In Italien steigt die Zahl der Corona-Infizierten rasant. Die Regierung in Rom reagiert mit der massiven Ausweitung von Sperrzonen.
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In Italien steigt die Zahl der Corona-Infizierten rasant. Die Regierung in Rom reagiert mit der massiven Ausweitung von Sperrzonen.

Coronavirus

Ein Land am Limit

  • vonDominik Straub
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Ganze Landstriche abgeriegelt, Kinos und Kneipen geschlossen, zusätzliche Ärzte aktiviert – wie Italien gegen die Ausbreitung des Coronavirus kämpft. Auch in Deutschland wird über drastische Schritte diskutiert.

Das Lebensumfeld von 16 Millionen Bürgerinnen und Bürger Norditaliens ist über Nacht zur „roten Zone“ erklärt worden. Auch in Mittel- und Süditalien, wo sich das Coronavirus immer rasanter ausbreitet, greift die Sorge der Menschen um sich: Wann werden die neuen Maßnahmen auch uns treffen?

Seit Sonntag befindet sich Italien, das bereits vor zwei Wochen mehrere Kleinstädte mit mehr als 50 000 Einwohnern von der Außenwelt abgeriegelt hatte, im Katastrophen-Modus. In der Nacht auf Sonntag, um 3.30 Uhr, trat Regierungschef Giuseppe Conte vor die Presse und verkündete: Die gesamte Lombardei mit zehn Millionen Einwohnern sowie 14 Provinzen mit weiteren insgesamt sechs Millionen Einwohnern, darunter Parma, Piacenza, Rimini und Venedig, sind ebenfalls Sperrgebiet. Sie dürfen – vorerst bis zum 3. April – weder betreten noch verlassen werden.

Laut Conte gehe es darum, die Gesundheit der Bürger zu garantieren. „Wir sind uns bewusst, dass all diese Maßnahmen Unannehmlichkeiten bereiten und persönliche Opfer erfordern“, sagte der Ministerpräsident. Wer jedoch „dringende Gründe“ nachweisen könne – etwa berufliche – dem bleibe die Ein- und Ausreise erlaubt. Auch der Flug- und der Bahnverkehr werde nicht komplett gestoppt. Ortswechsel – auch innerhalb der Sperrzonen – müssten aber immer begründet werden: Die Polizei sei befugt, Bürger anzuhalten und Rechenschaft über ihre Bewegungen außerhalb der eigenen vier Wände zu verlangen.

Zudem würden Supermärkte nur von Montag bis Freitag geöffnet sein - Schulen, Kinos, Theater, Pubs, Diskotheken, Museen, Schwimmbäder, Skigebiete und Fitnesszentren bleiben geschlossen. Hochzeiten und Beerdigungen müssen verschoben werden. Bars und Restaurants dürfen nur geöffnet bleiben, wenn sie sicherstellen können, dass zwischen den Gästen eine Mindestdistanz von einem Meter eingehalten werden kann.

Militärkräfte auf dem ohnehin menschenleeren Domplatz in Mailand.

Der Grund für diese drastischen Maßnahmen ist die weiterhin galoppierende Ausbreitung des Coronavirus im Land. Am Samstag verzeichnete Italien die bislang größte Zunahme an Infektionen an einem Tag. Laut der nationalen Zivilschutzbehörde stieg die Zahl der Fälle in 24 Stunden um 1247. Insgesamt waren am Samstag 5883 Menschen infiziert. In dem Zeitraum starben 36 Menschen an der von dem Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19, insgesamt sind es seit Beginn des Ausbruchs am 21. Februar bereits 233 Todesfälle.

„Wir müssen die Ausbreitung der Infektionen zu begrenzen – und gleichzeitig müssen wir so vorgehen, dass eine Überlastung des Krankenhauseinrichtungen vermieden wird“, betonte Conte. Dies ist die größte Sorge der Behörden. „Norditalien hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, und dennoch stehen wir einen Schritt vor dem Kollaps“, betont Antonio Pesenti, Chef des lombardischen Krisenstabs für Intensivmedizin. Bereits heute befänden sich in 50 Krankenhäusern der Region rund 600 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Weil sich die Zahl der Infizierten seit Beginn der Epidemie durchschnittlich alle 2,5 Tage verdoppelt, rechnet Pesenti allein für die Lombardei bis zum 26. März mit 18 000 infizierten Personen. Davon würden wohl 2700 bis 3200 Intensivpflege benötigen. „Wenn die Leute nicht endlich begreifen, dass sie zuhause bleiben sollen, dann gibt es eine Katastrophe“, warnt der 68-jährige Mediziner Pesenti.

Gefährdet seien dann auch andere Patienten, etwa mit Herzinfarkt – weil die Notärzte und Rettungswagen mit Corona-Patienten ausgelastet sein könnten. Um dem drohenden Zusammenbruch des Gesundheitssystems vorzubeugen, hatte die Regierung Conte bereits beschlossen, rund 20 000 neue Ärzte, Pfleger und andere Hilfskräfte einzustellen.

Die Folgen der neuen Notmaßsnahmen für Italiens Wirtschaft sind derzeit noch nicht absehbar: In den neuen Sperrzonen wird rund 40 Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts und 60 Prozent der Exporte produziert.

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