler Maos darstellt. Aber die Partei hat keine echte Verantwortung übernommen, genauso wenig für die Morde von 1989.

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