Frauen mit Mundschutz in der zerstörten libanesischen Haupstadt Beirut.
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Für die Menschen im Libanon ist die Explosionskatastrophe in Beirut eine weitere Tragödie in dem geschundenen Land.

„Das ist zu viel für unser Volk“

Explosion in Beirut: Eine weitere Tragödie für den geschundenen Libanon

  • Martin Gehlen
    vonMartin Gehlen
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Im Libanon leiden die Menschen schon lange unter den Folgen von Kriegen und korrupter Politik. Ob sich das Land von der Explosion in Beirut je erholen wird, ist fraglich.

  • Die verheerdene Explosion sorgt in Beirut für Tote, Verletzte und viel Elend.
  • Libanons Staatschef ruft nach der Katastrophe den Notstand aus.
  • Für das bereits geschundende Land im mittleren Osten ist es eine Tragödie.

Beirut – Plötzlich brach der Gouverneur von Beirut in Tränen aus. „Das ist zu viel für unser Volk“, schluchzte er und wischte sich mit dem Taschentuch durch die Augen. Noch nie in seinem Leben habe er eine solche Zerstörung gesehen. „Das ist eine nationale Katastrophe, wie sollen wir da jemals wieder rauskommen“, sagte Marwan Abboud bei einem Rundgang durch den verwüsteten Hafen.

Von dem gigantischen Silo, in dem nahezu die gesamten Getreidevorräte des Libanon lagerten, steht nur noch ein aufgerissenes Wrack. Zentrale Teile Beiruts sehen nach der sekundenkurzen Mega-Explosion aus wie nach einem jahrelangen Bürgerkrieg. 100 Tote wurden bisher gezählt, viele Opfer liegen noch unter den Trümmern begraben. Mindestens 4000 Menschen sind verletzt, darunter auch Deutsche, Niederländer und Franzosen. Vier Krankenhäuser wurden zerstört, zwei weitere beschädigt, Hunderte Patienten mussten evakuiert werden. Die übrigen Kliniken sind überwältigt von dem Andrang Schwerverletzter, von denen manche zunächst unter freiem Himmel versorgt werden mussten.

Die verheerende Explosion hat sich an Beiruts Hafen ereignet.

Nach der Explosion spiele sich in Beirut Szenen wie in einem Horrorfilm ab

„Wir haben drei Krankenschwestern verloren, mir fehlen die Worte, das zu beschreiben. Es ist wie in einem Horrorfilm“, sagte die Präsidentin des Verbandes der Pflegekräfte, Mirna Doumit. Abertausende Bewohner trugen zudem Schnittwunden durch herumfliegende Glassplitter davon. Kaum eine Fensterscheibe im Umkreis von zehn Kilometern blieb heil. Auf Instagram fahnden Familien verzweifelt nach vermissten Angehörigen. Beirut und der Libanon werden Jahrzehnte brauchen, um sich von dieser Katastrophe zu erholen, wenn überhaupt.

„Ich habe den Bürgerkrieg durchgemacht, die israelische Invasion 1982 und den libanesisch-israelischen Krieg 2006, aber eine solche Explosion habe ich noch nie gesehen“, berichtete ein Augenzeuge gegenüber dem Sender CNN. In vielen Straßenzügen dasselbe Bild. Balkone sind abgerissen, Klimaanlagen baumeln herab, verbeulte Autos überall, der Asphalt ist bedeckt mit Glassplittern.

Gefährliches Ammoniumnitrat

Am 21. September 1921 detonierten in einem Werk des Chemiekonzerns BASF in Oppau bei Ludwigshafen 4500 Tonnen Ammoniumsulfatsalpeter – eine als Düngemittel verwendete Mischung aus Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat. Mehr als 500 Menschen starben, die genaue Zahl ist unklar. Die umliegenden Gemeinden wurden verwüstet, die Explosion war noch bis ins rund 75 Kilometer entfernte Frankfurt am Main zu spüren und richtete selbst über diese Entfernung Schäden an. Zu hören war sie laut Zeugen noch im 300 Kilometer entfernten München. Mehr als tausend Menschen wurden bei dem Vorfall verletzt, der zu den weltweit bisher größten Industrieunglücken gehört und große Bestürzung auslöste. Die Düngesalzmischung explodierte in einem Silo. Ursache waren späteren Untersuchungen zufolge Fehleinschätzungen bei Lagerung und Verarbeitung. So wurde die zu Verklumpung neigende Masse durch kleine Sprengungen aufgelockert – was nur sicher ist, solange der Ammoniumnitratanteil unter einer bestimmten Schwelle liegt.

Das geruchlose Salz war in den vergangenen Jahrzehnten bereits für zahlreiche Explosionen verantwortlich – bei Unfällen und Anschlägen. So verwendete der Attentäter des Anschlags in Oklahoma City 1995 mit 168 Toten beim Bau der Bombe zwei Tonnen der Substanz. In einer Chemiefabrik im französischen Toulouse kamen bei der Explosion von rund 300 Tonnen Ammoniumnitrat 2001 31 Menschen ums Leben. Bei einer Explosion in einer Düngemittelfabrik in Texas 2013 starben 15 Menschen.

Ammoniumnitrat ist ein starkes Oxidationsmittel, das zur Herstellung von Düngemittel, aber auch von Sprengsätzen verwendet wird. Unter normalen Lagerbedingungen und bei mäßigen Temperaturen entzünde sich Ammoniumnitrat nur schwer, erläutert die Chemie-Expertin Jimmie Oxley von der Universität in Rhode Island.

Trotz der Gefahren ist Ammoniumnitrat laut Oxley in der Landwirtschaft und für Sprengungen in der Bauindustrie unverzichtbar. „Ohne Sprengstoff wäre die moderne Welt nicht möglich, und ohne Ammoniumnitrat-Dünger könnten wir die heutige Bevölkerung nicht ernähren“, sagt sie. (afp)

Mindestens 250.000 der 2,4 Millionen Einwohner verloren nach ersten Schätzungen der Behörden ihre Bleibe. Die Fotos auf Twitter von zerstörten Möbeln, herabgefallenen Decken und zerborstenen Fensterscheiben gehen in die Tausende. „Ich laufe die ganze Zeit im Kreis herum durch meine Wohnung und weiß nicht, wo ich anfangen soll“, zitierte die Zeitung „l’Orient – le Jour“ eine Frau aus dem Stadtteil Achrafiyé, der mit am stärksten betroffen ist. Ihre Nachbarin will die kaputten Scheiben zunächst nur durch Pappen ersetzen. Vorrang für sie hat die zerborstene Haustüre, weil viele Plünderer unterwegs sind. Ihr Schreiner jedoch musste sie vertrösten. Er wisse nicht, was von seiner Werkstatt noch übrig sei, ob er überhaupt noch Holz und Werkzeug habe, sagte er am Telefon.

Bereits vor der Explosion in Beirut herrschte im Libanon eine Staatskrise

Staatspräsident Michel Aoun rief einen zweiwöchigen Notstand aus in einem Land, das bereits seit Monaten in einer tiefen Staatskrise steckt und dessen korrupte politische Eliten sämtliche Reformen boykottieren. Mindestens 80 Milliarden Dollar sind in dem maroden Bankensystem versickert, wahrscheinlich sehr viel mehr. Die heimische Währung befindet sich im freien Fall, allein in den letzten drei Monaten stiegen die Lebensmittelpreise um 150 Prozent. Reihenweise mussten Firmen und Geschäfte schließen. Arbeitslosigkeit und Kriminalität grassieren. Die Hälfte der sechs Millionen Libanesen lebt heute unterhalb der Armutsgrenze. Vor allem ältere Menschen mit wertlos gewordenen Renten, die in dem Müll auf den Straßen nach Essbarem suchen, sind inzwischen ein gewohnter Anblick. Anfang Juli schnellten erstmals auch die Corona-Infektionen nach oben, die viele Krankenhäuser schon vor der jüngsten Katastrophe an ihre Belastungsgrenzen brachten. Seit Wochen haben weite Teile des Landes nur noch vier Stunden Strom am Tag, was die Suche nach Toten und Überlebenden im nächtlichen Beirut extrem erschwerte.

Zu der genauen Ursache der Apokalypse gab es auch am Tag danach kein klares Bild. Ministerpräsident Hassan Diab erklärte im Fernsehen, 2750 Tonnen Ammoniumnitrat seien in die Luft geflohen, die seit sechs Jahren in einer Halle des Hafens unsachgemäß gelagert worden seien. Die hochexplosiven Chemikalien, die normalerweise zur Herstellung von Dünger verwendet werden, sollen von einem Schiff stammen, welches 2013 von Georgien nach Mosambik unterwegs war und in Beirut strandete. Ungeklärt ist jedoch, was der kolossalen Detonation vorausging.

Die Versorgung im Libanon steht nach der Explosionskatastrophe in Beirut auf der Kippe

Das Handyvideo eines Augenzeugen im Hafenareal zeigte zunächst ein Feuer und eine erste Explosion, der dann wenige Sekunden später die Mega-Druckwelle folgte. Was diesen Brand auslöste, dazu schweigen bisher die libanesischen Ermittler. Lokale Medien berichteten, Schweißarbeiten seien der Grund gewesen. Auf Twitter kursierte ein Foto von drei Männern, die an dem Eisentor der Lagerhalle mit den Ammoniumnitrat-Säcken arbeiten, von denen einer eine Corona-Maske um den Hals hat.

Libanesische Soldaten suchen nach Überlebenden.

Militärexperten wie der frühere CIA-Mitarbeiter Robert Baer dagegen wiesen darauf hin, die intensiv-orange Farbe der Explosionswolke in Beirut könnte auch auf militärischen Sprengstoff hindeuten und damit auf eine vorsätzliche Tat.

Am Mittwoch liefen weltweite Hilfsflüge für Libanon an. Frankreich als ehemalige Kolonialmacht schickte Bergungsspezialisten und Medikamente. Aus Russland trafen fünf Transportmaschinen mit Ärzten und einem Feldkrankenhaus ein. Die Golfstaaten Katar, Kuwait und die Vereinigte Arabische Emirate brachten mobile Kliniken auf den Weg. Aber auch die alltägliche Versorgung der breiten Bevölkerung steht nach dem Unglück auf der Kippe. (Martin Gehlen) Chaos und Gewalt: Maas reist nach Beirut – Wie stabil bleibt der Libanon?

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