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Einen Vorteil von der Entführung des US-Bürgers hat vor allem Moskau

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Im Fall des angeblich von Tschetschenen verschleppten Kenny Gluck verwickeln sich russische Behörden in WidersprücheNach der Verschleppung eines US-Amerikaners in der russischen Kaukasusrepublik Tschetschenien kurz vor dem Besuch einer Delegation des Europarats gibt es Hinweise, dass Moskau die Entführung initiiert haben könnte.

Von Florian Hassel (Moskau)

Als am 10. Januar Kenny Gluck, Mitarbeiter der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" (MSF), in Tschetschenien entführt wurde, hatten die russischen Behörden schnell eine Erklärung. Wie oft zuvor hätten Rebellen einen Helfer entführt, um Lösegeld zu erpressen. Nach wenigen Stunden nannte die Militärführung die Namen der angeblichen Entführer: die tschetschenischen Brüder Achmadow, notorische Geiselnehmer. US-Bürger Gluck sei ohne Genehmigung gefahren, beklagte Militärkommandant Iwan Babitschew. Doch es gibt Indizien, die darauf hindeuten, dass nicht die Rebellen Gluck in ihre Gewalt brachten. "Die Entführung von Gluck trägt, wie im Fall des Radio Liberty-Korrespondenten Andrej Babizkij, eindeutig die Handschrift des russischen Geheimdienstes", sagt Wjatscheslaw Ismailow von der Wochenzeitung Nowaja Gaseta. Ex-Offizier Ismailow hat in Tschetschenien als Unterhändler mehr als 150 Menschen befreit und kennt die Gepflogenheiten der Kidnapper wie kein anderer.

Wie im Fall Babizkij verwickelten sich die Behörden auch im Fall Gluck in Widersprüche: so mit Babitschews Behauptung, Gluck, der medizinische Hilfsgüter an Kliniken in der Kaukasusrepublik verteilte, sei ohne Genehmigung nach Tschetschenien gefahren. Tatsächlich verfügte Gluck über einen von Babitschew unterschriebenen, für 14 Tage gültigen Passierschein, um durch dutzende über Tschetschenien verteilte russische Kontrollpunkte zu gelangen. Der Schein wurde erst ausgestellt, nachdem Gluck einen Plan seiner Fahrten eingereicht hatte, sagt Gazelle Craignaire vom Moskauer MSF-Büro.

Die maskierten Entführer schlugen im Dorf Starije Atagi südlich der Hauptstadt Grosny um zwei Uhr mittags direkt neben einem russischen Kontrollpunkt in der Nähe des Marktes zu. Aus einer Kolonne von vier Wagen holten sie nur Gluck heraus. "Tschetschenische Entführer sind noch nie ein solches Risiko eingegangen. Außerdem wissen sie, dass gerade MSF prinzipiell kein Lösegeld zahlt", sagt Ismailow.

Gluck, 38 Jahre alt, kennt die Lage in Tschetschenien seit Jahren. Am 22. November sagte er in Brüssel vor dem Politischen Ausschuss der Parlamentarischen Versammlung des Europarats als Zeuge aus. Am 22. Dezember lud der russische Sender NTW Gluck in seine populäre Talkshow "Glas Naroda" ein. In Tschetschenien "erfrieren Kinder (. . .), werden verletzte, getötete Kinder jeden Tag in die Krankenhäuser gebracht", sagte Gluck. Mit seinem Wissen aus erster Hand "gab es für Moskau keinen gefährlicheren Zeugen als Gluck", glaubt Ismailow. Schon im Dezember wurde ein MSF-Wagen von Vermummten gestoppt, die sich "Männer des gefürchteten Geiselnehmers Ramsan Achmadow" nannten und einen Ausländer suchten. "Dies zeigt die stümperhafte Handschrift unseres Geheimdienstes", so Ismailow. "Achmadows Männer stellen sich nie vor und schlagen immer nur nachts zu."

Walerij Jakow, ein anderer Tschetschenienveteran, schreibt in der Nowije Iswestija, dass "aus der ganzen Geschichte mit Gluck nur die föderale Seite (Moskau, d.Red.) Vorteil gezogen hat". Die Europaratsdelegation, die in Tschetschenien ist, werde nun von "bösen Rebellen" sprechen. Am 25. Januar will die Parlamentarische Versammlung des Rats entscheiden, ob Moskau sein wegen Tschetschenien suspendiertes Stimmrecht zurückerhält.

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