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Der Alltag im Flüchtlingslager auf Lesbos ist monoton. Dagegen soll improvisierter Unterricht helfen.
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Der Alltag im Flüchtlingslager auf Lesbos ist monoton. Dagegen soll improvisierter Unterricht helfen.

Lesbos

Lesbos: Hoffnung für die Kinder unter den Geflüchteten

  • Pitt von Bebenburg
    VonPitt von Bebenburg
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Im Elend des Camps auf Lesbos haben Menschen auf Afghanistan eine Schule aufgebaut. Internationale Helferinnen und Helfer unterstützen sie.

Lesbos – Mahdie Jafari ist erst 17 Jahre alt, aber sie stellt sich stolz als Schuldirektorin vor. Es ist eine Schule der anderen Art, die die junge Frau aus Afghanistan auf der griechischen Insel Lesbos mitorganisiert. Gemeinsam mit sechs anderen Menschen aus ihrem Heimatland, einer Französin und einem jungen Mann aus Nepal betreibt sie die Schule mit dem Namen „Wave of Hope for the Future“, zu deutsch: Welle der Hoffnung für die Zukunft.

Wellen haben die Menschen hier am eigenen Leibe erlebt. Die Menschen aus Afghanistan, Syrien, aus Somalia oder Kongo sind mit wackligen Schlauchbooten herübergekommen von der nahegelegenen Türkei. Wellen müssen für sie bedrohlich sein. Doch die „Wave of Hope“ soll ihnen Halt geben, Mut und Hoffnung.

Lager für Geflüchtete auf Lesbos: Ein Viertel der Bewohner ist minderjährig

Bildung ist Mangelware für die Gelüchteten auf Lesbos, obwohl rund ein Viertel von ihnen Minderjährige sind. In den örtlichen Schulen gab es Proteste, als anfangs Flüchtlingskinder in Klassen aufgenommen wurden. Seit die Corona-Pandemie weltweit grassiert, ist es ganz vorbei mit der offiziellen Bildung. Die Jungen und Mädchen dürfen das Lager nicht mehr für den Schulbesuch verlassen. Also muss der Unterricht zu ihnen kommen, soweit das möglich ist.

„Wave of Hope“ ist eine von Flüchtlingen selbst organisierte Bildungseinrichtung. Sie unterrichten im Lager Kara Tepe auf Lesbos, in den Zelten und Containern, wo die Menschen leben. Gestartet ist die Schule bereits im berüchtigten Lager Moria, das im September 2020 abbrannte, angezündet von Bewohnern des völlig überfüllten Camps.

„Für mich ist Bildung der Schlüssel für die Zukunft“, sagt Mahdie, die Englischstunden gibt und Gitarre unterrichtet. Das Modell habe sich mittlerweile ausgedehnt. „Wave of Hope“-Schulen gebe es an vielen Orten in Griechenland, wo Flüchtlinge untergebracht seien.

Schule in Lager auf Lesbos: 25 Lehrkräfte gehen von Zelt zu Zelt

Zeitweise habe die „Wave of Hope“ allein in Moria 2700 Schülerinnen und Schüler erreicht, berichtet ihr Kollege Sanam Ghale, der Nepalese. 44 Lehrkräfte seien im Lager im Einsatz gewesen, um Englisch zu unterrichten, Griechisch, Deutsch, Französisch, Kunst und Musik. In dieser Woche geht der Unterricht endlich wieder los, berichtet Sanam Ghale, die Corona-Regeln sind in Griechenland gelockert worden. 25 Lehrkräfte seien derzeit für „Wave of Hope“ tätig. Sie gehen in die Zelte, und sie nutzen Räume von „One Happy Family“.

Man muss einen steilen Weg hinauflaufen, um zu Nicolas Perrenoud und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern zu gelangen. Oben auf dem Hügel nutzen sie eine ehemalige Lagerhalle, um den Menschen aus dem Camp vieles zu ermöglichen, was unten nicht geht. „One Happy Family“ bietet WLAN, eine Fahrradwerkstatt und eine Handywerkstatt, einen Kräutergarten, eine Kleiderkammer. Es gab vor Corona auch eine Feldküche. Zu Höchstzeiten seien hier mehr als 1000 Mahlzeiten pro Tag von bis zu 60 Helferinnen und Helfern ausgegeben worden, schildert Perrenoud.

Die Lehrerin Mahdie Jafari und ihr Kollege Sanam Ghale berichten über „Wave of Hope“.

Auch Bildung gehört zum Angebot. Nicht nur „Wave of Hope“ nutzt Räume. Eine andere Organisation, die „International School of Peace“, betreibt eine Schule für Erwachsene sowie ein Programm für Jugendliche.

Schule auf Lesbos: Unbekannte zünden Gebäude an

Zumindest war das so, bis die Schulgebäude im März 2020 angezündet wurden. Bis heute sind die Brandstifter nicht gefasst, das Team von „One Happy Family“ baute die Häuser selbst wieder auf. Perrenoud hegt den Verdacht, dass Fremdenfeinde das Feuer gelegt haben.

Der Schweizer mit der Schiebermütze und der Brille lebt seit drei Jahren hier, um sich bei „One Happy Family“ zu engagieren. Inzwischen ist das Koordinierungsteam auf sechs Personen gewachsen: zwei Griechen, drei Menschen mit Flüchtlingshintergrund und der Schweizer Perrenoud.

Das Gelände ist bunt bemalt. Der Kontrast zum Lager auf hellgrauem Geröll, das von hier oben gut zu überblicken ist, könnte kaum größer sein. Vor einem orangefarbenen Container stehen Menschen an. „Unser Online-Shop“, erklärt Perrenoud augenzwinkernd. Es sind geflüchtete Männer und Frauen, die per SMS einen kostenlosen Beutel mit Hygieneartikeln bestellt haben – Dinge, die unten im Lager nur unzureichend vorhanden sind: Shampoo, Tampons, sogar Toilettenpapier.

Hilfe für Geflüchtete auf Lesbos: München spendete Fahrräder

Manche Flüchtlinge sind per Fahrrad den steilen Weg hinaufgefahren. Woher haben sie die Drahtesel? Sie stammten aus München, berichtet Nicolas Perrenoud. Die Stadt habe 2000 nicht abgeholte Fahrräder aus dem Fundbüro gespendet, „seitdem gibt es hier Fahrräder“. Eine gute Idee – vielleicht sollten andere Städte dem Beispiel folgen.

In der großen Halle von „One Happy Family“ ist ebenfalls aus Spenden eine Kleiderkammer entstanden. Auf einer Ablage hat das Team Decken und Matratzen gesammelt. „Das ist so ein bisschen ein Notfallplan, falls wir mal Menschen beherbergen müssen“, sagt Perrenoud. Als Moria abbrannte, war niemand darauf vorbereitet, Unterschlupf für eine große Zahl Betroffener zu bieten.

Besonders beliebt in „One Happy Family“ ist ein Videoprojekt, das von der Polin Sonia Nandzik und dem Amerikaner Douglas Herman gegründet wurde. Geflüchtete setzen sich bei „Refocus Media Labs“ mit dem Medium Film auseinander. Sie drehen Videos über ihre Situation und berichten von dort, wohin professionelle Medien oft keinen Zutritt haben: aus dem Lager. Den Behörden ist das nicht geheuer. Sie wiesen Douglas Herman aus. Derzeit ist ungewiss, wann er wiederkommen kann.

Bilder vom Stacheldraht

Hier oben bei „One Happy Family“ können und sollen die Geflüchteten ihr Leben selbst in die Hand nehmen, Projekte anstoßen und organisieren – wie es „Wave of Hope“ tut. Die NGOs versuchen, sich von den Einflüssen des Staates freizuhalten, so gut das geht. „One Happy Family“ und „Wave of Hope“ finanzieren ihre Arbeit aus Spenden.

In der Altstadt der Inselhauptstadt Mytilini ist zudem eine Galerie von „Wave of Hope“ entstanden, in der sie Bilder von Künstlerinnen und Künstlern aus dem Lager zeigen. Stacheldraht taucht häufig auf ihren Bildern auf. Doch es gibt auch Sonnenaufgänge zu sehen – künstlerische Hoffnungszeichen in ausweglosen Situationen. (Pitt von Bebenburg)

Die Überreste des verkohlten Lagers Moria auf Lesbos sind noch heute nicht beseitigt worden. Währenddessen versucht ein Arzt aus Mainz einen gelähmten Geflüchteten nach Deutschland zu holen.

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