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Hans-Joachim Höhn ist Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Universität zu Köln.

Sankt Georgen

"Einladung zur Bespitzelung und Denunziation"

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Der Theologe Hans-Joachim Höhn spricht im Interview mit der FR über römische Zensoren und den Druck auf Kirchenleute.

Herr Professor Höhn, wie nehmen Sie das Vorgehen des Vatikans gegen Ansgar Wucherpfennig wahr? Die Bildungskongregation in Rom verweigert dem bisherigen Rektor der Hochschule Sankt Georgen das „Nihil obstat“, die kirchliche Unbedenklichkeitserklärung.
Das Befremdliche und Verquere daran ist, dass sich die Einwände der Behörde ja gar nicht gegen Pater Wucherpfennigs Amtsführung als Rektor richten, sondern gegen pastorale Aussagen zur Homosexualität. Wenn hier überhaupt ein Verfahren in Betracht käme, dann ein Lehrbeanstandungsverfahren. Würde man es einleiten, käme bald die Absurdität dieses Unternehmens zutage.

Inwiefern absurd?
Für die fachliche Beurteilung von Theologen sollten doch wohl deren wissenschaftliche Publikationen maßgeblich sein. Dass ein Zweizeiler aus einem Zeitungsinterview zum Stein des Anstoßes und zum Grund für ein weitreichendes negatives Urteil werden kann, wirft ein bezeichnendes Licht auf die intellektuelle Kapazität der römischen Zensoren und ihre Fähigkeit zum Umgang mit Quellen. Theologiestudenten, die so mit Autoren und ihren Texten umgingen, würden bereits im Grundstudium mit Karacho durch jede Prüfung rasseln.

Wie landen eigentlich Artikel aus deutschen Regionalzeitungen auf römischen Schreibtischen?
Im Fall Wucherpfennig liegt es nahe, dass die inkriminierten Interview-Aussagen gezielt nach Rom lanciert wurden. Dort sind sie zunächst liegengeblieben und erst dann herausgeholt worden, als man glaubte, ihm daraus einen Strick drehen zu können. Das ist ein Vorgehen, wie wir es von der Stasi kennen, und eine Einladung zur Bespitzelung und zum Denunziantentum.

Ist das ein singulärer Vorgang?
Überhaupt nicht. Vor jeder Berufung auf einen theologischen Lehrstuhl wird geprüft, ob die Publikationen eines Bewerbers mit dem übereinstimmen, was Rom für die reine katholische Lehre hält. Für einen Vereinbarkeitsnachweis wird dann regelmäßig eine erhebliche Drohkulisse aufgebaut.

Nämlich wie?
Von den Betroffenen wird verlangt, angebliche Abweichungen förmlich zu widerrufen oder zumindest so zu modifizieren, dass sie sich gewissermaßen selbst dementieren. Zum römischen Vorgehen gehört auch ein hohes Maß an Diskretion oder besser Heimlichtuerei. Die Vorwürfe werden den Betroffenen nie direkt mitgeteilt, sondern über Dritte – meistens die zuständigen Bischöfe – an sie herangetragen. Typischerweise wird das verbunden mit dem dezenten „Angebot“ eines willfährigen Artikels in einer kirchennahen Publikation. Fällt ein solcher Text dann zur römischen Zufriedenheit aus, darf der Autor hoffen, dass er am Ende doch noch das „Nihil obstat“ bekommt. Sicher sein kann er sich aber keineswegs.

Das katholische Lehrgebäude ist groß. Worauf konzentriert sich die Kontrolle?
Da gibt es eine klare Hierarchie der Reizthemen. Hochgefährlich ist alles, was mit Sexualität zu tun hat, speziell mit der Homosexualität. Ebenso jegliche Äußerung zur Frauenordination. Heikel sind auch Themen der Ökumene. Weniger Schwierigkeiten haben Kirchenhistoriker und Bibelwissenschaftler, und am seltensten werden Alttestamentler vom römischen Radar erfasst.

Lässt sich das Ganze in Zahlen oder Prozentsätzen ausdrücken?
Ich kenne selbst eine Reihe von Fällen. Aber die Dunkelziffer ist sicher erheblich größer. Das Hauptproblem ist die mangelnde Klarheit der Kriterien für eine Ablehnung des „Nihil obstat“. Hinzu kommt die Scham der Betroffenen, darüber öffentlich zu reden. Es entsteht eine Art katholischer omertà: Kaum ein Theologe durchbricht diese Verschwiegenheit, sei sie erzwungen oder selbst auferlegt. Und noch weniger wird davon erzählt, mit welchen Windungen und Verbiegungen man sich dann dem Würgegriff der Römer zu entziehen versucht hat.

Warum nicht?
Das Peinlichkeitsempfinden ist groß und auch das Unbehagen, in einem autoritären System womöglich selber solange unterwürfig zu sein, bis die eigene wissenschaftliche Laufbahn gesichert, das Karriereziel erreicht ist. Niemand will den Eindruck eines Opportunisten erwecken, der um der wissenschaftlichen Karriere willen die eigene Redlichkeit opfert und sich intellektuell zurechtbiegen lässt.

Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?
Tatsächlich lief vor meiner Berufung zum Professor vor 30 Jahren ein Verfahren gegen mich. Davon wusste ich als Betroffener aber überhaupt nichts und war also gar nicht gezwungen, mich dazu zu verhalten – vielleicht zu meinem Glück. Jedenfalls erfuhr ich nur aufgrund der Indiskretion zweier deutscher Bischöfe, dass die Glaubenskongregation insgesamt sieben Einwände gegen meine Doktorarbeit erhoben hatte. Als ich einmal Einblick in den Vorgang hatte, war ich erschrocken über das eklatante Unvermögen des Kurienbeamten, der sich mit mir befasst hatte. Er hatte offenkundig keine Ahnung vom Thema meiner Arbeit, die sich mit dem Philosophen Jürgen Habermas und der Diskurstheorie beschäftigte; ganz zu schweigen davon, dass er beides verstanden hätte. Er warf mir beispielsweise vor, ich wollte über Glaubenswahrheiten nach dem Mehrheitsprinzip abstimmen lassen, was kompletter Unsinn ist. Der Mann hatte weder die Diskurstheorie noch meine Thesen verstanden. Der Tiefpunkt des Ganzen war, dass mir einzelne Textstellen angekreidet wurden, an denen ich lediglich andere Autoren zitiert hatte.

Wie ging die Sache aus?
Das negative Votum des Kurienbeamten stand einsam der positiven Einschätzung einer Reihe renommierter Gutachter aus Deutschland gegenüber. Diese Asymmetrie fiel dann selbst in der Glaubenskongregation auf. Um den eigenen Mann nicht bloßzustellen, wurde das abschließende Urteil kurzerhand an die Deutsche Bischofskonferenz delegiert, und die erklärte die bestehenden Bedenken für ausgeräumt. Was ich aus dem Abstand der Jahre heraus so locker erzählen kann, ist für die jungen Kollegen heute eine ganz üble Erfahrung. Sie müssen sich nach Jahren intensivsten Studiums dem Urteil von Leuten stellen, die ihnen von der intellektuellen und fachlichen Kompetenz her nicht annähernd das Wasser reichen können. Das zu sagen, hat nichts mit Vorurteilen oder Hybris zu tun, sondern lässt sich Punkt für Punkt an dem erhärten, was in den Nihil-obstat-Verfahren beanstandet wird. Wenn dann noch – was ebenfalls regelmäßig passiert – der schwammige Vorwurf angeblich mangelnder Loyalität zur Kirche erhoben wird, treten bei den so Verdächtigten zur theologischen Frustration auch rechtschaffene Empörung über solche Behördenwillkür und die wütende Frage hinzu, was man sich an römischen Ferndiagnosen und Unterstellungen mangelnder Kirchlichkeit eigentlich bieten lassen darf.

Warum führt der Druck nicht zu einer Solidarisierung miteinander?
Es gab ja Versuche wie die Kölner Erklärung „Wider die Entmündigung – für eine offene Katholizität“ von 1989. Die von Papst Johannes Paul II. faktisch erzwungene Wahl Kardinal Joachim Meisners zum Erzbischof von Köln veranlasste damals mehr als 200 Theologinnen und Theologen zum Protest gegen den römischen Zentralismus. In der Folge mussten die Unterzeichner erleben, dass Rom ihnen und sogar noch ihren Schülern alle erdenklichen Steine in den weiteren Karriereweg legte. Eine katholische #metoo-Kampagne wäre also riskant, aber notwendig. Denn jetzt ist womöglich der Punkt erreicht, dass die Theologenzunft aufbegehrt gegen das autoritäre Gebaren einer Behörde, die einem Kollegen willkürlich Knüppel zwischen die Beine wirft und damit nicht nur seine Reputation nachhaltig beschädigt, sondern zugleich auch Autorität und Kompetenz des zuständigen Ortsbischofs wie der Ordensleitung ignoriert. Wir reden derzeit viel über einen übersteigerten Zentralismus, über Klerikalismus und Machtmissbrauch in der Kirche. Für all das bietet das Vorgehen gegen Ansgar Wucherpfennig bestes Anschauungsmaterial. Wer glaubt, der Fall sei schnell erledigt, könnte sich schwer täuschen.

Interview: Joachim Frank

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