+
Spuren eines mörderischen Terroraktes.

Rechtsextremer Anschlag in Hanau

Die Zeit des Terrors

Alle Autoren
    schließen
  • Gregor Haschnik
    Gregor Haschnik
  • Jörg Köpke
    Jörg Köpke
  • Thorsten Fuchs

Der rassistische Anschlag von Hanau setzt die Serie rechtsextremistischer Morde fort. Hat die Politik jetzt endlich die Dimension der Bedrohung erkannt?

Es hätte auch ihn treffen können, und das ist Kadir Köse am Tag danach schmerzhaft bewusst. Türkischstämmig, Wirt am Heumarkt in der Hanauer Innenstadt, das reichte ja schon, um in der abstrusen, rassistischen Gedankenwelt des Täters zum verhassten Ziel zu werden. Und so steht der 38-jährige Köse an diesem Donnerstag vor seiner Bar, dem „Blind Rabbit“, und weiß nicht recht, ob er eher froh sein soll, dass er unverletzt geblieben ist, oder entsetzt darüber, was diesen Mann getrieben hat, und dass der es geschafft hat, auch zwei von Köses Bekannten zu töten.

„Was haben die diesem Mann getan? Was haben die den Deutschen weggenommen?“, fragt er – und schweigt dann, um zu sagen, dass es darauf keine Antwort gibt außer: nichts, gar nichts.

In Köses Worten spiegeln sich der Zorn, die Trauer und die Wut eines Mannes, der dieses Verbrechen, das jetzt ganz Deutschland erschüttert, aus großer Nähe erlebt hat. Es war gegen 22 Uhr am Dienstagabend, Kadir Köse stand in seiner Bar, als er von draußen Schüsse hörte. Köse reagierte geistesgegenwärtig. „Ich sagte zu meinen Gästen: Bleibt von den Fenstern weg“, sagt er, „und habe mich selbst weggeduckt.“ Das war sein Glück. Als sich der Erste seiner Gäste hinaustraut, sieht er den Täter nur noch von hinten, wie er zu seinem Auto geht, um weiterzufahren und weiterzumorden.

Erst allmählich wird den Menschen in der Bar nun klar, was geschehen ist: Dass der Täter, Tobias R., gerade schräg gegenüber, in der „Midnight Bar“, vier Menschen erschossen hat. Dass er dann weitergezogen ist, in seinen Heimatstadtteil Kesselstadt, zwei Kilometer Richtung Westen, um dort, in einem Kiosk namens „Arena Bar“, weitere fünf Menschen zu erschießen, dann seine Mutter und schließlich sich selbst. Tobias R. hat damit, das zeigen die Reaktionen an diesem Donnerstag klar, das ganze Land getroffen, erschüttert. Aber gezielt hat er auf Menschen in Hanau, und die, die genauso gut hätten seine Opfer werden können, fragen sich: Warum? Und was oder wer hat diesen Täter ermutigt, seinen rassistischen Wahn auszuleben?

Der Schütze flieht in einem schwarzen Wagen, schießt im Stadtteil Kesselstadt auf ein Auto, rast zum Kurt-Schumacher-Platz und eröffnet auch dort das Feuer. Notärzte und Sicherheitskräfte eilen herbei. Die Gebiete werden weiträumig abgesperrt. Die grausame Bilanz: elf Tote, eine schwer verletzte Person und eine unbekannte Zahl weiterer Verletzter.

Kanzlerin Angela Merkel spricht von entsetzlichen Morden und einem traurigen Tag. Vieles deute darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt habe. Aus Hass gegen Menschen mit anderer Herkunft, anderem Glauben oder anderem Aussehen. Hessens Innenminister Beuth verspricht Aufklärung. Unter Hochdruck würden die schrecklichen Ereignisse der Nacht ermittelt.

Spurensicherung am Tatort.

Dass der Schütze von Hanau aus rassistischen Motiven gehandelt hat, zeigt sich schon am Morgen nach der Tat. Im Internet taucht ein wirres Video auf und eine Art „Manifest“ wie zuletzt bei den Anschlägen von Christchurch und Halle. Die 24 Seiten überschreibt der mutmaßliche Täter, der am Montag 43 Jahre alt geworden war, mit „Skript“. Es ist eine mit Zeichnungen versehene Mischung aus Lebenslauf und Bekennerschreiben.

Ausführlich schildert R. seine rassistischen Überzeugungen, gibt Auskunft über seine Verschwörungstheorien und Verdächtigungen. Auf der Website finden sich Links zu US-amerikanischen Verschwörungstheoretikern und ein Video. Darin spricht R. von geheimen US-Militärbasen, in denen Kinder misshandelt würden.

Ähnlich wie der Attentäter von Christchurch, der in zwei Moscheen 51 Menschen erschoss, gibt R. ausführlich Antworten zu seiner Person und seine Beweggründen.“ Aus all den genannten Gründen blieb mir also nichts anderes übrig, [als] so zu handeln, wie ich es getan habe, um die notwendige Aufmerksamkeit zu erlangen“, schreibt er R. als eine Art Fazit.

Das Skript zeigt einen Mann mit massiven psychischen Problemen und extrem gewalttätigen rassistischen Fantasien. So hält R. die Deutschen für wertvoller als alle anderen Völker: „Nicht jeder, der heute einen deutschen Pass besitzt [ist] reinrassig und wertvoll…; eine Halbierung der Bevölkerungszahl kann ich mir vorstellen.“ Die Mordserie in Hanau sei ein „Doppelschlag gegen die Geheimorganisation und gegen die Degeneration unseres Volkes“. R. schließt mit dem Satz: „Schaut euch in Zukunft genau an, wer das Volk ist.“

Laut Nachbarn lebte die Familie äußerst zurückgezogen, beinahe isoliert. Die Fenster des Reihenhauses seien in der Regel geschlossen gewesen. Wenn es etwas zu klären gab, hätten die R.s meistens nur über die Gegensprechanlage kommuniziert und auch so gut wie keinen Besuch gehabt. Der Sohn sei erst vor etwa einem halben Jahr wieder eingezogen. Er wird als zurückhaltend beschrieben, Anzeichen für radikale Ansichten habe man nicht wahrnehmen können. Bekannt war, dass er berufliche Schwierigkeiten hatte, nirgendwo richtig Fuß fassen konnte und zuletzt offenbar nicht mehr arbeitete.

Der Vater von Tobias R. war bei den Hanauer Grünen und hat 2011 für den Ortsbeirat Kesselstadt kandidiert. Nachbarn berichten von Problemen und Konflikten, bei denen er sich psychisch auffällig gezeigt habe. So habe der Rentner zum Beispiel Schrottautos gesammelt und sie so im Parkraum abgestellt, dass Anwohner ihre Mülltonnen nicht mehr an der richtigen Stelle abstellen konnten. Er habe den Platz für sich beansprucht, die Tonnen immer wieder weggeschoben. Auch bei Kleinigkeiten sei er uneinsichtig gewesen. Nachbarn äußerten die Befürchtung, dass auch der Vater gefährlich werden könnte. Das Ehepaar R. habe kein gutes Verhältnis gehabt. Von früherer häuslicher Gewalt ist die Rede. Der Sohn habe sich in den vergangenen Monaten um die bettlägerige Frau gekümmert.

Von psychiatrischer oder psychologischer Hilfe oder von einer Behandlung spricht Tobias R. in seinem „Skript“ nicht. Seit Sommer 2013 verfügte er nach RND-Informationen über eine Waffenbesitzkarte. Die Kreisverwaltung des Main-Kinzig-Kreises in Gelnhausen hatte demnach zuletzt vor einem Jahr die charakterliche Eignung des mutmaßlichen Terrorschützen von Hanau zum Führen von Waffen überprüft.

Tobias R. hat die Tatwaffe 2014 in einem Internet-Shop gekauft. Das erfuhr das RND am Donnerstag aus Sicherheitskreisen. Es handelt sich um eine Pistole Glock 17,9 Millimeter Luger. Das ist derselbe Waffentyp, der 2016 bei dem rechtsextremistisch motivierten Anschlag im Münchner Olympia-Einkaufszentrum verwendet worden ist.

„Das war Ausnahmezustand hier“, sagt die Mitarbeitern des kleinen Hotels gegenüber der „Midnight Bar“, die am frühen Morgen ihre Kollegin abgelöst hat, die die halbe Nacht lang die Mutter eines der Opfer betreut hatte, des türkischstämmigen Besitzers der Bar. Sie selbst stammt aus Bosnien, seit 1993 lebt sie in Deutschland, seit 2001 in Hanau, und sie versichert, dass Miteinander der Kulturen hier, auch am Heumarkt, mit den Reisebürobesitzern aus Bulgarien, dem italienischen Lokal, den türkischen Wirten, überhaupt die ganze Atmosphäre in Hanau sei ihr immer harmonisch erschienen. „Das war hier für mich eine Märchenstadt“, sagt sie. „Und jetzt ist es eine Albtraumstadt.“

Oder da ist Hassan, ein Marokkaner aus dem Eckhaus, der von seinem Fenster aus alles mit ansah und dann heruntereilte, aber als er unten war, konnte er bei einem Opfer nur noch den schwächer werdenden Puls fühlen. Hassan ist ein gestandener Mann, um die 40, er kommt gerade von der Zeugenaussage bei der Polizei, aber noch immer wirkt er fahrig. „Bumm, bumm“, macht er, als er die Szene schildert, immer wieder dieses „Bumm, bumm“, und dann: „Ich habe Angst.“ Davor, dass es vielleicht doch noch einen Mittäter gibt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion