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"An einem ganz kritischen Punk"

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Walied Rasched, 30, Mitbegründer von Ägyptens   „Jugendbewegung des 6. April“.
Walied Rasched, 30, Mitbegründer von Ägyptens „Jugendbewegung des 6. April“. © privat

Revolutionär Rasched über Ägypten neun Monate nach Mubaraks Sturz: Wichtig sei jetzt, die Macht der Militärs einzuschränken. Sie müssten die politische Zukunft mit Experten gestalten.

Walied Rasched, 30, ist ein Revolutionär der ersten Stunde. Er ist Mitbegründer der „Jugendbewegung des 6. April“, welche den Aufstand der Jugend am Nil maßgeblich vorbereitet hat und auch weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Nicht zuletzt, weil sie der Regierung auf die Finger schaut und immer wieder zu Protesten aufruft.

Wo steht Ägypten neun Monate nach dem Sturz von Mubarak?

An einem ganz kritischen Punkt. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Regime von Ex-Präsident Mubarak und der Militärregierung unter Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi. Einzig, dass Tantawi stärker ist und fester im Sattel sitzt als Mubarak. Aber er wendet die gleichen Methoden an: Militärgerichte, Verhaftungen. Die Regierung Mubarak war bekannt dafür, dass sie die Aufmerksamkeit der Bürger ablenkte. Das tut die neue Regierung auch.

Viele Menschen hoffen auf die Parlamentswahlen, die für den 28. November geplant sind.

Diese Wahlen sind für uns eher ein Hindernis auf unserem Weg zu einem besseren Land. Die Oppositionsparteien sind jetzt damit beschäftigt, sich auf die Wahlen vorzubereiten und gegeneinander anzutreten. Dabei ist es dringend notwendig, dass wir alle zusammenstehen, um gemeinsam die Militärs unter Druck zu setzen.

Was fordern Sie von den Generälen?

Wir wollen verhindern, dass sie für immer an der Macht bleiben. Sie sollen jetzt die Regierung an einen präsidialen Rat abgeben oder sich zumindest die Macht mit einem Beratungsgremium von zivilen Experten teilen. Gemeinsam können sie dann einen Fahrplan für die Wahlen aufstellen und festlegen, wann sich die Generäle sich wieder in die Kasernen zurückziehen. Präsidentschaftswahlen erst in mehr als einem Jahr, so wie es jetzt vorgesehen ist, das ist nicht akzeptabel. Nicht zuletzt, weil der Militärrat immer wieder gezeigt hat, dass er keine Ahnung vom Regieren hat.

Aber es müssen ja auch schwierige Probleme gelöst werden.

Das kann sein. Wenn man sich anschaut, wie sie das Wahlgesetz erarbeitet haben: Immer wieder machten sie Vorschläge, wurden kritisiert, besserten nach. Inzwischen sind wir beim vierten Dekret, und es ist immer noch nicht gut. Natürlich, es sind Generäle, die kennen sich mit Krieg aus und nicht mit Politik. Aber dann sollen sie sich Experten holen, die sie beraten.

Viele Ägypter sind müde, sie wollen nicht mehr demonstrieren, ständige Revolution ist anstrengend…

Ja, das stimmt. Mit dem Aufruf zu immer neuen Großdemonstrationen ist es nicht getan. Es muss uns gelingen, alle Oppositionskräfte wieder zusammenzubringen. Die Parteien sollen aufhören, an ihre Wahlkampagnen zu denken. Sie sollen das Ringen um Demokratie über ihre Einzelinteressen stellen. Wenn wir alle zusammenhalten, dann bin ich sicher, dass wir auch ein zweites Mal Erfolg haben werden. Man darf dabei ja nicht vergessen, dass sich die Ägypter in den vergangenen neun Monaten durchaus verändert haben. Politisch ist zwar fast alles beim Alten, aber die Menschen haben sich politisiert. Sie wissen, was sie wollen und wie sie sich organisieren. Sie lassen sich von der Regierung nichts mehr vormachen.

Das Gespräch führte Julia Gerlach.

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