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Offiziere der spanischen Zivilgarde weinen nach der öffentlichen Beerdigung ihrer beiden toten Kollegen.
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Offiziere der spanischen Zivilgarde weinen nach der öffentlichen Beerdigung ihrer beiden toten Kollegen.

Attentat auf Mallorca

Die einen trauern, die andern urlauben

Touristen auf Mallorca wollen sich ihre Ferien von einem Anschlag nicht vermiesen lassen - auch nicht von einer Schweigeminute. Der Event muss eher mit der Handy-Kamera dokumentiert werden. Von Harald Biskup

Von Harald Biskup

Palmanova. Eine Schweigeminute für die beiden von einer Autobombe getöteten Polizisten soll es werden, aber die spontane kleine Solidaritätsbekundung, initiiert von ein paar Hoteliers, Ladenbesitzern und Taxifahrern, gerät zur Stunde der Gaffer.

Gerade ist wieder ein Pulk englischer Pauschaltouristen angekommen, und noch ehe sie ihre Quartiere im Drei-Sterne-Hotel Palmanova bezogen haben, gibt es das erste Event, all inclusive sozusagen. Dutzende von Handy-Kameras richten sich auf die Stelle, an der Mallorca am Donnerstag mittag seine Unschuld verloren hat.

Zum ersten Mal hat der blutige Terror der baskischen Untergrundorganisation ETA auf den Balearen Menschenleben gekostet, nachdem die Separatisten auf den Urlaubsinseln 18 Jahre lang keinen Anschlag mehr verübt hatten.

Auch am Tag danach lässt sich die Wucht der Detonation noch ermessen. Überall liegen kleine Karosserieteile und Glassplitter von den Fenstern des zerfetzten Streifenwagens herum. Noch immer sind Kriminaltechniker damit beschäftigt,den weiträumig abgesperrten Tatort minutiös abzusuchen, in der vagen Hoffnung, dass sich in den Spuren der Verwüstung verwertbare Hinweise auf die flüchtigen Täter finden.

Die Polizeistation, der der Anschlag offenbar galt, sieht wie eine Festung aus: dicke Mauern, vergitterte Fenster, zahlreiche Antennen. Die spanische Flagge weht auf halbmast.

Der Inselflughafen Sont Sant Joan gehört in den Ferienmonaten zu den am meisten frequentierten Europas. Hannover, Dresden, Stuttgart, Leipzig, Düsseldorf, München, Frankfurt die Ferienflieger starten und landen im Fünf-Minuten-Takt. Dazwischen spucken die Maschinen der Billig-Airlines aus London, Bristol, Birmingham, Manchester sonnenhungrige Briten aus.

Bis auf ein paar patrouillierende Polizisten weist nichts auf den Terroranschlag im 25 Kilometer entfernten Urlaubsort Palmanova hin. "Nur der ganz normale Wahnsinn an einem Hochsommer-Freitag", sagt der Mitarbeiter einer deutschen Autovermietung.

Germanwings Flug 584 von Köln nach Palma. Übernächtigt wirkende Urlauber, denen die kurze Nacht in den Gliedern steckt und die sich nur eins wünschen: unbeschwerte Ferien, was immer das im einzelnen heißt.

Kein mulmiges Gefühl in der Bauchgegend? Ilona und Helmut Schäfer aus Ostwestfalen, die mit ihren Kindern eine Ferienwohnung in Santa Ponsa an der Westküste gebucht haben, sehen die Terror-Bedrohung pragmatisch: "Die greifen ja keine Touristen an. Ihre Taten gelten gezielt der verhassten Staatsmacht."

Man mag sich nicht eingestehen, dass der Terror das "17. deutsche Bundesland" erreicht hat. "Das mit den Basken", sagt der Rentner Heinz Kirsch, dessen zweite Heimat seit vielen Jahren ein Bergdorf im Hinterland ist, "ist eine Sache der Spanier. Damit haben wir nichts zu tun."

Sandra G.,19, die sich mit ihrem Freund Andy, 21, durch ein Last-Minute-Angebot auf die Lieblingsinsel der Deutschen locken ließ, hat erst beim Einchecken von dem Attentat gehört. Verunsichert fühle sie sich nicht. "Sowas passiert nicht zweimal", erläutert sie am Gepäckband in Palma ihre Logik. "Wir wollen doch einfach nur Spaß haben und abhängen", sagt sie.

Die äußere Gelassenheit, die Mallorca an diesem Bilderbuch-Sommertag zur Schau stellt, täuscht darüber hinweg, dass die Behörden die neue Qualität des ETA-Terrors sehr ernst nehmen, mit dem sie auf zynische Weise an ihre Gründung vor genau 50 Jahren erinnert.

Ein Polizeioffizier am Tatort, der keine Stellungnahme abgeben darf, macht mimisch klar,was er denkt. Er hält es für nicht ausgeschlossen, dass versprengte Zirkel der ETA erneut zuschlagen könnten.

Mallorca im Sommer 2009: Die Insel ist gleich doppelt gebeutelt,erst durch die Schweinegrippe und nun durch den Autobomben-Anschlag. Beides aber lässt, so scheint es, die Touristen auf seltsame Weise kalt.

Den Terror sieht man als unabänderliches Phänomen, das wegen des Angriffsziels als kalkulierbar gilt; die Warnungen vor der Ansteckung mit dem H1N1-Virus und das Schreckgespenst einer drohenden Pandemie werden vom Durchschnitts-Urlauber in den heißen Hochsommerwind geschlagen.

Am Strand und vor allem in der endlosen Partymeile ist die Schweinegrippe längst zum Spaßfaktor geworden. Mundschutzmasken sind der aktuelle Gag unter Jugendlichen, die sich die Laune nicht vermiesen lassen wollen. Desinfektionsspray und Gummihandschuhe gehören höchstens aus Gaudi zu ihrem Reisegepäck.

In den Bierzelten und Groß-Diskotheken werden zurzeit jeden Abend Grippe-Lieder gegrölt, und der Comedian Mickie Krause erntet Riesenapplaus mit dem Kalauer, er könne keine Schweinegrippe bekommen, schließlich sei er Vegetarier.

So einfach lässt sich die Terror-Gefährdung nicht weglachen, auch wenn José Maria Matanzas, ein führender ETA-Ideologe, in einem internen Dossier, das der Polizei in die Hände gefallen ist, zum Ende des Spuks aufgerufen hat: "Es ist an der Zeit, den Laden dicht zu machen."

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