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Eine zerrissene Stadt

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Von: Inge Günther

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Bewohner derselben Stadt und dennoch in zwei verschiedenen Welten zu Hause: ein Israeli und eine Palästinenserin in Ost-Jerusalem.
Bewohner derselben Stadt und dennoch in zwei verschiedenen Welten zu Hause: ein Israeli und eine Palästinenserin in Ost-Jerusalem. © afp

Jerusalem feiert das 50. Jahr seiner Wiedervereinigung, die Begeisterung ist jedoch geteilt. Zu tief sind die Gräben immer noch zwischen Israelis und Palästinensern. Dennoch existieren Orte der Begegnung, zum Beispiel auf den Dächern über der Altstadt.

A n warmen Sommerabenden bietet sich im Jerusalemer Teddy-Kollek-Park ein idyllisches Bild. Jüdische wie arabische Familien lagern einträchtig auf den Wiesen links und rechts eines riesigen Springbrunnenfelds. Sobald die Wasserfontänen hochschießen und zu klassischer Musik zu tanzen beginnen, jagen ihre Kinder juchzend auf den Platz. Nicht nur die Allerkleinsten, auch Teenager haben eine helle Freude daran, sich nass spritzen zu lassen und kreuz und quer durch die sprudelnden Quellen zu hüpfen. In dem schillernden Wasserregen, der aus dem Boden kommt, sind die nationalen und religiösen Streitigkeiten zwischen Israelis und Palästinensern wie weggewaschen. Jerusalem, entspannt vereint beim Planschvergnügen.

Der traute Moment kommt einem vor wie eine Utopie. Real besehen ist es mit der Wiedervereinigung Jerusalems nicht so weit her. Groß zelebriert wird sie zwar in ihrem fünfzigsten Jubiläumsjahr. Für Empfänge, Konzerte und eine audiovisuelle Lightshow, projiziert auf die Altstadtmauern, hat Israel einige Millionen Schekel springen lassen.

Aber die Begeisterung ist geteilt. Die Israelis feiern, die Palästinenser sind froh, wenn der Spuk vorbei ist. Gerade am Jerusalem-Tag, der daran erinnert, wie die israelische Armee während des Sechstagekriegs im Juni 1967 den arabischen Ostteil samt der Altstadt einnahm, steigt der Spannungspegel. Nach hebräischem Kalender fiel er in diesem Jahr bereits auf den 24. Mai. An die 60 000 nationalgesinnte Israelis, mehr denn je, zogen flankiert von einem massiven Polizeiaufgebot fahnenschwenkend und mit Gegröle durch palästinensische Altstadtviertel – eine Provokation für die palästinensischen Alteingesessenen, die ihre Ladengitter herunterrattern ließen und sich nicht aus ihren Häusern wagten.

Damals, vor fünfzig Jahren, als Israel die Grenzbarrieren zwischen dem Westteil und Ost-Jerusalem einriss, das bis dahin jordanischer Souveränität unterstand, hofften viele noch, dass die Stadt zusammenwachsen werde. Zu ihnen zählte der heute 75-jährige Anthropologe Joe Zias. Er war als junger Amerikaner nach Israel gekommen, um dem Vietnamkrieg zu entgehen, und arbeitete seinerzeit als Freiwilliger in einem Kibbuz. „Nach dem Sechstagekrieg schickte man mich zu Aufräumarbeiten ins Haddassah-Hospital auf dem Scopusberg“ – eine jüdische Enklave im arabischen Teil Jerusalems. „Für mich war es das erste Mal“, erinnert er sich, „dass ich Kontakt zu Palästinensern bekam.“ Mit einigen freundete er sich an und lebte, zunächst für einige Monate, in ihrer Nachbarschaft.

Nach seinem Studium kehrte er frisch verheiratet auf Einladung des Muchtars, des arabischen Gemeindebürgermeisters, auf den Ölberg zurück. „Wir waren die einzige jüdische Familie dort. Die Araber haben uns mit einer Party begrüßt.“ Weil seine Frau gerade schwanger gewesen sei, hätten sie auch dauernd Essen und Blumen vorbeigebracht. Zias denkt noch immer gerne „an diese schöne Zeit in unserer großen Wohnung auf dem Ölberg mit Blick in die Jüdische Wüste“. Anfang der 70er Jahre zog die Familie schon der Kinder wegen wieder in die Weststadt. Aber mitgenommen habe er eine Einsicht, sagt Joe Zias: „Behandle einen Araber mit Respekt und du bekommst es zehn Mal zurück.“

Jerusalem ist gefährlich geworden

Für jüdische Siedler, die sich in Ost-Jerusalemer Vierteln hinter Stacheldraht verschanzten und palästinensische Ansässige aus ihren Häusern verdrängten, hat Zias kein Verständnis. Vor ein paar Jahren sei er im Park zufällig mit einer israelischen Mutter ins Gespräch gekommen, deren Kinder dort spielten. Sie lud ihn ein in ihre Siedlung in A-Tur, einen palästinensischen Stadtteil neben dem Ölberg, wo auch Zias mal gewohnt hat. „Bei euch sieht es aus wie in einer Militärfestung“, hat er ihr entgegnet. „Da gehe ich nicht mal zu Besuch hin.“

Wie viele säkulare Israelis spielt auch er inzwischen mit dem Gedanken, die Stadt zu verlassen. „Wenn ich könnte, wäre ich sofort weg, aber meine Frau hat hier noch einen Job“, sagt Zias. Sein geliebtes Jerusalem sei ein gefährliches Pflaster geworden, beherrscht vom Konflikt, der beiden Völkern kein normales Leben gestatte.

Dabei überwiegt an ruhigen Tagen in der Stadt der drei Weltreligionen eine Art pragmatische Koexistenz. Trotz latenter Anschlagsgefahr drängen sich in der Straßenbahn schläfengelockte Juden wie moslemische Kopftuchfrauen, israelische Siedler wie palästinensische Arbeiter. Wenngleich mit verstohlenen Blicken taxiert wird, wer zur eigenen und wer zur anderen Seite gehört.

Auch beim Shopping in der Jaffastraße oder im Kaufparadies Malha Mall geht es gemischt zu. Geradezu vorbildhaft gelingt das im Universitätsklinikum Hadassah und anderen Krankenhäusern, wo jüdische und arabische Ärzte Patienten ungeachtet ihrer nationalen Zugehörigkeit unterschiedslos behandeln. „Inseln der Vernunft“ nennt Judith Oppenheimer diese Orte. Sie machen den Alltag in Jerusalem erträglich, dieser „heiligen Stadt“, in der so viele Gott lieben und ihre Nachbarn hassen. Aber der Konflikt kann sich jederzeit an den religiösen und nationalen Frontlinien entzünden.

Judith Oppenheimer, eine aparte Frau um die 50 mit kurzen schwarzen Haaren, ist Direktorin von „Ir Amim“, einer israelische NGO, die eine politische Lösung für Jerusalem fordert. „In dieser Stadt leben nun mal zwei Völker“, sagt Oppenheimer. „Aber die eine Seite, Israel, nimmt sich das Recht raus, über den Raum und die Menschen auf der anderen Seite zu herrschen.“ „Ir Amim“ – Stadt der Nationen – vertritt eine andere Vision: Jerusalem als Hauptstadt beider Völker, Israelis und Palästinenser. So zu tun, als ob sie schon heute in Jerusalem gleichgestellt seien, ist in Oppenheimers Augen „pure Heuchelei“.

Die Fakten sprechen für sich. Palästinenser aus Ost-Jerusalem, immerhin knapp vierzig Prozent der Stadtbevölkerung von über 800 000 Einwohnern, genießen nur ein Residenzrecht, das Israel widerrufen kann. Zum Beispiel, wenn ihnen infolge längerer Auslandsaufenthalte Nachweise fehlen, dass ihr Lebensmittelpunkt Jerusalem ist. Volle Bürgerrechte wie das Wahlrecht zur Knesset besitzen sie nicht. An Kommunalwahlen dürfen sie teilnehmen, was sie in der Regel nicht tun, damit ihnen keiner vorwerfen kann, sie hätten sich mit der israelischen Besatzung abgefunden.

Die Folge: Der Stadtrat muss auf ihre Stimmen nicht zählen und sich um ihre Belange nicht kümmern. So klafft die Lebensqualität im jüdischen Westteil sowie im israelischen Siedlungsring im Osten weit auseinander. In den arabischen Vierteln quellen die Abfallcontainer über, weil die Müllabfuhr zu selten kommt. Die städtischen Schulen sind, von Vorzeigeeinrichtungen abgesehen, heruntergekommen, es fehlen tausend Klassenzimmer. Viele Straßen sind kaputt. Post wird so gut wie gar nicht ausgetragen. „Wir können keine Loblieder auf das vereinte Jerusalem singen“, dämpfte Israels Staatspräsident Reuven Rivlin die Jubelstimmung am Jerusalem-Tag, „solange der Ostteil das ärmste urbane Gebiet in Israel ist.“

Seit dem Bau der Sperrmauer ist dort die Zahl der Arbeitslosen und Sozialempfänger noch gestiegen. Dieser sechs bis acht Meter hohe Betonwall schneidet nicht nur Jerusalem vom Westjordanland ab, dem traditionellen Einzugsgebiet. Er verläuft teils mitten durch arabische Außenbezirke. Jeder vierte Palästinenser wurde so ausgegrenzt und wohnt nun hinter der Mauer, von wo aus man in die Stadt nur über kilometerlange Umwege und Checkpoints gelangt.

Politisch geeint ist Jerusalem nur auf dem Papier. Ungeachtet des Knesset-Beschlusses von 1980, mit dem ganz Jerusalem zur vereinten Hauptstadt Israels erklärt wurde, besteht in den Köpfen die alte Teilungslinie fort. „Die meisten Israelis“, konstatiert Judith Oppenheimer, „setzen jenseits von Besuchen in der pittoresken Altstadt lieber keinen Schritt in den arabischen Ostteil“ – schon aus Angst, Steinwürfe zu kassieren. International wird die faktische Annexion Ost-Jerusalems ohnehin nicht anerkannt.

Raum für Begegnung zwischen Christen, Juden und Moslems

Und doch treiben in den starren politischen Verhältnissen ungeahnte Blüten. So haben sich ein paar Dutzend junger Israelis und Palästinenser einen Treffpunkt auf den Dächern über der Altstadt geschaffen. Im Schnittpunkt zwischen christlichem, jüdischem und moslemischem Viertel stoßen sie so dicht aneinander, dass man auf ihnen, wie auf einem Freigelände, spazieren kann. Der Anstoß dazu kam von Ahmed, einem 21-jährigen Jurastudenten der palästinensischen Birzeit-Universität, und von dem drei Jahren älteren Oren, einem Kunststudenten der israelischen Bezalel-Akademie. Kennengelernt haben sich die beiden bei „Kids4Peace“, einem mit amerikanischen Fördergeldern finanzierten Dialogprogramm. „Wir wollten einen Raum für Begegnung in der wirklichen Welt, so richtig mittendrin“, sagt Ahmad.

Eine Menge Freunde zogen mit, die genauso neugierig wie die beiden darauf sind, wie die andere Seite, die vorgeblich „feindliche“, denkt. Gemeinsam unternahmen sie eine Kunstaktion auf dem Dach, räumten herumliegenden Dreck und Sperrmüll weg und malten eine Mauer in Regenbogenfarben an. Über ihre Facebook-Seite „Jerusalem Art“ trommelten sie an die hundert Leute zusammen, Israelis wie Palästinenser, die sich erstmals dort oben, an einem Abend im Fastenmonat Ramadan, unter dem Sternenhimmel Jerusalems, über ihre so unterschiedlichen Leben austauschten. Beim zweiten Mal kreuzten auch die gefürchteten Jungs von Lehava (Flamme) auf, eine ultrarechte israelische Organisation, die überhaupt nicht mag, wenn Juden sich mit Muslimen anfreunden. „Uns blieb keine Wahl“, erzählt Ahmed, „wir mussten die Polizei rufen, um eine Eskalation zu vermeiden.“

Aber die Gruppe „Jerusalem Art“ macht weiter, bis heute. Inzwischen haben sich auch die Einwände besorgter Eltern gelegt, die meinten, man müsse aufpassen, keiner Gehirnwäsche unterzogen zu werden. „Für uns“, sagen Ahmed und Oren einstimmig, „ist Jerusalem Art Teil unseres Lebens geworden.“ Sonst wäre diese so zerrissene Stadt für sie auch gar nicht zum Aushalten.

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