+
Neue Sarmat-Rakete - oder Aufnahmen einer älteren Rakete? Experten stellen Putins Auftritt infrage.

Russland

Eine Wunderwaffe namens Wolodja

  • schließen

In Russland werden Zweifel laut, ob die von Putin vorgestellten Systeme überhaupt neu sind ? und ob sie funktionieren.

Der Duma-Abgeordnete Michail Degtjarew schlägt „Friedenstaube“ vor, der Journalistik-Professor Witali Tretjakow „Putin“, Margarita Simonjan aber, die Chefredakteurin des Auslands-TV-Kanals Russia Today, „Wolodja“, nach dem Kosenamen des Präsidenten.

Russlands Patrioten suchen eifrig nach Namen für die noch ungetauften neuen Waffensysteme, die Wladimir Putin am Donnerstag in seiner Rede zur Lage der Nation vorgestellt hatte. Das Verteidigungsministerium hat einen entsprechenden Namenswettbewerb ausgeschrieben.

Putin präsentierte insgesamt sechs Systeme, darunter atomgetriebene Überschallraketen, Unterwasserdrohnen sowie Laserwaffen. Und er erklärte Russland zu einer dem Westen technisch überlegenen Supermacht: Solch einzigartige Waffen könne nur ein Staat mit Grundlagenforschung auf höchstem Niveau, mit einer gewaltigen technologischen, industriellen und personellen Basis entwickeln.

Allerdings gibt es in Russland erste Zweifel an diesem Hyperwaffen-Arsenal. Der Präsident dokumentierte die unbegrenzten Möglichkeiten der neuen Raketen mit Videoaufnahmen, die zum großen Teil aus Trickfilmen bestanden. Dabei wurden laut dem Internetkanal TV Doschd zur Präsentation der Interkontinentalrakete „Sarmat“ Ausschnitte aus einem Fernsehfilm von 2007 verwendet, die ältere Wojewod-Raketen im Anflug auf die USA zeigen. Und der Raumfahrtspezialist Iwan Moissejew staunte gegenüber der Internetzeitung „The Insider“ über die atomgetriebene Rakete, die Putin ebenfalls per Computergrafik annonciert hatte: „Es ist unmöglich und überflüssig, einen Marschflugkörper mit einem Nukleartriebwerk zu bestücken. Und es gibt solche Triebwerke nicht.“ In Entwicklung sei zur Zeit nur ein atomares Triebwerk für eine kosmische Rakete, das frühestens 2027 in die Erprobung gehe. 

Der Militärexperte Alexander Golz sagte Radio Echo Moskwy, wenn es wirklich gelungen sei, ein Atomtriebwerk sicher in einem Flugapparat zu installieren, wäre das eine so epochale Erfindung wie das Internet. „Von dem Geld kann Russland die nächsten 30 Jahre leben.“ Und dann sei es unverständlich, warum Putin im ersten Teil seiner Rede so eindringliche Befürchtungen bezüglich Russlands technologischem Rückstand äußerte.

Sein Kollege Viktor Litowkin vermutet auf Anfrage der FR, es handle sich gar nicht um eine Rakete, sondern um einen kleineren Gefechtskopf, mit dem Sarmat-Raketen bestückt werden könnten. Mit Putins neuen hyperschnellem Raketensystem Awantgard aber sei die Interkontinentalrakete Rubesch gemeint, bisher wenig erprobt, aber auch bei der Nato als SS-X-31 seit Jahren bekannt. „Putin wollte die USA wohl erinnern, dass wir auch mit wenig Geld Waffen entwickeln können, die ihre Antiraketenschilder nicht stoppen können.“ Was russische Laserwaffen angeht, ist aber auch Litowkin skeptisch: „Es gibt noch keine Batterien, deren elektrische Ladung für solche Waffen ausreicht; Wolken, Rauch oder Regen machen sie unschädlich.“

Nach Ansicht der Fachleute sind die neuen Waffen zum Teil längst bekannt, zum Teil handelt es sich um Projekte, deren Einsatzbereitschaft sehr fraglich ist. Wie einst der Panzer Armata, den Moskau stolz bei der Siegesparade 2016 präsentierte, danach seine Serienproduktion aber immer wieder verschob, zuletzt auf 2020.

Die russische Botschaft in Washington aber hat die US-Bürger ebenfalls aufgerufen, sich Namen für die neuen Wunderwaffen auszudenken. Es mag unklar sein, was diese wirklich taugen, propagandistisch will der Kreml jedenfalls so viel aus ihnen herausholen wie möglich.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion