Das Leben ist hart in Gaza: Junge Palästinenserinnen müssen lernen, sich durchzuboxen – im wahrsten Sinne des Wortes.
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Das Leben ist hart in Gaza: Junge Palästinenserinnen müssen lernen, sich durchzuboxen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Gaza

Nur eine weitere Krise für Gaza

  • Inge Günther
    vonInge Günther
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Einige Arbeiter verdienen in Gaza ein wenig durch Nähen von Masken – doch ihre Lage bleibt prekär.

In den Werkstätten bröckelt der Putz, die Maschinen sind veraltet und die Arbeiter unterbezahlt. Aber seit Wochen läuft die Produktion in Gazas Nähfabriken auf Hochtouren – erstmals nach jahrzehntelangem Niedergang. Fast rund um die Uhr werden Gesichtsmasken, Krankenhauskittel und Schutzkleidung gefertigt, nicht nur für den heimischen Bedarf, sondern auch für Israel und den Export in alle Welt.

Die Pandemie hat der palästinensischen Textilindustrie eine ungeahnte Auftragslage beschert. Siebzig Prozent der Werkhallen produzierten inzwischen ausschließlich Ausrüstung zur Virenabwehr, berichtet Nabil Bawab, Chef von Unipal 2000, einer der größten Firmen im Gazastreifen mit derzeit 600 Beschäftigten. Voll ausgelastet sind auch kleinere Schneidereien.

Die strikte Abriegelung Gazas, in Kraft seit der Machtübernahme durch die Hamas im Juni 2007, wurde mit dem Ausbruch des Coronavirus noch einmal verschärft. Auch Journalisten dürfen nicht mehr rein und müssen sich mit Telefoninterviews begnügen.

Aber am Grenzpunkt Kerem Schalom stauen sich fast täglich die Lastwagen, die Material für die Nähfabriken anliefern und fertige Ware abtransportieren.

Fünf Millionen Masken und 10 000 Schutzanzüge made in Gaza wurden bereits ausgeführt, um, wie Unternehmenschef Bawab stolz bemerkt, „allen Ländern der Welt zu helfen“.

Der Verdienst jener, die an Schneidetischen und Nähmaschinen rackern, ist allerdings bescheiden, er liegt zwischen acht und 25 US-Dollar pro Schicht. Der Aufschwung der Textilbranche ändert an der miserablen Lage in dem schmalen, übervölkerten Küstenstreifen ohnehin wenig. Von zwei Millionen Einwohnern haben 75 Prozent kein festes Einkommen. „Auch wenn jetzt ein paar Tausend Arbeiter wieder einen Job haben, ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, meint Hannes Alpen vom Palästina-Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Zum Vergleich: in den Jahren vor der Blockade fanden 35 000 Palästinenser in der heimischen Textilindustrie Lohn und Brot.

Einen positiven Nebeneffekt hat Gazas Isolation dennoch – mit weniger als 20 Corona-Infizierten blieb die gefürchtete Seuchenkatastrophe in den Flüchtlingslagern bislang aus, nicht zuletzt dank des Einsatzes der Weltgesundheitsorganisation WHO, die Tests beschaffte und Quarantäne-Zentren überwacht.

Mit drastischen Ausgangssperren hielten die palästinensischen Behörden auch im Westjordanland das Virus in Schach. Vier Todesfälle bei über 520 positiv auf Corona Getesteten nehmen sich vergleichsweise harmlos aus. Die Infektionskurve verläuft flach, was vor allem dem Management der Autonomieregierung unter Premier Mohammed Shtayyeh angerechnet wird. Der umtriebige Shtayyeh brachte den Privatsektor dazu, von Entlassungen im März und April abzusehen bei Fortzahlung halber Löhne. Über Spendenaktionen wurden Zehntausende Lebensmittelpakete für Bedürftige finanziert.

Seit dieser Woche dürfen zwar 50 000 Palästinenser wieder auf den Baustellen und Feldern in Israel arbeiten. Aber die Angst geht um, dass sie neben schwer verdientem Geld das Virus heimbringen. Die selbstproduzierte Schutzkleidung, auf die auch Schuhfabriken in Hebron und Manufakturen in Nablus umgesattelt haben, kann darüber nicht hinwegtäuschen: Aus Eigenmitteln, ohne internationale Unterstützung, werden Gaza und Westbank nicht auf die Beine kommen.

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